Der Idiot im Schauspielhaus Düsseldorf

Der Untergang des Fürsten Myschkin, eines „wahrhaft vollkommenen und schönen Menschen“

Dostojewskij schrieb seinen gut 900 Seiten starken Roman Der Idiot in den Jahren 1868 bis 1869, während er mit seiner Frau Anna Grigorjewna Europa bereiste. Im Zentrum des Romans steht der jugendliche, unschuldige Fürst Myschkin, ein Epileptiker, der nach vierjährigem Sanatoriumsaufenthalt aus der Schweiz zurückkehrt und in Petersburg schnell in die Machenschaften und Intrigen der oberen Zehntausend – verkörpert durch zwei Generalsfamilien, den Jepantschins und den Iwolgins – verstrickt wird.

Regisseur Matthias Hartmann, vor zwei Jahren unter unrühmlichen Umständen als Intendant des Burgtheaters entlassen, konnte mit dieser Arbeit am Dresdner Staatsschauspiel wieder als Regisseur Fuß fassen und verdient Lob einheimsen. Gelang ihm doch eine intelligente, geschickt gestraffte und unterhaltsame Bühnenversion des Romans.

Der Abend beginnt damit, dass Fürst Myschkin (André Kaczmarczyk spielt ihn hinreißend in einer Mischung aus einem ehrlichen, in sich gekehrten Menschen, etwas naiv, überall nur das Gute suchend und sehend) allein auftritt. Er durchlebt einen spannungsgeladenen Anfall, den er aber nicht nur als Qual, sondern auch als Moment des Glücks empfindet.
Die abstrakte, schlichte Bühne von Johannes Schütz – ein grauer Guckkasten mit Elementen, die flexibel aus der Rückwand vorgeschoben und so den Bühnenraum in mehrere Zimmer verschiedener Größe einteilen können – ist ein Glücksfall für die Inszenierung. Die Konzentration auf das Spiel wird erhöht. Und es gelingt schon mit Lichteinstellungen, Szenen eindrucksvoll zu skizzieren. So die Eisenbahnfahrt nach Petersburg, auf der Myschkin den vitalen Kaufmann Rogoschin (Christian Erdmann: sehr überzeugend) kennenlernt, der später sein Konkurrent bei der schönen Nastassja wird. Etwas Nebel und huschende Lichteffekte an der Rückwand der Bühne verdeutlichen das Bild.

Hartmann ließ das Ensemble (damals des Dresdner Theaters, jetzt zum großen Teil am Düsseldorfer Schauspielhaus) den Roman lesen und wählen, was sie besonders beeindruckte. Nach diesen Bewertungen entstand die Bühnenadaption. Zudem wechseln die Schauspieler zwischen Monolog bzw. Dialog und beschreibenden Erzählpartien, wobei sie auch sich selber beschreiben. Durch diesen Kunstgriff, durch die Raffung des Stoffs und durch punktuelle Konzentration auf komödiantische Einzelheiten gelingt ein trotz vier Stunden Dauer sehr unterhaltsamer, aber keineswegs oberflächlicher Abend. So ist Rosa Enskat zu erwähnen. Sie spielt Lisaweta Prokojewna Jepantschina, die Frau des Generals Jepantschin (Thomas Wittmann). Köstlich ihre leicht ruppige, skeptische und sprunghafte Art. Rainer Philippi gibt schillernd den Großgrundbesitzer Tozkij, der skrupellos sein Mündel Nastassja (Yohanna Schwertfeger) missbraucht hat („Ich bin nun einmal ein eingefleischter Lüstling“, prahlt er gern) und sie dann mit dem Sekretär Iwolgin (Kilian Land) mit einer hohen Mitgift verheiraten will, um selbst ehrbar eine der Töchter des Generals heiraten zu können.

Alle Mitglieder des Ensembles sind an diesem Abend nur zu loben. Eine eindrucksvolle schauspielerische Leistung und , dank vieler Wortwitze und Pointen, sehr amüsant. Ein Besuch ist zu empfehlen!