Love You, Dragonfly im Bonn, Theater

Pessimismus und die Leichtigkeit der Libelle

„Sechs Versuche zur Sprache des Glaubens“: Der Untertitel von Fritz Katers jüngstem Werk, das als Auftragsarbeit für das Schauspiel Bonn entstand, klingt weniger rätselhaft als der Titel selbst, aber in die Irre führt er trotzdem. Wer denkt, in Zeiten zunehmender Polarität zwischen Christentum und Islam handele das Stück von Religion, ist auf dem Holzweg. Wer glaubt, es handele sich bei Love You, Dragonfly um ein Stück, ist es auch: Im Theater Bonn sehen wir sechs Stücke in drei Stunden. Kurze Einakter, Dramolette, Monologe – you name it, es ist dabei. Heterogen ist der Inhalt, heterogen sind Form und Sprache. Auch zeitlich und geographisch sind die Stücke unterschiedlich verortet: Der erste Text spielt in der Zeit von 1935 bis 1941 in der stalinistischen Sowjetunion, der vorletzte im Jahre 2018 in den USA.

 „Glaube“ spielt natürlich dennoch eine Rolle. Es ist nicht der Glaube an einen Gott, der thematisiert wird, sondern der Glaube an bestimmte Werte.  Ansatzweise kommt man der Sache näher, wenn man die Titel der einzelnen Szenen auflistet: „Liebe“, „Familie“, „Fortschritt“, „Gott“ (also doch?), „Freiheit“ und, ganz simpel und doch so groß: „Leben“ heißen die Untertitel der Episoden, die sich die Schauspieler jeweils aus einem vom Bühnenhimmel regnenden Buchstabensalat zusammensetzen. Inhaltlich verbunden sind die sechs Texte nicht, auch wenn Regisseurin Alice Buddeberg mit einem der wenigen Requisiten eine mögliche Verbindung zwischen dem ersten und dem letzten Text der Szenenfolge andeutet: Alte 30er Jahre Skier könnten darauf hinweisen, dass die Ärztin der tragischen Desertationsgeschichte aus dem (sowjetischen) Kirgistan des Jahres 1942 die von ihrem Mann verlassene Maria des ersten, von 1935 bis 1941 ebenfalls in der Sowjetunion spielenden Texts ist. Sicher ist das nicht – und relevant für die Rezeption von Text und Aufführung ist es auch nicht. Doch die Klammer funktioniert: Liebe heißt der Einakter, in dem Hermann, der an Stalin glaubt und für den Dienst am Diktator seine Maria, die an die Liebe glaubt, verlässt; Leben heißt der Schluss-Text, in dem die Ärztin Maria mit Skiern zur Wohnung einer Frau fährt, die einen Deserteur verraten hat, bei dem es sich möglicherweise um ihren Ehemann handelt. Der kurze Dialog, der sich zwischen der Ärztin und der „Verräterin“ entspinnt, passt auf der Meta-Ebene zur Situation der Frauen aus beiden Einaktern: „Macht Einsamkeit den Menschen stark?“„Sie macht egoistisch.“„Und die Liebe?“ – Schweigen.    

Sehr aufmerksam hat Buddeberg gelesen, um die mögliche Klammerfunktion dieser beiden Szenen zu entdecken. Sehr aufmerksam und sensibel für die unterschiedlichen Sprachebenen hat sie auch inszeniert. Dieser letzte, „kirgisische“ Text hat ein manchmal schwer erträgliches, unzeitgemäß erscheinendes Pathos, aber ein erschütterndes Ende. Andere Szenen wiederum sind wunderbar poetisch. Dunkel sind sie alle. In  Liebe wird Maria von Hermann für Stalin verlassen, doch die kommunistische Tyrannei dankt ihm das schlecht – nach einem Fehler landet er im GULAG. Gezeigt wird der Mikroorganismus der Familie, doch unser Wissen um die politische Situation im stalinistischen Russland, um die Versorgungsengpässe und die Ungerechtigkeit des totalitären Regimes lässt die Makro-Ebene der Politik in unseren Köpfen mitlaufen. - Nach dem etwas sperrigen ersten Drama wird das zweite durch Musik aufgepeppt; es fallen höchst poetische, fast aphoristische Sätze in einer rhythmisierten Sprache. Familie spielt im Jahre 2014 in Bremen und ist geeignet, den Glauben an die Familiengemeinschaft schwer zu erschüttern. Ein gut situierter Professor, der zur Kompensation für den Verlust seines leiblichen Kindes einen afrikanischen Flüchtling adoptiert hat, spricht mit seinem Adoptivsohn. Dazu muss er ihn im Gefängnis besuchen, denn er ist im neuen Land zum Mörder geworden. Erneut konzentriert sich der Text auf die private Ebene, doch wieder konstruiert unsere Phantasie einen Subtext, ein Amalgam aus Flüchtlingspolitik und einer möglichen posttraumatischen Belastungsstörung, die den jungen Mann möglicherweise auf die schiefe Bahn gebracht hat. Hinter Missverständnissen auf der Mikro-Ebene verbirgt sich ein Dilemma der Politik.

