Hamlet im Globe Theatre Neuss

Vaters Geist im Kopf

Angekündigt war eine intime, stark gekürzte Hamlet-Produktion mit einem einmaligen Interpretationsansatz. Hamlet zeige „die maßlose Trauer und den krankhaften Zustand des jungen Helden, dem sogar die engste Familie und die Freundin nicht helfen können.“ Tatsächlich scheint in Kelly Hunters Inszenierung vom Flute Theatre der junge Held „besessen von dem gequälten Geist seines Vaters, der … in Hamlet selbst wohnt und ihn anfallartig zu überwältigen scheint.“ – Ein durchaus logischer Ansatz, wobei es bei Klassiker-Inszenierungen in der deutschen Theaterszene sowie im internationalen Festival-Zirkus spätestens seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts üblich ist, dass diese sich um eine neue Interpretation bemühen. Der Regisseur als Ko-Autor ist hierzulande kein ungewöhnliches Phänomen, und ungewöhnliche Interpretationsansätze setzt der häufige Theaterbesucher geradezu voraus. Zu überprüfen ist also, ob Kelly Hunters in Großbritannien und bei den Shakespeare Festivals in Danzig und Craiova gefeierte Aufführung auch schauspielerisch und inszenatorisch überzeugt.  

Das Flute Theatre wurde im Jahre 2014 von Emma Richards und der Schauspielerin Kelly Hunter gegründet – eben jener Kelly Hunter, die bei Hamlet: Who’s There Regie führt und in der Rolle der Gertrud auf der Bühne steht. Die Gründung erscheint als konsequente Fortsetzung der Arbeit mit autistischen Kindern, die Hunter bereits im Jahre 2002 als Mitglied der Royal Shakespeare Company begann. In einer ersten eigenen Theaterkompanie, dem Touchstone Shakespeare Theatre, entwickelte Hunter in den Jahren 2002 bis 2006 Shakespeare-Aufführungen mit einem inklusiven jugendlichen Ensemble, das zum Teil, aber nicht nur aus autistisch veranlagten Personen bestand. Das „Flute“ firmiert als „Shakespeare for Inclusive Audiences“. Die Akteure sind Profis; zur Zielgruppe gehören autistische Personen, bei denen Shakespeares rhythmische Sprache und Gestus nach der Überzeugung der Regisseurin Blockaden lösen kann. Das hat das Neusser Shakespeare-Festival in seiner Vorankündigung verschwiegen. Von Inklusion war im Publikum nichts zu spüren. Neben Kelly Hunter steht aber in Hamlet – Who’s There? mit Greg Hicks in der Rolle des Claudius ein weiterer renommierter Schauspieler der Royal Shakespeare Company auf der Bühne, der vor vielen Jahren sogar einmal für einen Laurence Olivier Award nominiert war und für seinen „Coriolan“ am Londoner Old Vic den Kritikerpreis erhielt.   

Greg Hicks macht seine Sache gut. Die Royal Shakespeare Company, der Kelly und Hicks entstammen, ist allerdings nicht gerade als Speerspitze avantgardistischen Regietheaters bekannt. Und der Versuch, das Stück unter dem Aspekt der Inklusion für ein gemischtes autistisches und nicht behindertes Publikum aufzubereiten, nimmt jeder Kritik den Wind aus den Segeln – jedenfalls, wenn man an der Publikumsreaktion nicht ablesen kann, ob das Vorhaben gelingt oder nicht. Der Respekt vor dem vor 400 Jahren verstorbenen Dramatiker-Gott scheint so groß, dass sein Name weder auf der Stück-Seite der Homepage des Theaters noch im Besetzungszettel auftaucht. Nun gut, das Flute spielt ausschließlich Shakespeare – oder scheute man es, ihm die neue Interpretation unterzujubeln? Dabei fällt in der 90minütigen Aufführung kaum ein Satz, der nicht von Shakespeare ist. Im Gegenteil: Wir sehen ein „Best Of“ der Hamlet-Zitate, und die werden von den sechs Schauspielern, die sich sieben Rollen teilen, mit exzellenter RSC-Sprachkultur dargeboten. Der Text ist geschickt gekürzt; die Szenen sind behutsam neu montiert, ohne dass dem Stück dadurch Gewalt angetan würde, und die zahlreichen gestrichenen Figuren vermisst man kaum. Ab und zu ist man verblüfft, wenn ein bekannter Satz plötzlich an eine Stückfigur adressiert wird, von der man dies nicht erwartet hat: Hamlets Erstaunen über die Suggestionskraft der Schauspieler, die (im Original) „um Hekuba“ weinen können, richtet sich bei Kelly an den seine Leidenschaft und seinen Frust am Schlagzeug austobenden Laertes. Die Umwidmung der Hamlet-Sätze ist überraschend und für den Kenner des Stücks von intelligentem Witz.

