Das Tierreich im Köln, Theater Der Keller

Hinreißend, einfach hinreißend

Was für ein toller Abend! Nicht nur ein überaus munteres Stück (dabei nicht ohne Nachdenklichkeit), sondern von einer Aufführungsqualität, welche einem schier die Sprache verschlägt. Und dies umso mehr, als es sich bei der Regisseurin Charlotte Sprenger um ein Nachwuchstalent ebenso handelt wie bei den Darstellern, welche allesamt aus der Schauspielschule des Keller-Theaters stammen. Jung (noch unter dreißig) sind auch Jakob Nolte und Michel Decar, deren zusammen gezogene Nachnamen mittlerweile ihr offizielles Autorenetikett bilden. Die beiden waren zunächst journalistisch tätig und lernten sich 2010 bei der Schachweltmeisterschaft in Sofia kennen. Man war sich sympathisch und beschloss eine gemeinsame schriftstellerische Arbeit, wofür ein Studium an der Berliner Universität der Künste solide Basis schuf.

Das erste Stück hieß Helmut Kohl läuft durch Bonn (Uraufführung 2013 am Theater eben dieser Stadt) und zeigte schon durch seinen Titel, dass Nolte Decar mit den Mitteln der Satire arbeiten. Der neue Himmel (2015) war eine Koproduktion von Berlin (Deutsches Theater) und Zürich (Schauspielhaus). Dazwischen kam Das Tierreich heraus (Premiere in Leipzig); dem Stück wurden diverse Ehrungen zuteil. Kölns Keller-Theater traf jetzt eine schnelle Wahl und landete – wie schon zu Beginn leicht euphorisch bilanziert – einen Aufführungs-Volltreffer.

Einundzwanzig Personen auf einer Szene von nur wenigen Quadratmetern? Kann das gut gehen? Nun waren bereits die Autoren freilich pragmatisch, reduzierten die Zahl auf einige wenige Darsteller (in Leipzig waren es sieben, jetzt in Köln acht). Der ständige Rollenwechsel der Schauspieler hilft zudem, die grotesken Momente des Stückes zuzuspitzen. Viel Text wird chorisch gesprochen, was anfangs möglicherweise etwas nervt, sich dann aber widerstandslos in die Inszenierung integriert.

Zunächst einmal ist jedoch die in ihrer Einfachheit fast schon genial zu nennende Ausstattung von Thomas Garvie hervorzuheben. Im Grunde belässt er die Bühne so leer wie sie in natura ist. Aber der „rasen“bedeckte Boden, dessen Grün sich auf der Rückwand fortsetzt und dort Möglichkeiten für Projektionen (Nazgol Emami) bietet, suggeriert eine Erholungslandschaft, in welcher Schüler aus dem fiktiven Städtchen Bad Mersdorf ihre Ferien verbringen wollen. Flatternde Schmetterlinge deuten auf unschuldige Natur, auf friedfertige Idylle. Aber die ziemlich heftig pubertierenden Jugendlichen vermögen Schönheit und Ruhe ihrer Umgebung nicht wirklich aufzunehmen, zu sehr sind sie mit disparaten Emotionen und unterschiedlichen Beziehungsproblemen beschäftigt.

Die in neunzig Minuten ablaufenden, oft nur miniaturhaften Begebenheiten kommen prall und fetzig daher, eine leichte Überfülle an Situationen ist nicht zu leugnen. Doch die groteske Verknotung der Vorgänge besitzt überrumpelnde Explosivkraft. Die Leipziger Uraufführung wollte mit Gesichtsmasken und ewig rockend er Musik des Guten und Verweisenden offenkundig zu viel. In Bielefeld geriet im Januar dieses Jahres die „liebenswürdige, wunderbar menschenfreundliche Komödie“ entschieden besser, so jedenfalls das Urteil Dietmar Zimmermanns an dieser Stelle.

Auf die dortige Kostümwucht wird in Köln freilich verzichtet. Alle Darsteller bleiben für sich unverändert gekleidet (in die freilich unterschiedlichen Outfits muss man sicher nichts hinein geheimnissen), für die „Verwandlung“ der Personen sorgen vornehmlich eine variabel gehandhabte, typenscharfe Sprache und eine ausgepichte Mimik und Gestik, vom sportiven Körpereinsatz gar nicht erst zu reden. Mit diesen Mitteln sorgt die Regie für fortlaufende, kaum je nachlassende Situationskomik. Dass auf die Schule von Bad Mersdorf ein Leopard-II-Panzer kracht und ein leicht trunkenes Liebespaar, im Auto durch die Nascht fahrend, einen heftigen Unfall baut (bei ihm Gehirnerschütterung, bei ihr Verlust eines Beines) ergibt zwei dramatische Intermezzi, die man als etwas zu schwergewichtig empfinden könnte. Doch es passt dann doch. Ein bisschen pathetisch allerdings der Schluss. Ein zu Beginn entlaufenes Chinchilla wird wieder gesichtet und von einem der Mädchen fotografiert. Sollte man nicht lieber einen Film über Menschen machen, fragt sie reichlich ernstgesichtig ins Publikum. Doch zu diesem Zeitpunkt herrscht über die Drei-Sterne-Qualität des Abends längst kein Zweifel mehr.

Die Namen der fantastischen Darsteller sind nachzutragen. In der Reihenfolge des Programmzettels: Frank Casali, Penelope Frego, Romi Maria Goehlich, Liliom Lewald, Denis Merzbach, Anna Röser, Franziska Seifert und Margaux Tiltmann.