Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten im Bonn, Theater

Selbstvergewisserung oder Eskapismus?

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – die Französische Revolution bot Europa die Chance auf intellektuelle und moralische Erneuerung. Drei Tage vor dem Sturm auf die Bastille hatte der Marquis de La Fayette den Entwurf einer Menschenrechtserklärung präsentiert. In Preußen traf die Aussicht auf die Realisierung von Menschenrechten auf begeisterte Reaktionen von Herder, Hölderlin, Wieland und anderen Vertretern der intellektuellen Elite. Doch die unmittelbare Folge der Französischen Revolution war: Terror. Der Marquis de Lafayette emigrierte, blieb aber republikanischen Idealen treu; Johann Wolfgang von Goethe bezeichnete die Revolution als „das schrecklichste aller Ereignisse“. Goethe erkannte zwar die Willkür und die Verschwendungssucht der Aristokratie, aber er hing in der Mitte seines Lebens an deren Tropf. Und so zog er in den Jahren 1792 und 1793 an der Seite seines Arbeitgebers, des Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar, in den Krieg gegen die Französischen Revolutions-Truppen – als Begleiter des Herzogs und als embedded journalist: Goethe verarbeitete seine Erfahrungen literarisch, zum Beispiel in der Novelle „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“, die jetzt am Theater Bonn Premiere hatte. Goethe, so schreibt die Dramaturgin Nadja Groß im Bonner Programmheft, vertrat die Auffassung, durch die Revolution würden „die Probleme nicht gelöst, sondern verschärft. Statt des Eigennutzes oben herrscht dann nämlich der Eigennutz von unten, der noch verhängnisvoller ist, weil er sich verbindet mit kulturloser Rohheit und angestautem Hass und Neid.“ Wer sich jetzt empört über des Geheimrats elitäre Arroganz, der halte einen Moment inne und blicke auf die erstarkenden radikalen populistischen Parteien von heute, deren sich zu großen Teilen aus Kleinbürgern und Angehörigen von Unterschichten rekrutierende Wähler hasserfüllte Neid-Debatten führen.

Die Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten spielen im Jahre 1793 vor dem Hintergrund der Belagerung von Mainz durch französische Truppen. Eine wohlhabende aristokratische Familie unter Leitung der Baronesse von C flieht aus Furcht vor den Franzosen von ihren Besitzungen am Rhein. Politische Gespräche über die Werte der Revolution, die Aggressivität der Franzosen und das deutsche Nationalbewusstsein werden zu Beginn noch kultiviert und mit emotionaler Distanz, später zunehmend kontrovers und aufbrausend geführt. Als Antagonisten heben sich vor allem Vetter Karl und der konservative Geheimrat S. hervor, während die Baronesse ausgleichend und mäßigend auf die Streitenden einzuwirken versucht. Mit begrenztem Erfolg: Der Geheimrat verlässt die Runde, während Karl sich zunehmend echauffiert. Aufgelöst wird das Ganze mit Hilfe einer Kulturtechnik, die sich spätestens seit dem Mittelalter in gehobenen Kreisen bewährt hatte: Man erzählt einander Geschichten – in wohlgesetzten Worten und scheinbar harmonischem Ambiente. Boccaccios „Decamerone“ lässt grüßen. Goethe überliefert in der in die Rahmenhandlung eingefügten Novellensammlung spannende Horror-, Geister- und Skandalgeschichten und spendiert seinem Konvolut zudem ein eigenes Kunstmärchen.

Die Geschichten, obwohl auch sie von großen Gefahren sprechen, zwingen die Gesellschaft der Baronesse zur Contenance, nachdem sie zuvor „das schrecklichste aller Ereignisse“ nicht mehr zu verdrängen vermochte und darüber in Streit geraten war. Mit der Kultur des Geschichtenerzählens wird vermieden, dass Meinungsunterschiede eskalieren. Bildung und „bürgerliche Verfassung“, so will der Autor zeigen, sind in der Lage, den Menschen durch Krisenzeiten zu tragen; ein „herrschaftsfreier Diskurs“ in einer „Atmosphäre gegenseitiger Achtung“ soll, so der Germanist Gert Ueding, der gebildeten Gesellschaft Stabilität verleihen. Die Überlegungen der Baronesse werden in der Bonner Aufführung gleich mehrfach zitiert und zu Kernaussagen von Luise Voigts Inszenierung: Man könne „nicht deutlicher sehen, wie ungebildet … die Menschen seien, als in solchen Augenblicken allgemeiner Verwirrung und Not. Die bürgerliche Verfassung … scheint wie ein Schiff zu sein, das eine große Anzahl Menschen … über ein gefährliches Wasser, auch selbst zu Zeiten des Sturms, hinüberbringt; nur in dem Augenblick, wenn das Schiff scheitert, sieht man, wer schwimmen kann, und selbst gute Schwimmer gehen unter solchen Umständen zugrunde.“

