Groß und Klein im Köln, Schauspiel

Auf vergeblicher Suche nach dem Menschen

Sie ist ständig auf der Suche. Doch sie findet – nichts. Lotte leidet an der Welt, geht seelisch zugrunde, erkrankt an der Vereinzelung einer auseinander fallenden Gesellschaft. Gott schweigt, die Liebe geht überall den Bach runter. Wenn sie schließlich, völlig vereinsamt und alleingelassen, abhebt und, berauscht von dem Gedanken, dass die Erde, wenn sie „unbemannt sein wird“, „aufblüht“, ist das der Gipfel ihres irdischen Glücks.

Botho Strauß, der einst viel gespielte, stark beachtete und gleichwohl stets im Widerstreit der Meinungen stehende Autor, der sich fast völlig in die Uckermark zurückgezogen hat, schrieb schon immer am Puls der Zeit. Mit Groß und Klein, 1978 an der Berliner Schaubühne von Peter Stein uraufgeführt, zeigt er sich als präziser Beobachter einer auseinanderdriftenden Welt. Für ihn war es vor fast vier Jahrzehnten die Bundesrepublik. Heute erweist sich Strauß geradezu als Visionär. Er verurteilt nicht, er war und ist ein präziser Beobachter der Zeit.

Im Depot 1 des Kölner Schauspiels machte sich nun die einunddreißig Jahre junge Lilja Rupprecht daran, den Visionär von einst auf seine Aktualität zu befragen. Dabei gehen ihr freilich allzu sehr die vermeintlich komischen Pferde durch. Ihre Inszenierung haut immer wieder auf die Pauke, wenn eigentlich Hinhören und Hinsehen gefragt wären. Gäbe es nicht die voluminöse und raumgreifende Lotte der Sabine Orléans als Zugpferd des Abends, könnte man wegen der Stil-, Sprach- und Video-Brüche die Aufführung guten Gewissens als misslungen bezeichnen.

Peinliche Ausrutscher setzen noch einen drauf. Dass sich etwa Winfried Küppers, nicht unbedingt die Wiedergeburt eines griechischen Adonis, als der Alte mit allem herhalten muss, was ihn (biologisch) zum Mann macht und sich mit dieser seiner Männlichkeit über Stühle und Tische hangelt, ist der unbestreitbare Höhepunkt der Peinlichkeiten. Verquälter geht’s nun wirklich nicht. Aber wir sind ja so frei – und Ästhetik ein Wert von gestern. Zumal in einer Szene, die wohl das kitschige Wohlbefinden einer spießbürgerlichen Welt in aller Schärfe aufscheinen lassen soll, aber drastisch daneben geht.

Weshalb die Regie diese und ähnliche Szenen zudem zeit- und teilweise hinter Fensterschächten und Mauern verbirgt, sie aber zugleich durch eine ins Detail zielende Videokamera auf eine Filmleinwand projizieren lässt, bleibt das Geheimnis der Regisseurin. Ein Mehrwert ist jedenfalls nicht zu erkennen. Im Gegenteil: Das Theater misstraut seinen eigenen Möglichkeiten. Dass darunter auch die rein akustische Verständlichkeit leidet, das Reden hinter Mauern zum Nuscheln verkommt – wen kümmert es schon. Vielleicht uns, das Publikum?

Dabei beginnt die Aufführung vielversprechend, ebenso kühl wie bildmächtig. Ein von Mauern und zahlreichen Fenstern umschlossener Platz ist Foyer und Frühstücksraum in einem Hotel in Marokko, in dem Lottes fast faustisch zu nennende Reise beginnt (Bühne Anne Ehrlich). Großartig agiert sie, voluminös, einsam und und sensibel zugleich zeigt sie sich, während sie dem Gespräch zweier Männer lauscht, die in ihrer Nähe plaudern und auf deren Bekanntschaft sie hofft. Doch nichts dergleichen geschieht. Sie bleibt allein.

Aus Lotte, die auf eine Busfahrt ihrer Reisegruppe nach Marrakesch verzichtet hat, bricht es bereits zu Beginn einige Male heraus: „Noch elf Tage Agadir“, stöhnt und schreit sie verzweifelt. Und: „Die Zeit vergeht, aber nicht richtig“. Der Grundton des Stücks ist damit getroffen. Denn so wie in Agadir wird es weitergehen auf ihrer langen Reise quer durch die bundesrepublikanischen Lande der 70-er Jahre. In Saarbrücken und Lüneburg, in Essen und auf Sylt.

Eine geschiedene Frau sucht die Welt – und findet nur sich. Was sie wirklich sucht, erlebt sie nirgends. Da hilft auch nicht die Beschwörung ihrer alten und immer noch tiefgreifenden Liebe zu ihrem Ex-Mann (Guido Lambrecht), der sich in Inge, eine neue Geliebte verschossen hat. Lotte lernt das Paar ebenso illusionslos kennen wie eine ehemalige, in Depressionen verfallene Schulfreundin, für die sie immer noch die Ruhrpott-Lotte Kotte ist.

Auf Sylt erlebt sie die außer Rand und Band geratene neureiche Spießerfamilie ihres Bruders, muss den Anti-Adonis über sich ergehen lassen – und verschwindet, unbeachtet wie immer. Aus einer Welt, in der sogar die Tische und Liegestühle einbetoniert sind. Wie die Seelen der sich so albern wie dämlich gerierenden Gesellschaft. In einer Szene, die die Regie in aller objektiven Schärfe hätte auf die Bühne bringen müssen. Stattdessen verschenkt sie sie im Stil einer billigen und gefälligen TV-Albernheit.

Nach dem ebenso strengen wie aufschlussreichen Auftakt-Bild der Inszenierung versinkt Lotte zunehmend in Resignation, gepaart mit grenzenloser Wut. „Ich kann nicht schlafen!“, schreit sie. Es ist ein Aufbäumen der Verzweiflung. Auch aus Paul, ihrem Ex-Mann, brüllt es heraus: „Ich schaffe es nicht! Ich komm‘ nicht vorwärts!“ Alles bleibt in Halbheiten hängen, und die suchende Lotte bleibt ohne Anschluss allein.

Überzeugend und schön wie der Beginn des dreistündigen Abends zeigt sich dann das Ende der Aufführung. Lotte sitzt allein auf der Bühne. Alle Patienten haben das Wartezimmer eines Arztes verlassen. Sie allein bleibt zurück. Auf die Frage des Arztes, ob sie einen Termin habe, antwortet sie „Nein“. Kein Wunder, fügt sie doch hinzu: „Mir fehlt ja nichts“. In Wirklichkeit fehlt ihr alles, was sie sich in dieser kalten Welt erträumt hat: echtes Miteinander. Und da ist sie, so ganz nebenbei und doch fühlbar: die Nähe zum Heute.

Der Beifall war ungeteilt, aber für Kölner Verhältnisse hörbar gemäßigt. Bis auf die regelmäßig auftretenden Jubler und Juchzer, die die Nähe zu den Machern und Akteuren des Abends geradezu fühlbar werden ließen.