Das Käthchen von Heilbronn im Schauspielhaus Düsseldorf

Der Versuch, die Köpfe aufzumeißeln und das Gehirn direkt zu befragen

Finsternis im Saal und auf der Bühne. Langsam leuchtet ein riesiges reflektierendes Liniengewirr auf, meterdicke Schläuche werden erkennbar und formieren sich zu einem Koloss: ein monströses Gehirn inmitten einer spiegelnden Wasserfläche. Irrlichter scheinen auf und bei sphärischen Klängen lösen sich aus dem Hirn-Schlauch-Gewirr sechs Figuren, sechs Archetypen, auf die das Kleistschen Personal von über dreißig Darstellern zusammengestrichen wurde. Das surreale Bild gibt die Intension der gesamten Aufführung vor: Was wir sehen werden, sind die Phantasien, Träume, Wünsche und Sehnsüchte des Dichters, die diesem „Hirn“ entsteigen. Genial demonstriert und abstrahiert zugleich durch eine faszinierende Choreografie dieses beweglichen Schlauchgebildes, das mal Wald, mal Burgen, mal die Szenerie für Krieg oder Unwetter assoziiert, stets begleitet und verfremdet von Licht und Toninstallationen, gelegentlich auch vom Gezwitscher der Zeisige - ganz nahe am lieblichen Leitmotiv des romantischen Originals. (In der Schlüsselszene heißt es: „Wo der Zeisig sich sein Nest gebaut, der zwitschernde, in dem Holunderstrauch.“)

Dann tritt Theobald (Rainer Philippi), Käthchens verzweifelter Vater, an die Bühnenrampe und richtet seine (stark verkürzte) wehleidige Klage ans Publikum. Wir also sind das Femegericht, vor dem er den Grafen von Strahl (bravourös: André Kaczmarczyk) der Hexerei bezichtigt, weil dieser mit Teufelsmächten das gute Käthchen (überzeugend: Lieke Hoppe) in seinen Bann geschlagen habe. Während er spricht, stellen die Betroffenen die geschilderten Szenen in stummem Spiel nach, um dann in kurzen Dialogszenen den epischen Erzählteil zu unterbrechen. Doch Käthchen antwortet dem Grafen stets mit dem selbstgewissen Satz: “Du weißt es ja“, der sich mottogleich durch das Stück zieht, bis er am Ende - nach der Findungsszene am Holunderstrauch - vom Grafen übergenommen wird. Dieser Wechsel von epischem Erzähltheater und dramatischer Versdichtung ist von Kleist vorgegeben und macht es dem Regisseur leicht, Kleistsche Briefzitate und sogar Kant’sche Thesen - als Hinweis auf die existentielle „Kantkrise“ des Dichters - einzuflechten. So spricht Strahl, dabei ganz Heinrich Kleist, verzweifelt ins Publikum: „Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaftig Wahrheit ist“. (Brief am 22.3. 1801)

André Kaczmarczyk legt die ganze Kleistsche Verzweiflung in seine Rolle, um dann in einer wunderbar erspielten gemeinsamen Traum-Wirklichkeits-Szene mit Käthchen den gleichen Traum zu träumen, in dem sie einander „erkennen“. Wunder und Engel braucht’s, um diese märchenhafte Vereinigung, diesen Gegenpol zu aller vernünftigen Erkenntnis und Erfahrung, über den Traum hinaus gelten zu lassen. Und diese innere Gewissheit, diese „Wahrheit“ jenseits aller Vernunft, verkörpert das Käthchen der Lieke Hoppe so selbstgewiss und überzeugend, dass sie in keiner Szene das naive Dummchen, sondern von vornherein die Hoffnungsträgerin einer möglichen Märchen-Wunderwelt ist. Dieses Mädchen, das boshaft als „Hund, der von seines Herren Schweiß gekostet“, beschimpft wird, spielt in dieser Inszenierung auf gleicher Augenhöhe mit dem Grafen.

Der Titel dieser Inszenierung könnte so gut wie „Käthchen“ auch „Wetter von Strahl“ oder „Heinrich von Kleist“ lauten. Nichts deutet hier auf „Ein historisches Ritterspiel“ hin, wie es im Original-Untertitel heißt. Es war 1810 der verzweifelte Versuch des dreiunddreißigjährigen Kleist, endlich mit einem Stück erfolgreich auf die Bühne zu gelangen, der ihn verführte, seinen intelligenten Ansatz mit trivialliterarischen Elementen des Zeitgeschmacks zu beladen: mit Hexen, Ritterfehden, Feme- und Gottesgericht, Giftanschlag und Happyend. Doch schon bald nach der Aufführung – seinem ersten und einzigen Bühnenerfolg zu Lebzeiten – klagt er:„ Die Absicht, es für die Bühne passend zu machen, hat mich zu Missgriffen verführt, die ich jetzt beweinen möchte.“ Und dass „das Urteil der Menschen“ ihn „viel zu sehr beherrscht“ habe. Dem jungen Regisseur Simon Solberg ist es gelungen, Kleist von all seinen „Missgriffen“ zu befreien, das Herz des Stückes freizulegen und durch klug eingefügte Kleist-Brief-Zitate in dem bravourösen Spiel der Figuren das existenzielle Ringen des Dichters um Lebenssinn, seine Sehnsüchte und Hoffnungen sichtbar zu machen. Seine Hoffnung auf die Macht des „Absoluten Gefühls“, die so viele seiner Werke durchzieht, und die er am Ende doch als trügerisch verwirft, sollte in diesem Stück für einen Augenblick wahr werden. Doch: „Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war.“ Damit beendet Kleist sein Leben. Und damit endet in dieser Inszenierung das Stück.

Da ist Friedrich Wetter von Strahl wieder ganz Heinrich von Kleist. Bei Solberg erwacht Käthchen nicht aus ihrer Ohnmacht. Es gibt in Düsseldorf kein „Käthchen im kaiserlichen Brautschmuck“. Dieses Happyend glaubt Solberg dem Dichter nicht.

Wenn es an dieser überzeugenden und stimmigen Inszenierung etwas auszusetzen gibt, dann die wenigen Lacher heischenden Ausbrüche aus dem surrealen Bühnenbild in die platte Realität: wenn der Reichs/Burggraf (Thiemo Schwarz) ein Schlauchstück zum Schlauchboot umfunktioniert und - völlig ohne Sinn - eine Paddel-Pantomime einschiebt oder wenn Käthchen im knöcheltiefen Bühnenwasser Schwimmbewegungen macht. Das Wasser als Teich (oder gar als Wannsee?) zu sehen, ist doch wohl weit weg von der zauberhaften Möglichkeit, diese spiegelnde Fläche als Reflexion des Unbewussten zu vermuten, die in solchen misslungenen Szenen eine sinnlose Erdung erfährt.