Adams Äpfel im Köln, Schauspiel

Bitteres Ende einer Lebenslüge

Es ist ein elendes Nest am Ende der Welt. Ivan, ein Landpfarrer voll verquerer Güte und mit unbeirrbarem Optimismus gesegnet, steht hier seinen Mann. Ehemalige Straftäter soll und will er zurück in die Gesellschaft führen. Adam ist einer aus dem verlorenen Haufen, der ihm anvertraut ist. Einer aus der aggressiven Ecke und voller Sarkasmus. Ein Neonazi zudem, den der unerschütterliche Glaube des Pfarrers bis zur Weißglut reizt.

Adams Äpfel, die Film-Groteske von 2005 des Dänen Anders Thomas Jensen, fand jetzt den Weg ins „Depot“ des Kölner Schauspiels. Unter der Regie der Schwedin Therese Willstedt entwickelt sich, „nach dem gleichnamigen Film“, ein sarkastisches Drama voller Verletzungen und Fanatismus, das schließlich in einer Art Katharsis mündet. Von Adams Äpfeln bleibt am Ende nur ein Apfel übrig, der es freilich in sich hat: Er führt zur Versöhnung der Pole von Göttlichem und Teuflischem.

Es ist ein in tiefstes Seelendunkel getauchter Theaterabend. Ein finsterer Skelettbau aus Holz beherrscht die Bühne (Nehle Balkhausen). In ihm liegt ein Kreuz, das später, nach oben gehievt, von Brüchigkeit zeugt: Das Kruzifix hat einen abgebrochenen Arm. Vor dieser Szenerie ein Mann in Schwarz, mit bleichem Gesicht und kahlem Schädel. Es ist Adam, ein Misanthrop und Neonazi. Wenig später, das Stück beginnt, torkeln drei abgewrackte Figuren ins Bild. Es sind Gunnar, ein Alkoholiker und Vergewaltiger, Khalid, ein Dieb, und der vergreiste Poul, der, mit zotteligem Haar und zerfranster Kleidung, schon im Jenseits angekommen scheint.

Mit ihnen taucht auch Ivan auf, der Pfarrer. Linkisch nähert er sich Adam, schwärmt und faselt von Vergebung, Besserung und einem gütigen Gott. Es ist ein fast apokalyptisches Bild. Wie ein aufgescheuchter Vogelschwarm umringen schließlich alle Adam, bilden mit ihm und um ihn herum ein unentwirrbares Knäuel menschlichen Elends. Dann kommt Sarah hereingeschneit. Strähnig ist ihr hellroter Haarschopf, verwirrt redet sie – und schwanger ist sie. Von einem, den sie im Suff kennengelernt hat. Abtreiben will sie. Doch Ivan, der gottgefällige Gutmensch, schiebt sie wie einen unwillkommenen Fremdkörper ins Freie.

Wie sich nach und nach erweist, ist Ivans Leben auf einem ganzen Haufen von Lebenslügen aufgebaut. Ivan redet alles gut, obwohl er nur Schlimmes erlebt hat: Seine Mutter ist bei seiner Geburt unter Schmerzen elendig krepiert, er selbst und seine Schwester sind vom Vater missbraucht worden, und seine Frau hat sich umgebracht. Sein Sohn Christopher ist, was er gar nicht hören will, ein hilfloser Spastiker.

In ergreifenden, sowohl tief dunkel gefärbten als auch von grellem Sarkasmus durchzogenen Szenen reift der Abend zu einer Art Totentanz. In das Lügengespinst greift nur einer ein. Der aber umso greller und brutaler. Es ist der Arzt Kolberg, der mit medizinischen Wahrheiten die Lügen zu entlarven versucht, aber scheitert. Sie zu entlarven, wird zu Adams Meisterstück. Der haut Ivan die Geschichte des alttestamentarischen Hiob um die Ohren. Denn Gott gab Hiob versuchsweise in die Hände Satans. Eine Geschichte, die Ivan an Gott verzweifeln lässt und endgültig in die Knie zwingt.

Erst das Schlussbild ist versöhnlich. Nach tiefer Depression, die Ivan in eine Welt der Sprachlosigkeit versinken ließ, stehen er und sein einstiger Antipode nebeneinander und teilen sich das Kuchenstück, das Adam mit dem letzten vom Baum (der Erkenntnis) gepflückten Apfel gebacken hat. „Du kannst jetzt gehen, wohin du willst“, gesteht er Adam zu. „Ich weiß“, antwortet der - und wird sicher bleiben.

Ein großer kleiner Theaterabend mit einem beeindruckenden Ensemble, dem Jörg Ratjen als Ivan und Martin Reinke als Arzt die Krone aufsetzen. Langer und intensiver Applaus.