Manchmal hat die Liebe regiert und manchmal einfach niemand im Bochum, Schauspielhaus

Manchmal zündet eine Pointe und manchmal einfach gar nichts

Spätestens seit ihrem abenteuerlichen, oft absurd anmutenden Text Demut vor deinen Taten Baby, der im September 2012 am Theater Bielefeld uraufgeführt und unzählige Male nachgespielt wurde, wird die heute 27jährige Jung-Dramatikerin Laura Naumann als eines der großen Stückeschreiber-Talente Deutschlands gehandelt. Am Schauspielhaus Bochum kümmerte sich im März 2014 das Regie-Jungtalent Malte C. Lachmann um die Uraufführung von Naumanns Raus aus dem Swimmingpool, rein in mein Haifischbecken Trotz einiger hübscher Einfälle und eines großartigen Torsten Flassig konnten Stück und Aufführung den Rezensenten nicht wirklich überzeugen, aber im „Theater Unten“, der kleinsten Spielstätte des Schauspielhauses, lief die Inszenierung zwei Jahre lang leidlich erfolgreich. Jetzt hat sich der 33jährige Regisseur Jan Gehler, der sich am Staatsschauspiel Dresden, am Schauspiel Stuttgart und anderswo schon einige Meriten als einfühlsamer Spielleiter erworben hat, der jüngsten Kreation der Dame mit den originellen Lang-Titeln angenommen. Torsten Flassig ist erneut dabei und macht seine Sache ordentlich, wenn auch nicht so hinreißend wie im Haifischbecken. Text und Inszenierung aber, nehmen wir es vorweg, bieten nur wenige Köder für des Zuschauers Aufmerksamkeit.

Dabei beginnt die Angelegenheit recht vielversprechend: Die sieben Figuren stellen sich erst einmal vor. Und das ist witzig: Laura Naumann kann Pointen, denkt man, und auf ironische Weise Alltags-Klischees und ideologische Marotten aufspießen kann sie auch. Zweite Szene: Die Träume der sieben. Abenteuerlich verstiegen ist der Traum von Veronika Nickls Pia, die den Reigen beginnt – und dann wird’s immer flacher, sieht man von dem halbwegs abgründigen, skurrilen Traum von Mathias ab. Mathias wird von Torsten Flassig gespielt – da war doch mal was? Vielleicht hat der junge Schauspieler ein besonderes Gehör für Naumanns eigenwillige Sprache. Nach zehn Minuten sind die Anlässe zum Lachen, die der knapp zweistündige Abend bereithält, weitestgehend vorüber. Es folgen: erschreckend harmlose Szenen, in denen mal die Liebe regiert und manchmal einfach niemand. Wirklich niemand – auch nicht die Regie.

Dramatis personae sind: Eben jener Mathias, mehr oder weniger frustrierter Animateur auf einer griechischen Ferieninsel, der zur Aufbesserung seiner Kasse mit älteren Touristinnen schläft und sich ganz ohne finanzielle Interessen in Cleo verliebt. Da die Liebe nicht immer regiert, merkt die das nur ansatzweise. Schließlich ist sie gerade auf der Flucht vor der Liebe: Sie hat nämlich ihre Lebensabschnittsgefährtin Johanna verlassen, eine feminismusbewegte Lehrerin und Möchtegern-Revoluzzerin mit letztlich doch ganz spießig-bravem Lebensstil. Johanna hat aus beruflichen Gründen Dauerkrach mit Pia, der unausgelasteten und im Alltag wie im Sexualleben unbefriedigten Mutter einer ihrer Schülerinnen. Pia ist verheiratet mit Tom, dessen Funktion sich in Naumanns Stück auf einen Stichwortgeben reduziert und der in Gehlers Inszenierung verzichtbar erscheint. Dass Michael Kamp als Tom mitgespielt hat, hat man vergessen, bevor man nach der Vorstellung im Parkhaus ins Auto steigt. Und dann ist da noch das ältere Paar Heinz und Alina: Heinz ist der Papa von Mathias und hat weder zu ihm noch zu sonst irgendwem einen engeren Kontakt. Deshalb hat er sich mit der handfesten Alina eine Gefährtin aus der Ukraine geholt, die bei Jana Lissowskaia für den einen oder anderen Lacher gut ist. Alle sieben sind verdammt einsam.

