Waisen im Bochum, Schauspielhaus

„Wir sind auf uns selbst gestellt. Da draußen ist nichts.“

Dennis Kelly, 1970 in London geboren, studierte Drama und Theater am Londoner Goldsmith College. Sein erstes Stück, Schutt, wurde 2003 in London uraufgeführt. 2005 folgten Osama der Held und Nach dem Ende. Liebe und Geld (2006) wurde bereits mehrfach an deutschen Bühnen nachgespielt. Waisen hatte 2009 beim Edinburgh Festival Premiere und kam in der deutschsprachigen Erstaufführung ein Jahr später am Theater Basel heraus.

Waisen, „eine schmerzhafte Überprüfung, wie leicht unsere moralischen Grundwerte korrumpiert werden“ (The Guardian), hat als zentrales Thema die essentielle Frage, ob man nicht in jedem Fall verpflichtet ist, einem Menschen in Not zu helfen. Oder muss man – wie es einer der Protagonisten, Helen, behauptet – nur seine Familie gegen eine feindliche Umwelt verteidigen? Kann man die Verantwortung auf den Staat, die Polizei abwälzen? Oder ist es legitim, diejenigen, die man nicht kennt, ihrem Schicksal zu überlassen? Insbesondere, wenn es sich um kriminelle Jugendliche muslimischer Herkunft handelt. Das Stück ist ein intelligent geschriebener Psychothriller, in dem Menschen, die sich gut kennen, einander ratlos gegenüberstehen, weil sie sich allein gelassen fühlen. Eine Geschichte von Hoffnungslosigkeit, Fremdenhass und Gewalt.

Danny und Helen haben einen gemütlichen Abend in ihrem Heim vor sich und wollen die zweite Schwangerschaft Helens feiern. Ihr kleiner Sohn ist bei der Großmutter. Ein Hort der Sicherheit angesichts der Welt da draußen voller diffuser Gefahren. Mitten in ihr Abendessen platzt Liam, Helens jüngerer Bruder. Blutüberströmt. Und faselt von einem Jungen, der auf der Straße niedergestochen worden sei. Er habe ihm bloß geholfen. Danny will die Polizei rufen. Helen fühlt sich für ihren Bruder verantwortlich, seitdem die Geschwister ohne Eltern aufgewachsen sind. Da er vorbestraft ist, könne er leicht zu Unrecht unter Verdacht geraten. Liam verstrickt sich zunehmend in Widersprüche, scheibchenweise kommt die schockierende Wahrheit ans Licht. Am Ende schickt Helen Danny in die Nacht hinaus – eine Nacht, die ihn mit seinen eigenen Abgründen konfrontieren wird und aus der er als veränderter Mensch zurückkommen wird.

Leonard Beck, Jahrgang 1986, gibt mit der Inszenierung von Waisen am Schauspielhaus Bochum sein Regiedebut. Und das sehr erfolgreich. Der intime Rahmen der Studiobühne „Theater Unten“ passt gut zu diesem Stück. Sitzt man doch als Zuschauer sehr sehr nah an der Spielfläche und bekommt jede Einzelheit dieses verstörenden Familiendramas mit. Die Wände des Wohnzimmers sind durch dünne Holzstreben gitterartig angedeutet, man späht wie ein Voyeur in diesen Raum hinein. Ein Holztisch, drei einfache Stühle (alle verschieden), ein Kinderstuhl, eine Lampe – das sind die schlichten Requisiten.

Dem hervorragenden Trio gelingt ein ungemein fesselnder Abend, der den Betrachter aufgewühlt und nachdenklich zurücklässt. Nils Kreutinger spielt Liam äußerst eindringlich. Ein im Innersten sehr unsicherer junger Mann, der sich einerseits an seine Schwester klammert und den Schwager und überhaupt deren Familienidylle bewundert. Zum anderen aber ein labiler, sehr aggressiver Mensch ist, voller Wut, Frustration und Angst vor allem Fremden, die er an seinem Opfer, einem harmlosen Familienvater. auslässt: „Du Araber, du Terrorist, du fremdenfeindlicher Wichser“. Großartig Minna Wündrich als seine Schwester. Mit ungeheurer Emotionalität setzt sie ihren Mann unter Druck, um ihren Bruder zu schützen: „Handeln oder nicht handeln, eine Familie oder keine Familie?“ Marco Massafra überzeugt als zunächst prinzipientreuer Mann, der jeden Schritt vernünftig abwägt. Für Liam ist er „ein Musterbeispiel von dem, was man erreichen will“. Eher der stille, beherrschte Typ, dem man anmerkt, wie er sich Sorgen um den angeblich verletzten Jungen macht, von dem Liam zunächst berichtet hat. Schockierend dann, wie verwandelt er später aus der Nacht heimkommt – entsetzt über Liams Tat und über seine eigene zeitweilige Entgleisung.

Ein Abend, der – leider – nur allzu gut in unsere aktuelle Situation mit der wachsenden Fremdenfeindlichkeit passt. Der aufrütteln sollte und muss. Aber auch ein Theatererlebnis.