Heisenberg im Schauspielhaus Düsseldorf

Eine schamlose Feier des Lebens

Beste Stimmung auf der „Brücke“, dem viel zu kleinen Foyer der Ersatzspielstätte des Düsseldorfer Schauspielhauses vor der neunten Premiere in der noch kurzen Spielzeit: Simon Stephens’Heisenberg.

Gespielt wird auf der „Großen Bühne“ und im Zuschauerraum ist tatsächlich kein einziger Platz unbesetzt. Im höchst informativen Programmheft ist der Stücktext abgedruckt und da liest man als erste Anweisung: Die Bühne sollte so karg wie möglich sein. Man sollte Brandmauern des Theaters und Beleuchtungstraverse sehen. Da braucht sich die Bühnenbildnerin Janina Audick nicht zu mühen, der Raum der Ausweichspielstätte ist karg genug, um Bahnhofsatmosphäre aufkommen zu lassen. Vor einer graugesprenkelten Papierwand wird auf einer Art schwarzlackiertem Laufsteg gespielt, eine riesige Digitaluhr gibt die Zeit an: 18:25:00. Später springen die Ziffern dann unkontrolliert durch die Stunden, bis sie erlöschen. Wir verlassen den Bahnhof, bleiben jedoch auf dem lackierten Podest als Metzgerei, Schlafzimmer und Schule, bis sich dann zum sechsten und letzten Bild die Wand öffnet, wir in der Tiefe der Bühne an der Karikatur der Freiheitsstatue ankommen, „an einer Stelle mit Blick auf den Hackensack River; Lincoln Park, Jersey City. 11 Uhr.“.

Doch zurück zum Bahnhof „im London von heute“. Zwei Menschen begegnen sich: die quirlige, blonde Georgie Burns (Caroline Peters), 42 Jahre alt, aus New Jersey, in schwarzem Lack-Trenchcoat und Silber-Pumps, mit einem traditionellen Fotoapparat über der Schulter und der 75jährige, aus Irland stammende, unscheinbare, schüchterne Mann in Grau, Alex Priest (Burghart Klaußner).

Wir erfahren, dass Georgie den Fremden gerade auf den Nacken geküsst hat, jetzt gibt sie sich beschämt und behauptet später, ihn mit ihrem Ehemann verwechselt zu haben. Doch den gibt es gar nicht, zuerst soll er verstorben sein, dann gab es ihn nie. Und damit sind wir beim Charme und Witz dieser Zwei-Personen-Komödie: Biografien werden erfunden, seelenvoll ausgeschmückt und ganz unvermittelt wieder weggewischt. Georgie ist die große Geschichten- und Selbst-Erfinderin: mal ist sie Kellnerin, mal Witwe, mal Sekretärin, mal Mutter – oder stimmt das etwa? Auch für Alex hält sie Lebensentwürfe bereit: Professor, Bibliothekar, Träumer und Poet: und dann ist er in der Realität ganz einfach: Metzger. Allerdings ein untypischer Metzger, ein nachdenklicher Spaziergänger, Tagebuchschreiber, Liebhaber „schöner Wörter“ und der Musik. Und an dieser Stelle lässt die Regie Klaußner ein Potpourri eingängiger Chansons ansingen - ganz im Sinne des Textes, denn Alex hört jeden Abend auf dem Nachhauseweg eineinhalbstundenlang Musik von Rock’n‘Roll bis Techno.

Soweit bietet Simon das vertraute Muster einer Screwball-Comedy: eingefleischter Eigenbrötler trifft auf quirlige, unberechenbare, lebenshungrige Phantastin. Er fürchtet aufkeimende Gefühle und den Einbruch des Chaos in seine wohlgeordnete Welt, versteckt sich hinter seinem Alter und seinen Gewohnheiten. Sie sucht Nähe, Wärme, Beachtung, einen Zuhörer. Anrührend und gescheit, wie Simon die beiden Vereinsamten, Entwurzelten sich einander annähern lässt: wie Alex, der zunächst noch zitternd in Angst und Panik verfällt, wenn Georgie an seiner „zügellosen Begeisterung“ ob einer Bach-Sonate teilhaben will, und sich mit den Worten „Das ist ein Teil von mir“ zu wehren sucht, doch sich dann immer mehr öffnet für ihre Kapriolen, während sie immer leiser wird, immer weniger schrill – auch in ihrem Outfit -, immer näher an die Wahrheit heranrückt und ihm so seine Angst zu nehmen versucht. Soweit erleben wir eine romantische Liebeskomödie mit einem behutsamen Happy-End, „deren albernen Figuren es zusammen besser geht, als es jedem für sich allein ging“ (Simon im Interview)) und die dem Publikum viele Lacher entlockt.

Doch über die relativ absehbare Handlung schwingt sich der Bogen einer ganz eigenen Gedankenwelt, die schon im Titel angekündigt wird: Heisenbergs Unschärferelation. Im Text zitiert Georgie den Kerngedanken Heisenbergs: Wenn man etwas intensiv genug beobachtet, begreift man, dass man unmöglich sagen kann, wohin es sich bewegt und wie schnell es dorthin gelangt… Wenn man darauf achtet, wohin es sich bewegt oder wie schnell, dann beobachtet man es nicht mehr richtig. Es ist diese Unschärfe und Unvorhersehbarkeit, die in dem Stück die Beziehungen unkalkulierbar, aber doch nur so möglich machen. So wird die Unschärfe zur Hoffnungsträgerin. In dieser Beziehungsstudie läuft nur scheinbar alles nach voraussehbaren Mustern ab: tatsächlich erfährt vieles ganz behutsam seine Umdeutung: Unsicherheit wird zur Lebenschance, Irreales zur Basis einer Hoffnung, Erfundenes zur Realität, Unkalkulierbares zum vagen Neuanfang

Simon nennt sein Stück „eine schamlose Feier des Lebens“, allerdings eines Lebens mit unscharfem Happy-End, das nicht ein neues „Sein“, wohl aber ein verlässliches „Tun“ verspricht.

Bei aller Brillanz der Schauspielerleistung wurde der ernste Unterton dieser Beziehungsstudie, in der die Ängste und Verlorenheit der beiden Figuren hätte mitschwingen sollen, weithin überspielt. Besonders der Georgie hätte neben der Schrille etwas mehr Stille Glaubwürdigkeit und Tiefe gegeben. Da setzte die Regie zu sehr auf boulevardeske Effekte.