"Kunst" im Köln, Theater im Bauturm

Ein Spiel ohne Abnutzungserscheinungen

Von kurzem, so berichtete Theaterchef Gerhardt Haag den versammelten Freunden und Sponsoren des Theaters, stand die Frage im Raum, ob man von den zur Neige gehenden chirurgischen Kompressen, die in „Kunst“, dem Erfolgsstück von Yasmina Reza, gebraucht werden, noch mal eine Zehnerpackung oder gleich 100 Stück kaufen soll. Anlass war seit der Premiere im August 1996 die 500ste (!) Aufführung der tiefgründigen Komödie über eine Drei-Männer-Freundschaft und ein ganz besonderes großes Gemälde: weiße Linien auf weißem Grund. Das Stück ist ein Markenzeichen des Theaters im Bauturm geworden; es wurde 1994 in Paris uraufgeführt und kam im Folgejahr nach Berlin. Gerhardt Haag hatte das Stück schon früh gelesen und sich gefragt „Woher kennt die Autorin uns eigentlich so gut ?“ Leider hatte sich das Schauspiel Köln bereits die Aufführungsrechte gesichert, die Option allerdings nicht wahrgenommen, so dass der Verlag dann das Theater im Bauturm berücksichtigte. Was auch in wirtschaftlicher Hinsicht für das kleine Haus bedeutend war, wie Prof. Hans-Georg Bögner vom Trägerverein in seiner launigen Dankesrede an die Theaterfreunde verriet: „Wenn wir dieses Stück jeden Tag spielen könnten, ging es uns deutlich besser“. Nun sind 500 Abende für ein Musical-Theater ein Klacks; so feierte der König der Löwen in Hamburg breits 2014 die 5000ste Aufführung. Aber für ein kleines Haus ist das schon eine ganz beachtliche Leistung und Grund für die Feier, die der Kommunikationsprofessor Dr. Lutz Ellrich mit einem charmanten Statement über Freundschaft, Kunstgeschmäcker, das Verhältnis Wert und Preis sowie den Streit als Kampfplatz der Argumente bereicherte. Und die Kunst der Liebe, der Freundschaft, der Krise und der Versöhnung erläuterte.

Man beschloss damals, das Stück ohne Regisseur selbst zu inszenieren mit der Prognose: Entweder wir zerstreiten uns total, oder es wird ein Flop. Beides trat nicht ein, das Stück gewann gar 1996 den Kölner Theaterpreis. Die ersten Schauspieler Heinrich Cuipers und Axel Siefer verlegten später ihren Lebensmittelpunkt weg von Köln, Gerhardt Haag spielt Kunst zusammen mit Ulrich Marx und Klaus Wildermuth. Und das bis ans Ende aller Zeiten, wie er verriet. Die einzige Änderung im Stück sei – auf Anregung einer Zuschauerin - die Erhöhung des Bildpreises von 50.000 auf saftige und glaubhaftere 200.000 €.

Der vordergründige Mittelpunkt des Stücks ist ein „echter Antrios“, ein großes weißes Gemälde mit weißen Streifen, in welches Serge (Gerhardt Haag), ein Dermatologe, der sich für einen großen Sammler und Kunstkenner hält, sich verliebt hat und für die genannten 200.000 € gekauft hat; er fasst es nur mit Handschuhen an, baut zum Betrachten immer einen extra Scheinwerfer auf und kniet gar vor dem Bild hin, um feinste Strukturen entdecken zu können. Und versucht seine beiden Freunde Marc (Ulrich Marx) und Yvan (Klaus Wildermuth) für das Bild zu begeistern. Mit Hinweis auf vielleicht erkennbare Farbtöne und Strukturen, auf die Schwingungen der Monochromie, auf die magische Sinnfälligkeit, auf die Zeit, bis man es liebt. Der bescheidene und pedantische Yvan, der kurz vor seiner Hochzeit steht, gerät zwischen die Fronten, folgt Serge willig bis hin zu einem gestammelten „Diese Farben sprechen mich an“, während der resolute Marc sich halb totlacht und mit „200.000 € für diese weiße Scheiße“ das Bild kommentiert, welches nach seiner Meinung ihre Freundschaft zerstören könnte.

Zentrum der Bühne ist ein großes rotes Sofa, auf dem oder um das herum die Diskussionen stattfinden; die drei Männer in Midlifecrisis streiten sich nicht nur humorvoll und witzig über das Bild, sondern über Kunstgeschmack im allgemeinen, über die anstehende Ehe von Yvan, über Veränderungen in der Freundschaft; „Dekonstruktion“ ist ein zentraler Begriff. Ein Höhepunkt ist der lange „Lufholmonolog“ von Yvan, ein hinreißendes Solo über seine Horrorgespräche mit seiner Mutter, seiner Stiefmutter und seiner Verlobten über seine bevorstehende Hochzeit samt zugehöriger Einladungskarte; er ist der Prügelknabe im Trio, soll gar seine Hochzeit absagen.

Der Streit eskaliert, aus Eifersucht, Eitelkeit und verletztem Stolz entstehen verbale Übergriffe, das Trio brüllt und prügelt sich (wofür die Kompressen zur Blutstillung benötigt werden), stellt seine Freundschaft, ja das bisheriges Dasein auf den Prüfstand. Die scheinbar gutbürgerlichen Lebensläufe der drei Protagonisten entpuppen sich schon als deutlich brüchig; innere Verletzlichkeit, Eifersucht und Einsamkeit kommen aus der Deckung. Es geht nicht mehr um die Frage, was Kunst ausmacht, sondern um das Bild, was sich jeder von den beiden anderen gemacht hat und was plötzlich in Frage gestellt wird.

Blitzende Dialoge der herrlich typengerechten Akteure, ein brillantes und pfiffiges Spiel, an dem keinerlei Abnutzungserscheinungen zu bemerken waren und ein sehr gut gelauntes Publikum, welches auch mit Zwischenapplaus nicht geizte in dieser feinsinnigen doppelbödigen Komödie – das war einfach ein großer Theaterabend. Und klar ist natürlich auch, dass das Stück auch weiterhin möglichst lange im Programm bleiben wird und man sich daher entschlossen hat, nun doch die 100er-Packung der chirurgischen Kompressen zu erwerben.