Kasimir und Karoline im Dortmund, Schauspielhaus

Stille?

Da sagt einer zwei, drei Sätze, da entspinnt sich ein kurzer Dialog, und dann hören wir plötzlich eine Sentenz, die aus dem Zettelkasten der Weltweisheiten entnommen scheint. Nur dass diejenigen, die solcherart hehres Wort benutzen, selbst nichts rechtes damit anfangen können. Weshalb in Ödön von Horváths Volksstück-Sprechpartituren oft die Regieanweisung „Stille“ einkomponiert ist. Als Momente des Reflektierens, oder weil die Figuren im Parlieren grad nicht weiter wissen, mitunter als schweigendes Ausrufezeichen, nicht zuletzt als stummes Zeugnis der Melancholie, die durch manches Horváth-Werk ihre Bahnen zieht.

Ein paar Sätze, dann: „Stille“. So geht das auch in Kasimir und Karoline, dem Kleine-Leute-Seelendrama, verortet auf dem Münchner Oktoberfest, zeitlich fixiert in den 1930ern, also zwischen Weltwirtschaftskrise und Machtergreifung. Kasimir hat seine Arbeit als Chauffeur verloren – wurde „abgebaut“ – und verspürt entsprechend wenig Lust, sich auf der Wiesn zu vergnügen. Im Gegensatz zu Karoline, seiner Verlobten, Angestellte mit schmalem Gehalt. Sie will Eis essen, Achterbahn fahren und ins Hippodrom. Es kommt zum Streit, zu Missverständnissen, die in Trennung münden und die Braut letzthin in die Arme des Zuschneiders Schürzinger treiben. Das alles erzählt Horváth in winzigen Dialog-Episoden, die zwar ein großes, trauriges Ganzes ergeben, aber auch für sich ihre Wirkung haben. Dank des eingewobenen Netzes von Ruhepunkten, beschrieben mit der Bitte um „Stille“.

In Dortmund jedoch ist das alles ganz anders. Bunt, schrill, oftmals laut, temporeich bis zum Hyperventilieren. Das Schauspiel setzt Kasimir und Karoline gewissermaßen unter Strom, als sei die Wiesn eine grelle Party. Entsprechend die Figuren: in knallfarbene Fummel gepackt und mit hochtoupierten Betonfrisuren versehen, als hätten alle mit nassen Fingern mal kurz in die Steckdose gefasst. Dies kernig garniert mit einem Techno-Punky-Funky-Musikgemisch, das das Bühnenpersonal bisweilen in rhythmisches Zucken zwingt. Symbolisch gibt’s Riesenwürschtl dazu und ein aufblasbares Bierzelt. Zwischendurch marschiert das Fanfaren-Corps 1974 Dortmund-Wickede auf. Was für eine Gaudi.

Erdacht haben das Josa Marx (Kostüme), Jana Wassong (Bühne) sowie Regisseur Gordon Kämmerer. Und dem Trio ist eines zu bescheinigen: Das Konzept, so unkonventionell wie mutig, wird eisern durchgezogen, so sehr es auch Horváth widersprechen mag, der in Kasimir und Karoline eine „Ballade voller stiller Trauer“ sah, „gemildert durch Humor“. Hinzu kommt: Die Premiere im Megastore, einer Lagerhalle, die dem Schauspiel als Ausweichspielstätte dient, ist zwar zuerst ein Reizüberflutungsangebot, findet jedoch zumindest gelegentlich zur Ruhe. Dann wabert’s elektronisch und Karoline sieht verklärt dem Zeppelin nach, mächtiges Symbol des Aufbruchs, Sehnsuchtsort über den Wolken.

Es gibt sie also, die Momente der Besinnung, die weit mehr von der Kraft des Textes spüren lassen als der ganze Aktionismus drumherum. Wenn die Figuren Wert auf ihre Worte legen und nicht wie Aufziehpuppen hampeln. Wenn sie sich fragen, ob denn der Mensch von Natur aus gut sei, inmitten all der Anfälle von Vergnügungssucht. Insofern hat die Regie das Personal durchaus differenziert gezeichnet. Ekkehard Freye gibt den Kasimir als verletzlichen Rationalisten, der die Schultern so hoch zieht, dass sein Kopf dazwischen zu versinken droht. Als wolle er sich vor den Unbilden der Welt verkriechen. Julia Schubert (Karoline) wirkt in all ihrer Aufgedrehtheit, mit ihrer Gier nach Leben und Spaß, wie das blanke Gegenteil. Doch auch sie hat eine dünnhäutige Seite, bloß schade, dass ihr oft nölender Tonfall nicht gerade Sympathie weckt, sondern schlicht und ergreifend nervt.

Alle anderen präsentiert uns Regisseur Kämmerer als grelle Typenparade. Vorneweg die feisten Kapitalisten namens Rauch (Carlos Lobo) und Speer (Max Thommes), im krassen Gegensatz dazu der Kleinkriminelle Merkl Franz (Christoph Jöde) und „dem Merkl Franz seine Erna“ (Bettina Lieder). Jöde spielt gekonnt den Zyniker und Brutalo, Lieder schlägt und keift zurück. Doch auch sie umweht Empfindsamkeit. Als der Merkl Franz in den Knast kommt, entpuppt sich Erna als Kasimirs Seelenverwandte. Ihr stärkster Auftritt ist indes der Monolog über die Wiesnbraut. Mit dem sie sich gewissermaßen aus jeglicher Tollerei herausschält, wie denn auch Horváths Text nicht eigentlich zum Stück gehört. Lieder schafft eine Insel zutiefst suggestiver Intensität, umwabert von mystischem Elektrosound, der zum furchtbaren Strudel wird. Die Wiesnbraut (sprich: Karoline) will dem Alltag entfliehen, ob einiger Vergnügungen, und muss doch am Ende wieder in den alten Trott zurück. Wenn auch in anderer Herrenbegleitung. Doch Frank Genser als Schürzinger, der wie ein Hotelpage daherkommt, lässt nicht gerade echte Gefühle durchblicken, wenn er zu Karoline sagt „Du brauchst einen Menschen“ und „Es geht immer besser“. Das klingt beinahe wie Oskar zu Marianne in Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald: „Du wirst meiner Liebe nicht entgehen“.

Ja es gibt sie, die wirkmächtigen Untertöne. Wenn sie auch nicht gerade dominieren. Das macht diese Dortmunder Inszenierung so zwiespältig. Kasimir und Karoline erscheint uns wie ein Kindergeburtstag, bei dem es drunter und drüber geht. Jeder darf sich nach Herzenslust verkleiden, und die Musi lädt zum Abhotten. Wer denkt dabei schon an „Stille“.