Es regnet Buchstaben zum dritten Teil. Der Mann, den Holger Kraft darstellt, glaubt an den Fortschritt, und der hat im Jahre 2018 in den USA skurrile Züge angenommen. Furios spielt Kraft diesen Text als Monolog, und wenn Robert seine Freundin Natalia darzustellen hat, quetscht er sich einfach Frauenbrüste aus dem Oberkörper – nicht unlogisch, endet der Text doch mit der Gründung einer Firma für Geschlechtsumwandlungen, deren erster Kunde Robert selbst wird. Am Ende arbeitet Robert an einem veritablen Homunculus-Projekt. Wenn Robert zu Beginn einen Rückblick auf die Erfindungen seines Vaters wirft, haben seine Schilderungen Elemente einer Farce, und ein einziges Mal an diesem Abend erleben wir so etwas wie Humor. Dann wird der Text immer desillusionierender. Erneut lässt sich aus einer individuellen Kalamität eine unerbittliche politische Bestandsaufnahme ableiten: Das Menschen- und Gesellschaftsbild, das Petras in seinen Miniaturen zeichnet, ist düster und pessimistisch. Die Leichtigkeit der Libelle (Dragonfly), die Kater im Titel beschwört, hat sein Textkonvolut (im Übrigen auch sprachlich) nur selten.

Bevor uns Alice Buddeberg in die Pause entlässt, wühlt sie uns mit Gott noch einmal auf. Der emotional erschütterndste und sprachlich gelungenste Text hat Sören Wunderlich zur schauspielerisch überzeugendsten Darbietung des Abends inspiriert. Wunderlich verkörpert ein kleines 13jähriges Mädchen in Schuluniform. Er erzählt im Märchenton, was Kater als Märchenallegorie geschrieben hat. Er erzählt von Wald und Esel und kranker Mutter im Bett. Und von einem Alkoholiker, der die Stones spielt. Dieser Alkoholiker ist gleichzeitig die Hexe und der böse Wolf, and he can’t get no satisfaction. Die Vergewaltigung weckt so etwas wie Narzissmus bei dem Kind: Es ist jetzt wichtig. Dann geht es ins Wasser. „Den schwarzen Grund empfinden nur die Geweihten.“ Gott hat nicht nur die Welt, sondern auch den Himmel verlassen und ist zum Alkoholiker geworden. Die Bilder, die Wunderlich in seinem zunehmend beklemmenden Monolog entwirft, vermögen einen bis in den Traum zu verfolgen.

Vor der bereits beschriebenen Schluss-Szene erleben wir noch den NVA-Soldaten, der im Jahre 1985 in seinem Panzer von der Freiheit träumt und 1988 die gen Westen fliehenden Menschen beobachtet. Wieder hören wir einen schönen Text in einer metaphorischen Sprache mit hübschen Aphorismen: „Man muss seine Sprache ablegen und eine neue lernen: die Sprache der Freiheit.“ Viele Menschen aus den neuen Bundesländern mussten diese Sprache nach der Wende lernen; viele derer, denen dies nicht gelang, wählen heute AfD.

Die Sprache von Fritz Katers alias Armin Petras‘ Textsammlung beherrschen auch wir nicht immer auf Anhieb. Passagenweise ist sie sperrig, selten vermag sie uns emotional zu packen – da ist das Vergewaltigungs-Drama der jungen M eine Ausnahme. Und doch: Es sind schöne, versponnene Texte, inhaltlich changierend zwischen Politik und Privatem, sprachlich zwischen schillernder Poesie, verschraubter Intellektualität und plötzlichen Brüchen in die Alltagssprache. Kater hat ein Kaleidoskop entworfen von ganz alltäglichen und ganz außergewöhnlichen Alpträumen und Sehnsüchten, die den Menschen heimzusuchen vermögen. Insofern ist „Love You, Dragonfly“ eine Abbildung des Lebens in seiner Gesamtheit. Alice Buddeberg hat die Texte sehr genau gelesen und präzise, allerdings ohne allzu viel Aktion auf der Bühne inszeniert. Bilder entstehen nicht auf der Bühne, sondern im Kopf des Zuschauers. Sie hat die einzelnen Geschichten durch ihr Besetzungskonzept verfremdet: Das kleine Mädchen wird durch einen jungen Mann gespielt, der afrikanische Adoptivsohn des Professors wird von der jungen Weißen Lena Geyer gegeben, die kaum sichtbare schwarze Klebestreifen im Gesicht trägt. Damit fordert die Regisseurin dem Zuschauer hohe Konzentration und die Bereitschaft zum Weiterdenken ab. Wer beides aufzubringen bereit ist, wird reich entlohnt.