Übrigens …

The Deathday Gift im PaderHalle Paderborn

Gewalt und Verbrechen

Etwas kafkaesk mutet das Bühnenbild an: Es besteht aus gespannten Netzen, die zu vier Gefängniszellen arrangiert sind. Hinter diesen Netzen befinden sich Vater, Mutter, Sohn und Tochter, verstrickt in Handlungen, in denen sie sich scheinbar unheilvoll verfangen haben. Da das Stück in georgischer Sprache gespielt wird, kann man sich gänzlich auf Spiel, Gestik, Mimik, Musik und das sehr reduzierte, neben den Netzen nur aus einem Holzschemel bestehende Bühnenbild konzentrieren. Theater als unmittelbar sinnlicher Urschrei sozusagen.

Schreie gibt es einige in diesem Stück des Autors Alex Chigvinadze, das in deutscher Übersetzung den etwas makabren Titel trägt: Ein Geschenk am Todestag. Nach und nach treten die einzelnen Familienmitglieder hervor und stellen ihre Verbrechen dar: Eine minderjährige Tochter wird aufgrund von Drogenhandel, durch den zwei Menschen umgekommen sein sollen, zum Tode verurteilt. Bei ihrem nächsten Geburtstag, dem achtzehnten, soll das Urteil vollstreckt werden. Der Vater, ein athletischer Schauspieler, hat seinen Regisseur ermordet, die gehörlose Mutter beging mit Hilfe einer Schreibtafel einen Banküberfall und der Sohn soll einen Richter zusammengeschlagen haben, der für das ungerechte System steht, das die Familie gefangen hält. Für den des Georgischen nicht mächtigen Zuschauer wäre der Inhalt ohne die Vorabbeschreibung nur zu einem geringen Teil zu verstehen: Einzig verdeutlicht der Vater sein Vergehen, indem seine Hand die Form der Waffe annimmt, mit der er gemordet hat. Die Mutter trägt ihre Schreibtafel fast wie ein Stigma mit sich herum.

Das Ensemble spielt mit großen Gesten und leidenschaftlichem, durchaus theatralisch wirkendem Einsatz. Die Darstellung wirkt direkt und körperlich, oft an der Schwelle zum Ausbruch einer wie auch immer gearteten Gewalt. Hier ist man auf engem Raum gefangen, fast verwechselbar, wie die Häftlingsnummern, die lediglich Variablen gleicher Zahlen sind - ob 534 oder 453 - oder die Sträflingskleidung (grüne oder blaue Latzhosen) verdeutlichen.

Das Stück weist eine kapitelartige Grundstruktur auf. Szenen werden durch einen Black und pathetisch wirkende klassische Musikeinlagen unterbrochen. Diese Erhabenheit der Musik spiegelt das Kämpferische wider, das mit Ausnahme der fast stummen Mutter allen Familienmitgliedern innewohnt und mit der ernüchternden, dunklen und uneinsehbaren Gefängnishöhle, in der sich die Figuren befinden, kontrastiert. Die Familie scheint in einer beinahe autarken Situation der Selbstorganisation überlassen zu sein, doch wird ihre Isolation in regelmäßigen Abständen durch lautes Pochen und den kurz darauf erfolgenden Eintritt des Wächters unterbrochen. Mit einem Knüppel bewaffnet führt er am Morgen eine Leibesvisitation durch. Wer sich widersetzt, wird mit Schlägen bestraft. Bei der Tochter jedoch verzichtet der Wächter auf das Schlaginstrument: Stattdessen betastet er die junge Frau mit den roten Haaren fast zärtlich, bevor er sie mit seinem Stab in die Mitte der Bühne zum Schemel dirigiert und vergewaltigt. Ausgerechnet dieser Schemel wird im Laufe des Stücks als Ort etabliert, an dem die Familie zusammenkommt, an dem sie ihre Mahlzeit einnimmt, an dem sie momentlang zusammenhält und an dem sie zum Ende, mit Kerze und winzigem Geschenk, eine kleine Geburtstagsfeier vollzieht: „Happy Deathday!“

Es gibt wenige Szenen, die aus diesem Gefängnisalltag ausbrechen: Wenn sowohl der Sohn als auch die Tochter unter der Aufsicht des Wärters mit einem (roten!) Telefon hinaus telefonieren und in ihrem Blick durch das Gitter oder Glas, das sie vom Draußen trennt, momentlang eine Sehnsucht, aber auch Trauer und Angst aufscheinen, entstehen seltene emotionale Momente. Blicken die Menschen in diesen Momenten in den Spiegel, erkennen sie ihre eigene dunkle Seite? Oder symbolisiert die angedeutete Trennwand die Grenze zwischen Drinnen und Draußen, zwischen Kerker und Freiheit?

Generell wäre zu klären, ob die Verbrechen individuell bedingt sind oder ob das Gesellschaftssystem, das allein der Wächter verkörpert und dessen Abwesenheit unheimlich und bedrohlich wirkt, die Verbrechen erst hervorbringt? Sowohl die Figuren der Familie als auch die des Wächters sind namenlos und stehen als Paradigma für Bürger und Staat, Knecht und Herrscher. Dieses Gefängnis ist ein Ort fehlender Verwaltung und einer Autorität, die allein durch den Gefängniswärter repräsentiert wird. Ungeklärt ist, was wirklich geschah. Die großen Schatten, die die Familienmitglieder an die Wand hinter sich werfen, könnten ein Symbol uneinsehbarer und gewaltiger staatlicher Macht sein, die hinter den Kulissen an den Strippen respektive Netzen zieht. Oder handelt es sich „nur“ um die eigenen dunklen Schatten, die unbewussten destruktiven Kräfte des eigenen Selbst, die das eigene Ich einkerkern? Hier erinnert das Stück in seiner parabelhaften und unheimlich-absurden Erzählstruktur an Werke Kafkas wie Die Verwandlung oder – mehr noch – Der Prozess.

Am Ende passiert das, was auf den ersten Blick zwar paradox erscheint, in der Logik eines repressiven und autokratischen Systems aber durchaus an der Tagesordnung ist: Die Gepeinigte geht den unheilvollen Bund fürs, wenn auch nicht mehr lange, Leben mit ihrem Peiniger ein. Die Tochter heiratet den Wärter, der, als sie 18 geworden ist, das finale Urteil an ihr vollstreckt. Es gibt keine Versöhnung mit Diktatoren.