Zweite allgemeine Verunsicherung im Mülheim, Theater an der Ruhr

„Wie kann jeder glücklich werden, obwohl wir alle gleichzeitig gemeinsam da sind?“

Felicia Zeller, geboren 1970 in Stuttgart, schreibt Theatertexte und Prosa und hat sich zudem einen Namen als Autorin und Regisseurin vieler Filme gemacht. Ihr neuestes Werk Zweite allgemeine Verunsicherung hat sie für das Schauspiel Frankfurt geschrieben. Der Titel lehnt sich an eine österreichische Pop-Band an, die wiederum zur Namensfindung eine Versicherung bemühte.

In diesem Stück rottet sich eine Gruppe narzisstisch- depressiver Menschen zusammen, die sich allesamt in endloser Lamentiererei und Jammerei ergehen. Zeller erklärt das Grundprinzip so: „In Zweite allgemeine Verunsicherung ist jeder Gedanke, jede Äußerung Anlass zu Kritik und Selbstkritik. Verunsicherte verunsichern sich gegenseitig. Ausgeschlossene schließen sich gegenseitig aus. Der Text ist ein Text der Krise und der Krise über die eigene Krise.“ Depression, Frust und Aggression sind die vorherrschenden Emotionen. Wiederholung ist ein hervorstechendes Moment, auch in der für Zeller so typischen Sprache. Sie verwendet Alltagssprache, lässt aber viele Sätze unvollendet, was sie als „Text- und Gedankenbeschleuniger“ bezeichnet. „Sprechen wollen, aber nicht sprechen können.“ Die Stückvorlage ist eine Textfläche, die in acht Abschnitte eingeteilt ist mit Titeln wie „In der Hölle“, „Auf dem Roten Teppich“, „Im Theater“ oder „Im Hinterzimmer“. Personen werden nicht genannt. Eine durchgehende Handlung gibt es nicht. Schlaglichtartig begegnet man sich auf dem roten Teppich einer Film-Gala. Prominente, Sicherheitsbeamte, Regisseure – sie alle leiden unter Selbstzweifeln und wollen doch den schönen Schein wahren. Eine Vortragsreisende setzt immer wieder zu einer Rede bei den 22. Bottroper-Power Tagen an. Das Szenario ist unwirklich und gespenstisch. So beginnt die Inszenierung von Johanna Wehner damit, dass eine schwarze Hand aus dem Boden eines schrägen Stahlkäfigs greift. Ein Mann im Glitzerfrack krabbelt aus der Unterbühne hervor und verkündet: „Ich lebe in der Hölle. Die Hölle ist eine Wiederholung.“ Neonröhren flackern, ständig tropft und zischt es irgendwo im düsteren Ambiente. Ein Kronleuchter scheint in dieser Umgebung ein Fremdkörper zu sein. Nacheinander treten fünf Personen auf, die alle recht ausgefallene Kostüme tragen und so gar nicht zu dieser eher an eine Industrielandschaft erinnernde Szenerie passen. Ein junger Mann im Pelzmantel, eine Frau im orangefarbenen Paillettenkleid mit sehr langem Zopf, ein weiterer Mann mit Abendjackett (ähnlich einem Moderator in einer TV-Show) und eine Dame in großer Robe. Sie alle bleiben ohne Namen und drehen sich permanent um sich selbst. Eine echte Kommunikation scheint unmöglich. Absurde Verknüpfungen von Gedankenfetzen sind zuweilen komisch („Warum redest du über Marmelade, während die Welt brennt?“, „Ich habe Sehnsucht, aber auch Rückenschmerzen.“ Oder „Wir werden alle alt, manche sind es schon.“).

Ein großes Lob ist dem hervorragenden Ensemble (Constanze Becker, Verena Bukal, Vincent Glander, Martin Rentzsch, Till Weinheimer) auszusprechen, das sich in immer neuen Gruppierungen formiert , auch mal die Käfigkorsage umrundet und den mit Wiederholungen und Floskeln gespickten Text doch leicht und häufig amüsant vermittelt. Es macht Vergnügen, ihnen zuzuhören, wenn sie Pirouetten um das eigene „Ego“ drehen – hilflos, weil jeder für sich allein steht. Es wird keinerlei Erhellung, keine Lösung für die missliche Lage angeboten. Punktuell erkennt sich der Zuschauer in der einen oder anderen Bemerkung wieder, dann schaut man diesem redseligen Quintett nur gerne zu. Sind es doch exzellente Schauspieler.