Karnickel im Köln, Schauspiel

Die Rottweiler lauern überall

Ein strahlender Sommerabend und mitten in der Stadt Köln auf dem Offenbachplatz, wo noch vor Tagen nichts als trister Baustellen-Alltag herrschte, sind riesige pinkfarbene Teppiche ausgerollt noch dazu grell-rosa angestrahlt, darauf tummeln sich die gastgebenden Damen im Kleinen Schwarzen, die Herren - die man sonst eher in Jeans und Turnschuhen antrifft - im Abendanzug: ein Black-Tie-Event ist angesagt vom Schauspielhaus, um die erwartungsvollen Premierengäste der neuen „Außenspielstätte“ schon vor der Tür mit Sekt und Streichmusik zu empfangen.

Denn hier, wo längst im neugestalteten Theater gespielt werden sollte, hat der Intendant Stefan Bachmann mit Entschlossenheit und Geschick die Möglichkeit zu einer provisorischen „Außenspielstätte“ durchgesetzt, in der zumindest für zwei Spielzeiten wieder Stadttheater mitten in der Stadt stattfinden kann. Zwischen rohen Steinwänden und unverputzten Leitungen können vier junge, ehemalige Regieassistent/innen jetzt eigenständig vorwiegend Ur- und Erstaufführungen inszenieren.

Nach Umtrunk und Begrüßungsreden in der kleinen Bar „Britney“ im Foyer macht Pinar Karabulut mit Dirk Lauckes Karnickel–Uraufführung in Anwesenheit des Autors den Auftakt. Es ist Karabuluts zweite Laucke-Inszenierung, nachdem sie im April mir Furcht und Ekel zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen wurde und den „Nachspielpreis“ erhielt.

Das Publikum nimmt Platz auf den hundertfünfzig ausverkauften Plätzen der Tribüne und schaut auf einen schmutzig-weißen, knautschigen Plastik-Vorhang - nicht wirklich ein Theater-Bühnen-Vorhang. Eine Frau in bizarrem Kostüm mit riesigen Pelz-Ohren und üppig-aufgepolstertem Po aus grauem Plüsch schlüpft aus dem Plastik-Ungetüm an die Rampe der Studiobühne und beginnt ihren Prolog: „Rom. Sommer. Vorzeit. Juri krank an meiner Hand. Das Kind blafft: Hüstel. Robert senkt und hebt die Nase wie ein alter, ja wie ein alter hässlicher Vogel, denke ich. Jetzt-pack-das-weg!, zisch ich rüber.“ In rasantem Tempo geht’s weiter. Ina (Yvon Jansen), karikiert die Reiseführerin, imitiert deren Akzent, produziert Lacher. Doch eins wird schon im Prolog klar: diese Familie funktioniert nicht. Schon damals in der „Vorzeit“ nicht.

Dann kommen schrille Musik und Kinderstimmen aus dem Off, der Vorhang fällt in sich zusammen, auf der Bühne steht ein Häuschen, zu groß als Karnickelstall, zu klein für ausgewachsene Menschen. Und dennoch quetscht sich schon bald ein alter Mann in sternbesätem Zauberer-Mantel aus einem der rot erleuchteten Fenster. Wir befinden uns Jahre später in einem „idyllischen Speckgürtel am Rande einer Universitätsstadt mit Feld, Wäldchen und einer Plattenbausiedlung am Horizont“, so die Regieanweisung. Der Alte, Hermann, (Werner Rehm) ist dement, verschwindet immer mal wieder, ist eine Last für seinen Sohn Robert (Benjamin Höppner) und dessen Frau.

Dann: Schnitt. Cut. Wie in einem Film beginnt ein völlig neuer Erzählstrang: ein junges Paar taucht seitlich auf der Galerie auf. Intelligent, wie der Raum bespielt wird, wie die beiden Geschichten sich langsam annähern, ineinander geschachtelt werden und dann im elften Bild, in der Mitte des Stücks, zusammentreffen. Drei Generationen führt Laucke uns im Schnelldurchgang vor, zeichnet in hastigen Dialogen und ausschweifenden Monologen ihre Konturen, ihre Selbstverortung und ihr Scheitern.

Da ist zunächst Hermann, einst überzeugter Linksradikaler, aus dessen Erinnerungsfetzen Nähe zu Sozialismus, Kommunismus und selbst zur RAF klingt. Er hängt seinen Illusionen nach wie dem schwarzen Kaninchen „Blacky“, das er nicht aufhört zu suchen und zu locken, obwohl es bereits vor zwanzig Jahren umkam, als sein Sohn Robert es aus seinen Zwängen befreien wollte und das Tier kaum befreit, vom Rottweiler des Nachbarn zerfleischt wurde.

Robert, Linksintellektueller, progressiver Professor an der Filmakademie, glaubt an gesellschaftliche Veränderung durch Bildung und Wissenschaft. Doch er wird beruflich von einer global-vernetzten jungen Frau abgehängt und privat von seiner Ehefrau verlassen, die sich in ihrer Opferrolle eingerichtet hat und sich durch Bauchtanz und Gutmenschentum daraus zu befreien sucht. Der Versuch endet jedoch kläglich, bevor er recht beginnen kann, da sich ihre Klienten, junge Migranten, ihrer Verständnis-und-Güte-Therapie durch Flucht in ihr Heimatland entziehen. Wunderbar dabei der um den heißen Brei herum scharwenzelnde Schleimer, der Sozialarbeiter Matschke (Mohamed Achour).

Dann ist da noch Sohn Juri (Thomas Brandt) Veganer, Musiker, Dark Waver, mit tiefschwarzem Outfit und besserwisserischer Überheblichkeit nicht nur gegenüber dem linksliberalen Bürgertum der Eltern. Auch seiner Freundin Nadja (Magda Lena Schlott), deren Schwangerschaft er in seiner Egomanie gar nicht wahrnimmt, fühlt er sich grandios überlegen, fürchtet sich aber kindisch vor Infektionen aller Art und kämpft gegen alles „Unreine“ mit seiner Spraydose. Wenn die Figur des Juri in der Inszenierung auch gelegentlich karikiert wird, so sind es doch die beiden Jungen, denen Laucke eine Chance gibt.

Sprachlich ist das Stück rasant, Laucke gibt jedem seine eigene Diktion und es gelingt dem brillanten Ensemble, die scharf verzahnten, sich überlappenden Dialoge spielwütig rüberzubringen.

Was stört ist die Oberflächlichkeit der Auseinandersetzung, das Kaleidoskop angerissener Themen, die Problemüberfrachtung und die Anfälligkeit für Mainstream und verbrauchte Klischees.