Dosenfleisch im Mülheim, Theater an der Ruhr

Teppichbodenmenschen im Crashkurs

Mitten auf der Bühne ein riesiges Schlagzeug, harter Beat kracht dröhnend auf uns ein, geht durch Mark und Bein. Auf dem Boden und in einem Stahlgestell verhakt krümmen sich zwei Frauen- und ein Männerkörper.

Dann tritt in schwarzem Smoking ein Fernfahrer (Daniel Jesch) auf: „mit einem dumpfen Knall, mit einem dumpfen Knall, mit einem dumpfen Knall zerplatzt…“ brüllt er in hektisch-rhythmisierter Kunstsprache ins Mikrofon. Er berichtet vom Geschehen draußen auf der Autobahn, doch was da „rotzgelb“ auf seiner Windschutzscheibe zerplatzte, war zunächst nur ein Insekt. Wir realisieren, dass wir uns in einer Raststätte unmittelbar vor einer Todeskurve befinden. Diese Autobahn, so erklärt der Neuankömmling mit sonorer, unangemessen pathetischer Stimme, die vergeblich versucht, den rasenden Verkehrs-Strom-Rhythmus aufzunehmen, „macht alles nieder, sprengt alles weg, geht drüber oder drunter oder mittendurch“, und wie wir später erfahren, geht sie gerade an dieser Stelle „mittendurch“ das Haus der Raststätten-Kellnerin, die einst hier lebte.

Und weil es an diesem Todes-Ort soeben wieder knallte - ein Laster verlor dabei seine Fleisch-Konserven-Ladung - muss unser Lasterfahrer hier einkehren. „plötzlich, wie aus dem nichts, ein fleischnebel. Verstellt völlig die sicht“. Dosen „platzen auf und sprühen ihre Füllung in die Luft“: „fleischnebel“.

Bis dahin könnte das Ganze eine Road-Satire werden, vielleicht auch ein Road-Krimi: außer dem gestoppten Fernfahrer, der nach seinem Prolog die weitere Handlung kommentierend begleiten wird, haben sich noch zwei aus der Bahn Geworfene bei der bizarren Raststättenbedienerin Beate (teuflisch gut: Dorothee Hartinger) eingefunden: die einstmals berühmte Fernsehschauspielerin Jayne (überzeugend fragil: Frida-Lovisa Hamann), eine besessene Sport-Coupé-Fahrerin, und der Versicherungsvertreter Rolf (bestechend: Tino Hillebrand) mit einem Aktenkoffer voller von ihm klassifizierter Wunden, der hier besessen nach der Systematik der Unfälle forscht. Sie alle kommen nicht weiter.

Aber so funktioniert die Geschichte nicht wirklich. Schon das titelgebende dosenfleisch meint keineswegs die zerquetschten Konserven, die „fleischnebel“ nach dem Laster-Unfall, sondern unmissverständlich die in ihren „blechkisten“ vorüberrasenden Menschen, die möglichen Unfallopfer, die „gefühlsverstopften teppichbodenmenschen“, oder noch drastischer: den „fleischsalat“ . Und dann werden wir ganz nüchtern über eine dritte, höchst realistische, total-makabre Bedeutungs-Version aufgeklärt: „ dosenfleisch nennt man im militärjargon, wenn tiefgefrorne leichen noch einmal zum einsatz kommen, um beispielsweise einen unfall vorzutäuschen“. Und das nicht nur theoretisch, nein, da fällt tatsächlich so ein tiefgefrorenes Dosenfleisch aus dem Kühlschrank (das sehen wir allerdings nicht). Und mehr und mehr verschiebt sich jede Realität, eine Meta-Ebene tut sich dem Zuschauer auf: Zweifellos ist die Raststätte an der Todeskurve, wo sich die Vier treffen, nur eine grausige Metapher für die Alltagsmonotonie, ein Nicht-Ort, von dem die mysteriöse Kellnerin sagt: „hier ist kein Ort und keine Zeit, hier rastet man im nirgendwo“.

Auch mit Jayne stimmt offenbar etwas nicht: die einst bekannte Diva wurde nach einem schweren Autounfall von niemandem mehr gesehen, sie wurde allgemein für tot gehalten. Doch jetzt entsteigt sie unter Rauchschwaden einer großen Kiste und wir hören: „die untote schauspielerin, die stirbt und wird unsterblich“ und darauf folgt ihre selbstmitleidige Klage, dass nach dem Unfall aus ihrem „unverdellten körper“ „fleischsalat“ geworden sei. Lebt sie überhaupt noch? Ist sie eine Untote? Eine Wiedergängerin?

Und Rolf, der bizarre Wundensammler und -sortierer, ein Fetischist menschlicher Verletzungen aller Art, der mit perverser Lust Unfällen nachspürt und mit morbider Faszination Todesstatistiken erstellt, er kommt zu dem Schluss, dass „die welt alles ist, was unfall ist“ und erklärt den Unfall zum Normalfall, zum Glücksfall. Er ist wohl der nächste Zu- Verunfallende. Er fühlt die Bedrohung, windet sich, doch weiß nicht mehr zu entkommen.

Und was ist mit den obskuren Kräften und bösen Machenschaften der Beate? Was hat sie zu tun mit dem mörderischen Geschehen vor ihrer Tür? Ist sie die Hexenmeisterin in der Vorhölle mit ihren knallroten Haaren und dem rohen Fleisch als T-Shirt-Aufdruck?

Mehr und mehr verdichtet sich die Atmosphäre ins Gespenstische: dann der finale Crash, das apokalyptische Inferno: Die Raststätte geht in Flammen auf, die Autobahn wird vernichtet.

War es das?

Eine fantastische Aufführung, voll schwarzem Humor und aggressivem Zynismus.

Doch dann stellt sich die Sinnfrage: Sollen wir diese poetischen Splatter-Motive als existenzielle Lebensmetapher sehen? Will sagen: Der durchs Leben rasende, orientierungslose Mensch braucht den finalen Knall, um zu sich selbst zu finden?

Vielleicht ist es nicht die philosophische Un-Tiefe, die das Stück interessant macht, sondern das mutige Sprachexperiment. Mit deftig-derben und drastischen Bildern, dazu plastischen Wortschöpfungen und raffinierten Sprachspielen schafft Schmalz eine sprachliche Künstlichkeit, die seinen Figuren entspricht und prägnant funktioniert. Dazu schafft er durch Wort- und Phrasenwiederholungen, durch ungewöhnliche Wortstellungen und Substantivierungen eine Rhythmisierung und Heftigkeit, die bei dieser Inszenierung noch durch die permanente Schlagzeug-Untermalung verstärkt wird und die Kulisse der Todeszone transportiert.

Insgesamt wagt Ferdinand Schmalz eine Sprachartistik, die bis an die Schmerzgrenze geht und dabei gelegentlich - leider - in Kalauern oder manierierten Bemühungen mündet.

Am Ende frage ich mich, ob es Ferdinand Schmalz in diesem schwarz-humorigen Stück nicht weniger um den Inhalt, als um die Sprachartistik geht.

Ganz frei nach Bert Brecht wage ich zu sagen: Wir stehen nicht enttäuscht, doch sehn betroffen den Vorhang zu und viele Fragen offen.