Tschechow und Sarah Kane gibt Laura Naumann als die Helden ihrer frühen Lese-Jugend an. Verzweifelte, Unbefriedigte und Antriebslose bevölkern deren Dramen. Und so ahnt man schon: Komödie hin, Komödie her - eigentlich wirft Naumanns Stück einen zutiefst desillusionierenden Blick auf das menschliche Zusammenleben. Denn die Liebe regiert eher selten und wenn, dann ziemlich einseitig. Und wenn die Liebe nicht regiert, regiert meistens gar nichts. Der Verstand jedenfalls nicht, auch wenn Lehrerin Johanna sich bemüht, diesen an alternativen feministischen oder politischen Konzepten zu schulen. Doch eigentlich hängt sie sich eher an die ein wenig frühpubertäre feministische Protestgruppen-Gründung ihrer gut behüteten Kleinstadt-Schülerinnen an: „NOREPRO“ heißt die Combo, „No Reproduction“ ist ihre politische Agenda. Kein Sex, solange ihre politischen Ziele nicht erreicht sind. Daraus ließen sich Funken schlagen. Aber mehr als diese zwei Sätze erfahren wir über die Teenie-Gang nicht.

Wenn die Liebe nicht regiert und der Verstand auch nicht, könnte ja zumindest der Irrsinn regieren, ein schriller, ausgelassener Humor zum Beispiel. Tut er aber nicht – jedenfalls seltener als die Liebe. Manchmal zündet eine Pointe – und manchmal zündet gar nichts. Antriebslos wie Tschechows drei Schwestern oder die Kirschgarten-Bewohner dümpeln die Figuren in ihrem faden Glück oder ihrem lauen Unglück dahin. Aber Naumann ist kein Tschechow. Dazu sind die Szenen zwischen den sieben Akteuren zu belanglos, dazu sind die – durchaus gekonnt formulierten – Sätze Laura Naumanns zu lang und zu bemüht in ihrem Witz. Wenn Nauman nicht lernt zu kürzen und zuzuspitzen, so ist zu befürchten, dass sie ewig eine überschätzte Jung-Autorin bleiben wird. Denkt man. Und übersieht leicht so manche Doppelbödigkeit und manche Gesellschaftskritik, die sich in dem Text verbirgt.

Die herauszukitzeln, wäre Aufgabe der Regie, die auch die interessanten sprachlichen Eigenheiten zum Klingen bringen könnte, die Naumanns Texte auszeichnen. Doch Jan Gehlers Regie bleibt an der Oberfläche. Er bringt den Figuren erkennbar eine Menge Sympathie entgegen, aber er inszeniert ohne Biss und ohne Phantasie. Naumanns Gesellschaftskritik interessiert ihn nicht. Aus diesem Dilemma können sich die Schauspieler nicht befreien; die netten Figuren bleiben harmlos. Nur Veronika Nickl findet einen Ausweg: Sie treibt ihre Pia immer wieder in eine temperamentvolle Komödie, ohne sich im Ensemble als Ulknudel in den Vordergrund zu spielen. Ansonsten droht in Bochum aus der Gesellschaftssatire eine Sommergeschichte mit eher schalen Pointen zu werden. Gottlob gibt es noch diese Traurigkeit, die in einem tieftraurigen, desillusionierenden Schluss mit diesen völlig vereinsamten Figuren kulminiert, der dem Abend zum ersten Mal zu einer dichten Atmosphäre verhilft. Gäbe es nur diesen Schluss und die witzige Eingangsszene, könnte man von einem gelungenen Abend sprechen. Doch dazwischen ist wenig Lametta.