Die Unterhaltungen wurden zunächst in Schillers Zeitschrift „Horen“ abgedruckt, deren erklärtes Anliegen eine Entpolitisierung von Kunst und Literatur war. Goethe und Schiller sahen sich als Verteidiger des Ästhetischen, des Schönen und Guten und verstanden darunter auch die Entkopplung von Kunst und Politik. Goethes Gespräche mit Eckermann werden in der Bonner Inszenierung zitiert: „Sowie ein Dichter politisch wirken will, muss er sich einer Partei hingeben. Und sowie er dieses tut, ist er als Poet verloren." Das klingt ein wenig eskapistisch. Luise Voigt betont diesen Eskapismus in ihrer Inszenierung, indem sie der Rahmenhandlung um die „Ausgewanderten“, die die Novellen- und Märchenerzählungen umschließt, einen zweiten Rahmen hinzufügt: Goethes „Regeln für Schauspieler“. Die treiben (aus heutiger Sicht) den Eskapismus auf die Spitze. Wenn man sie von Luise Voigts Schauspielern über Mikroports, mit Hall unterlegt, vorgetragen hört, bekommt man unbändige Lust, den alten Knacker aus Weimar in eine heutige Inszenierung von Frank Castorf oder einem anderen Hohepriester des Dekonstruktivismus zu setzen. Was Goethe fordert, ist aus heutiger Sicht nicht weniger als geziertes, stilisiertes, gekünsteltes und lebensfernes Spiel. Für die junge Regisseurin Voigt, deren Markenkern Akustik, Rhythmisierung und Stilisierung sind, ist das ein gefundenes Fressen.   

Voigt hat sich für ihre Inszenierung einen kühlen schwarzen Raum gebaut, in dem sich die Schauspieler streng choreographiert bewegen. Geziert, gekünstelt, lebensfern eben: „Die Haltung des Schauspielers sei gerade“, fordert Goethe. Die fünf Darsteller(innen) deklamieren ihre Texte mit großer Präzision, meist einzeln, mal chorisch, manchmal gar mit den Bewegungen eines Dirigenten. Großartig werden die von verschiedenen Schauspielern gesprochenen Texte zu einer musikalischen Partitur zusammengesetzt. Längs zur Rampe sehen wir, präzise abgegrenzt, ein stehendes Gewässer: eine Demarkationslinie, eine Grenze? Später werden Wassertropfen von der Decke einschlagen in die anfangs spiegelglatte Wasseroberfläche, und wir werden feststellen, dass nicht nur die Schauspieler Mikroports tragen, sondern auch die Elemente: Wie Schüsse klingen die Einschläge. Das großartige Licht-Design von Lothar Krüger zeigt die Reflektionen des Wassers als magisches Flimmern an den Bühnenwänden, und die Geräusche der Einschläge fügen sich auf vollkommene Weise in den Soundtrack des Musikers Björn SC Deigner, mit dem die Regisseurin bereits seit vielen Jahren zusammenarbeitet. Aus der Statik der Schauspieler und der düsteren, langsamen Rhythmik des Soundtracks entsteht, man glaubt es kaum: Spannung. Bisweilen herrscht die Atmosphäre von geisterhaftem Suspense. Dass diese Gesellschaft ihre Geschichten zur Selbstvergewisserung zu nutzen vermag, ist kaum glaubhaft: Mareike Hein, die die Tochter der Baronesse spielt, zittert wieder und wieder vor Angst und hyperventiliert bei den lauteren Tönen des musikalischen Zeremonienmeisters: Schüsse, Einschläge von Kanonenkugeln mag sie imaginieren – und das auch noch, wenn längst die der kulturellen Selbstvergewisserung und der Beruhigung dienenden Fremd-Novellen erzählt werden.

Die Politik, die Goethe und Schiller aus der Literatur heraushalten wollten, steckt natürlich doch im Drama. Subtil und mit feiner Ironie fördert Luise Voigt einen politischen Subtext zutage: Wenn der Geheime Rat bei dem Wort „Idealisieren“ geradezu Abscheu zu empfinden scheint, wenn Birte Schrein als Baronesse mit verächtlichem Unterton das Wort „Freiheit“ ausspricht, wenn sie sich mit dem Text vom Schwimmer bei untergehendem Schiff unterschwellig zur Elite zählt, wird das Unzeitgemäße der politischen Aussagen in Goethes Text mehr als deutlich. Mit weichem rheinischem Akzent gibt Bernd Braun den Geistlichen, doch auch mit zarter Arroganz. Dennoch: Die Rückbesinnung auf die Kultur lässt die Regisseurin durchaus als ein Instrument der Krisenbewältigung gelten. Wenn die einzelnen Figuren ihre Geister-, Horror- und Erotikgeschichten erzählen, rücken die geflüchteten Ausgewanderten mehr und mehr zusammen, bis sie zusammengekuschelt wie eine traditionelle Familie um einen imaginären Kamin sitzen. Ihre Stimmen allerdings setzen sich immer weniger durch gegen die Geräusche des Krieges, die der Soundtrack evoziert. Dem Bürger wird der gute Rat mitgegeben: „Halte deine Existenz aus. Das ist die Pflicht eines Bürgers, der sich den bequemen Ausweg der Gesellschaftskritik versagt.“ Doch der Bürger verschwindet in seinem Eskapismus. Der Krieg dominiert die Welt.  

Luise Voigt hat bislang an kleinen, experimentellen Formen der Theaterarbeit aufgeschlossen gegenüberstehenden Bühnen wie dem Oldenburgischen Staatstheater oder dem Theater Konstanz gearbeitet. Jetzt ist sie mit ihrem kongenialen musikalischen Partner Deigner in Bonn angekommen und hat auch noch einen grandiosen Lichtkünstler gefunden. Es ist an der Zeit, dass auch ein großes Haus mit überregionalem Renommee dieser Regisseurin einmal die Gelegenheit gibt, ihre überaus interessante und eigenwillige Handschrift vorzustellen.