Erschöpfte Demokratie im Max-Planck-Institut für Gesellschaftswissenschaften Köln

Sieh's positiv!

Das Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung war mit Sicherheit noch nicht häufig Spielort theatralischer Experimente. Das neueste Projekt von Rosi Ulrich und ihrer Gruppe theater-51.grad fand hier jedoch auf Anhieb eine geradezu wie ein Handschuh passende Heimat. Natürlich, weil es hier um Gesellschaftsentwürfe geht – und weil man sich als Spielsituation der Seminarform bedient, wofür wiederum die Location geeignete Räumlichkeiten in gewünschter Vielfalt anzubieten hat.

Schon im Foyer begegnet uns der Schauspieler Marc Fischer, gekleidet und ausstaffiert wie ein Seventies-affiner Retro-Freak im psychedlischen Stil. Mit „Ich bin eine Kunstfigur“ stellt er sich dann auch folgerichtig vor, ernennt sich selber zur Hilfsgröße, zum semivirtuellen ‚Utopisten‘, der die nach Farbe ihrer Pseudoakkreditierungshalsbänder in drei Gruppen geteilten sechzig Zuschauer durch den zweistündigen Abend geleitet, charmant, präzise und auf angenehme Weise nicht von dieser Welt. In drei Räumen wird man mit in unterschiedlicher Weise vorgetragenen Utopien konfrontiert, die die Autorin und Dramaturgin Rosi Ulrich wiederum aus etlichen aktuellen und historischen Ansätzen zusammengebaut hat. Dennoch sind alle drei Entwürfe in sich bemerkenswert schlüssig. Im ersten, der ‚Open Narration‘ geht es um die Verwirklichung der absoluten Wissensgemeinschaft, die jedem gleiche Rechte und gleiche Voraussetzungen geben würde und so die Abschaffung des Berufspolitikers ermöglichen würde. Der zweite Entwurf beschäftigt sich anhand einer lebensdurchpulsten Ameisenstaatskulptur mit flachen Hierarchien und Schwarmintelligenz, die dritte schließlich mit bedingungslosem Grundeinkommen, Privatengagement und gelenkten Geldflüssen.

Jeder dieser Entwürfe regt zum Nachdenken an, jeder ist auf verschiedenen Ebenen auch zum Erschrecken. Jeder setzt unterschiedliche Schwerpunkte. Mal geht es in erster Linie um Glück, mal um die Erhaltung von Art und Zivilisation, mal um das reine, reibungslose Funktionieren von Gesellschaft. Hervorragend präsentiert sind sie alle, von Tomasso Tessitori, der die ‚Open Narration‘ im orangen, an Buddhistisches denken lassenden Kittel mit gewollter Ausgeglichenheit und nach innen fast explodierender Fröhlichkeit vorstellt, von Petra Weimer, die ein wenig selber wie eine uralte, müde und doch lebenskluge und sehr präzise Ameisenkönigin wirkt und von Helena Aljona Kühn mit ihrer ganz natürlich wirkenden Mischung aus Repräsentationsbewusstsein und Enthusiasmus. Auf vielen Ebenen wird die Seminar-, also die Kommunikationssituation reflektiert und produktiv gemacht. Der von Andrea Bleikamp ungeheuer subtil inszenierte Abend ist intensiv, bleibt aber, sozusagen durchflossen von positiver Energie, wunderbar locker und ermöglicht es so, die geballten, wenn auch stringent servierten Informationsmengen weitgehend anstrengungslos aufzunehmen. So hat auch Erschöpfte Demokratie die wohl größte Stärke von Rosi Ulrichs Theaterarbeit: sie zwingt den Zuschauer, sich mit sich selbst zu befassen, mit seinen Bedürfnissen und Wünschen, seinen Ängsten, seiner Eigensucht, seinen Denkmustern und Denkbarrieren. Das kam auch in der die Performance abschließenden 20minütigen, lebendigen Diskussion überzeugend heraus.