Die Hose im Köln, Theater im Bauturm

Drama durch den Doppelknoten

Ein wenig aufgeregt - und sicher auch voll Vorfreude - eröffnete der neue Theaterchef Laurenz Leky unter dem Jubel des vollen Hauses seine erste Saison mit dem ebenfalls neuen Führungsteam, dem Dramaturgen Dr. René Michaelsen und dem Geschäftsführer Bernd Schlenkrich. Es hat sich viel getan im Hause während der Theaterferien: Relaunch der Webseite, neues einprägsames Logo, kleine Baumaßnahmen auch bei der Technik, Vorbereitung eines barrierefreien Zugangs – und sofort sichtbar der großzügige Umbau des Foyers. Unter den Ehrengästen war auch der Ex-Theaterleiter Gerhard Haag, der sehr zufrieden mit seinen Nachfolgern sein dürfte. Leky fragte in den Raum, warum ein junges Team ein über 100 Jahr altes Stück zur Eröffnung spielen würde; die Antwort liegt auf der Hand: Doppelmoral ist auch heute überall vorhanden, ob bei demagogischen Politikern, bei betrügerischen Steuersündern, Dopingärzten, Stars der Glamourszene oder bei bestechlichen Sportfunktionären.

Carl Sternheim hat über die kleinbürgerliche Familie Maske Anfang des vergangenen Jahrhunderts die Trilogie Aus dem bürgerlichen Heldenleben über deren Auf- und Niedergang geschrieben, darunter das Stück Die Hose, welches sogar wegen Unsittlichkeit zeitweise verboten wurde. Wegen der ausufernden Länge kann die gesamte Trilogie nicht zusammenhängend aufgeführt werden, sie musste stark gekürzt werden, was sich natürlich negativ auf die Akzeptanz auswirkte. So verschwand diese wilhelminische Kleinbürgerparodie zunehmend in der Mottenkiste und wurde erst in den letzten Jahren nach und nach wieder ausgegraben.

Sujet ist die Unterhose der Luise Maske (wunderbar verschüchtert und bescheiden: Susanne Meyer), die bei einer kaiserlichen Parade in Ermanglung eines stabilen Doppelknotens der Schwerkraft folgte, runterrutschte und die Beine ihrer Trägerin vor aller Augen freigab. Was ihren jähzornigen Ehemann Theobald (Sebastian Schlemmer mit exaltierten bellenden Monologen), einen kleinen Staatsbeamten, zur Raserei brachte, fürchtete er doch um seinen Ruf, seine Karriere und den Verlust seines Amtes. Es setzt kräftige Hiebe für die arme Frau, die ihn nur mit seinem Lieblingsgericht „Hammelschlegel und grüne Bohnen“ wieder besänftigen kann. Öffentliche Freizügigkeit war nicht angesagt um die Jahrhundertwende.

Theobald nutzt die Gunst der Stunde und vermietet zwei freie Zimmer seiner Wohnung an Frank Scarron (Jean Paul Baeck), einen herrlich geckenhaften und schwadronierenden Großbürger und Autor, und Benjamin Mandelstam (Hendrik Vogt), einen jüdischen Friseur und schüchternen jungen lungenkranken Wagnerianer. Beide hatten das Hosendrama beobachtet und werben nun erotisiert lustvoll, aber letztlich erfolglos um Luise. Hochkomische Szenen wechseln sich hier ab mit blitzenden Doppeldeutigkeiten und bürgerlichen Abgründen. Scarron begehrt Luise eher als Material und Muse, während der kälteempfindliche Mandelstam, der verlegen ständig an seinem Beinkleid zupft, sich von ihr eher bemuttern lässt und um Anerkennung buhlt. Statt großem Liebesabenteuer gibt es daher eher eine Story aus einem billigen Groschenroman. Jetzt kann Theobald seiner Luise endlich in Kind machen, da Geld ins Haus kommt; aber er geht mal rasch fremd mit der klatschsüchtigen, herrlich ordinären Nachbarin Gertrud (Lisa Bihl), während seine Frau die heilige Messe besucht, nachdem sie zuvor erfolglos von Gertrud zu einem Seitensprung mit Scarron zu überreden worden war. Der eigentliche Gewinner der Aktionen ist Theobald Maske, der ursprünglich betrogen werden sollte, aber auf ganzer Linie erfolgreich war. Denn Mandelstam gibt seine erotischen Absichten gegenüber Luise auf, und Scarron kündigt sein Zimmer und zahlt für das ganze vereinbarte Jahr. So obsiegt die zwiespältige Moralvorstellung eines kleingeistigen Spießbürgers – eine grausliche Perspektive, leider bis heute existent.

Der in drei Bauturminszenierungen sehr erfolgreiche Thomas Ulrich hat das Stück mit den exzellenten Schauspielern geschickt zwischen Satire und dezentem Schwank verortet, mit vielen feinen Regiedetails, hat sehr an der schwierigen Sprache gefeilt, die allerdings teilweise akustisch schwer zu verstehen war. Matthias Demmer hat mit großen runden Scheiben auf der kleinen Bühne drei Zimmer gezaubert, in denen das apokalyptische, aber durchaus sehr moderne Spiel in den Kostümen von Nina Wellens wunderbar funktionierte. Der Applaus für den Theaterabend war riesig. Glückwunsch für den rundum gelungenen Einstand, der weiterhin auf viel Gutes hoffen lässt.