Der „einmalige Interpretationsansatz“ ist dagegen so überraschend nicht. Seit Jahrzehnten tun sich die Regisseure schwer mit den Auftritten des Geists von Hamlets Vater. Dass dieser nur eine Kopfgeburt des leidenden, alpträumenden Dänenprinzen ist, haben wir schon häufiger gesehen. Mark Arends ist fast schon klischeehaft der melancholische, intelligente junge Mann, gutaussehend, aber mit umwölktem Haupt, in Jeans und sportlich-legerer Oberbekleidung. Doch bei den „Auftritten“ seines Vaters windet er sich in konvulsivischen Zuckungen, schreit den Text des Geists hinaus. Besessen? Ach nein, zu sehr nach Gespenstergeschichte klingt dieser Begriff: Krank ist er, traumatisiert. Das ganze Stück spielt am Abend der Hochzeit von Hamlets Mutter Gertrud und seinem Onkel Claudius, was in der Tat wohl eine noch nicht vorgekommene Verkürzung des Zeitrahmens der Erzählung ist, aber wie bei Shakespeare sind am Ende alle tot, und spätestens als Hamlet tödlich verwundet ist, wird deutlich, dass die Verrücktheit des Prinzen wohl nicht nur gespielt, sondern verdammt real ist, und dass das Gemetzel, das er anrichtet, ein Amoklauf war – möglicherweise sogar ohne moralische Fundierung, denn vielleicht spielt sich die gesamte Geschichte nur in den Alpträumen des jungen Mannes ab. Die Inszenierung lässt das offen.

Gespielt wird in einem eher kargen Setting, nahezu ohne Requisiten mit Ausnahme eines grauen Sofas, das Hamlets Schlafzimmer, aber auch die Wohnräume der Familie versinnbildlicht. Hinter diesem Sofa nimmt später der sich ein wenig unmotiviert zum großen Lauschangriff versteckende Polonius sein blutiges Ende. Das ist nicht so schlimm, weil Steven Beard der Figur weder Witz noch Charisma zu verleihen in der Lage ist – umso überraschender ist es, dass derselbe Schauspieler später als Totengräber in einer kleinen Miniatur glänzt, die die Engländer wohl als „witty“ bezeichnen würden. Greg Hicks‘ Claudius wirkt keineswegs als Schuft und egoistischer Mörder, sondern als etwas selbstverliebter, aber normaler Mittelstandsbürger, den man abends im Pub antreffen könnte. Er scheint es ehrlich zu meinen mit seinem psychisch kranken Stiefsohn. Mangels Schauspieler-Truppe wird er durch ein Buch, das Hamlet ihm zu lesen gibt, mit der Metapher für seine Untaten konfrontiert – und er flüchtet mit wenigen, unverständlich gestotterten Worten auf den Lippen. Erneut gelingt hier einem Schauspieler eine Miniatur, der über eigenständige Gestaltungskraft verfügt. Wenn Hicks im Anschluss im Spotlight seinen „Oh meine Tat ist faul“-Monolog spricht, vermittelt er eine eigenartige Mischung aus Angst und Reue und gewinnt beinahe das Mitleid des Publikums.    

In Laertes hat dieser Hamlet einen ganz wunderbaren, supernetten Freund. Bei Finlay Cormak ist er der perfekte Schwiegermutter-Liebling. Der Versuch von Gertrud und Claudius, ihn in der personalreduzierten Fassung des Stücks als Rosenkranz- und Güldenstern-Ersatz zu missbrauchen, schlägt entsprechend fehl. Schauspielerisch zeigt Cormak die größte Bandbreite von Emotionen. Da er auch noch toll Schlagzeug spielt, haben wir ihn ins Herz geschlossen. Ganz im Gegensatz zu Francesca Zoutewelles Ophelia, die als verhinderte Prinz-Gemahlin nicht annähernd über das Format von Kate Middleton verfügt. Das wirre Blondhaar hochgetürmt, verzweifelt barmend und die Hände wringend wie eine Tragödin der 60er Jahre, ginge sie eher als Friseuse aus Herne-West durch. Verrückt geworden, dreht sie beeindruckend auf, wenn auch für den Geschmack des Rezensenten mit allzu großen Übertreibungen. Und wenn sie zu allem Überfluss am Ende ebenfalls als Geist durch die Zuschauerreihen stolpert und Laertes gegenüber jammert: „I am drowned“ (woraufhin der angelegentlich fragt: „Where?“) wird es vorübergehend sogar lächerlich.

Schauspielerisch und inszenatorisch überzeugen kann Kelly Hunters „einmaliger Interpretationsansatz“ also nur bedingt – jedenfalls nicht, wenn man schon so viele einmalige Interpretationsansätze gesehen hat wie es uns in den letzten Jahrzehnten an Rhein und Ruhr vergönnt war. Trotz des durchaus berührenden Schlusses kommen Schauspieler und Inszenierung etwas bieder daher; die Jungs und Mädels sind alle furchtbar wohlerzogen und bürsten zu wenig gegen den Strich. Irgendwie morden sie ziemlich empathisch füreinander. Aber vergessen wir nicht: Zielgruppe der Inszenierung ist ein inklusives Publikum, das bisher noch nicht häufig mit Schauspiel konfrontiert wurde. Die wird die Zeichen, die Hamlet, Laertes und all die anderen setzen, zu deuten wissen.