Furcht und Elend des Dritten Reiches/Furcht und Hoffnung im Dortmund, Schauspielhaus

Der alte Brecht und der junge Kroetz

Da hat doch das Schauspiel Dortmund, sonst eher ein Hotspot der Avantgarde, ein paar alte Schinken ausgegraben, die wir längst auf dem Müllhaufen der Theatergeschichte wähnten. Hand aufs Herz: Wann haben Sie zuletzt Bertolt Brechts Furcht und Elend des Dritten Reiches gesehen? Oder Franz Xaver Kroetz‘ Furcht und Hoffnung in Deutschland („… in der BRD“, hieß das noch im Entstehungsjahr 1984)? Kroetz‘ Ich bin das Volk gilt gar als zu Recht im Giftschrank für misslungene Werke großer Dramatiker verschwundener Rohrkrepierer. Kroetz und Brecht rücken in ihren Episodenstücken biedere Durchschnittsbürger und Angehörige des Prekariats in den Fokus und zeigen, wie bedrohliche politische und gesellschaftliche Veränderungen Angst, Elend und die Erosion der menschlichen Solidarität auslösen. Jedes der zahlreichen Dramolette ist unabhängig und mit den übrigen nur durch einen gedanklichen Überbau verbunden. Meisterwerke der Literatur sind diese Dramen nicht. Doch wir wären nicht in Dortmund, wenn die Regisseure Sascha Hawemann und Wiebke Rüter in den alten, sich auf längst vergangene politische und gesellschaftliche Verhältnisse beziehenden Texten keine Parallelen zum Heute entdecken würden. Hawemann und Rüter haben ihre jeweiligen Inszenierungen vollkommen eigenständig erarbeitet, aber sie haben denselben Untersuchungsgegenstand: Sie erforschen die Parallelen und Unterschiede zwischen der Furcht, Angst und Hoffnung der Bürger in der Gegenwart sowie in den politischen Gebilden in Deutschland zwischen 1934 und 1943 (Brecht) respektive 1984 und 1995 (Kroetz).

Brecht ist modern, aber V-Effekt macht alt

Brecht wirkt dabei zunächst ziemlich alt. Denn viele der elf Szenen, die Hawemann und der Dortmunder Haus-Dramaturg Dirk Baumann aus dem Konvolut von insgesamt dreißig in den Jahren 1934 bis 1943 im Exil entstandenen Texten des Originals herausgesucht haben, sind voller kunstloser Erdenschwere und gedrechselter Arme-Leute-Depression. Also exakt das, was der frühe Kroetz in den 1970er Jahren aufleben ließ. Bei dem leuchtete uns schon damals nicht ein, warum solch unbeholfener Agitprop große Literatur sein sollte – bei Brecht gab es zumindest einen dramatischen politischen Hintergrund. Permanent hat man den präpotenten Zeigefinger des Oberlehrers vor der Nase, der in frühen Inszenierungen der Stücke des Dramatikers als Zeichen der Werktreue galt. Mechanismen der Angsterzeugung durch Willkür und Macht, Mechanismen der Denunziation und der Rechtsbeugung werden vorgeführt – aber mit solch demonstrativem Gestus und in solcher Schlichtheit, dass der heutige aufgeklärte Zuschauer sich nicht ernst genommen fühlt.

Sascha Hawemann weiß das nicht nur, sondern er will das so. Uwe Schmieder führt als Reinkarnation des Dichters mit Brecht-Brille und grauer Arbeiterklasse-Kombination durch den Abend und erklärt erstmal den V-Effekt. Und da BB ja nicht nur Talent hatte, sondern auch ein eitles Scheusal war, darf er neben ein paar autobiographischen Notizen ausgewählte Filme aus dem Leben und Werk des Meisters präsentieren und das prophetische, für die Aufführung geradezu programmatische Gedicht Frühling 1938 vortragen. Brechts großartigem lyrischem Werk fehlt bekanntlich die Erdenschwere vieler seiner dramatischen Texte: Die düstere Bestandsaufnahme und Prophetie des Gedichts wird live von der leisen, später zunehmend dramatischen Piano-Musik Alexander Xell Dafovs begleitet – und von aufziehenden Kriegsgeräuschen.

Drei Bühnenelemente rollen herein: angedeutete kleine Zimmer mit Fenstern, die uns einen Blick aus dem Heute in die Zeit des Dritten Reiches ermöglichen. Hawemann verzichtet auf eine vordergründige Aktualisierung, doch der neugierige Blick in die Vergangenheit führt zu aktuellem Erschrecken: Ähnlichkeiten mit heutigen politischen Konstellationen und den populistischen, opportunistischen oder einfach nur mutlosen Verhaltensweisen mancher Zeitgenossen sind nicht von der Hand zu weisen. Eine Flüchtlings-Metapher springt ins Auge: Im Vordergrund wird die offene Bühne von einer langen Wanne gequert, an deren Rückwand unzählige alte Koffer stehen. Wir denken bei diesem Bild an die aktuelle muslimische Völkerwanderung nach Europa, während bei Brecht eine jüdische Frau nach Amsterdam flieht. Merkwürdig emotionslos fällt der Abschied von ihrem arischen Mann und von den Freunden aus: Auch deren Leben wird im Nationalsozialismus durch die Flucht der Frau sicherer. In einer der berührendsten Szenen verschwindet diese Frau in einem hölzernen, fensterlosen Waggon – endet die Abfahrt nach Amsterdam im KZ? – In einer anderen Episode hat ein Richter nicht den Mut, die vermeintlich von der nationalsozialistischen Staatsmacht geschützten Täter zu verurteilen. Ethik und Moral spielen für diesen Staatsdiener keine Rolle; er sucht nicht nach Gerechtigkeit, sondern nach dem Weg, seinen eigenen Arsch zu retten. Andreas Beck spielt diesen unsicheren, mediokren Opportunisten großartig; gerade seine Unentschiedenheit, seine Farblosigkeit ist es, die den Zuschauer gruselt. - Solche Szenen animieren den Zuschauer zu Transferleistungen unterschiedlichster Art: Wie gehen wir heute mit den Flüchtlingen um? Wie lange schauen wir der Radikalisierung an den Rändern unserer politischen Gesellschaft zu? Wie lange schaut die heutige europäische Politiker-Riege aus opportunistischen, geostrategischen Gründen der Gleichschaltung der politischen und gesellschaftlichen Organe in der Türkei zu, die sich exakt analog zu den Geschehnissen im Dritten Reich entwickelt?

Ja, so weit kann die Phantasie einen tragen in den besseren Szenen der Dortmunder Aufführung, in den Szenen, die einen unmittelbaren politischen Bezug haben. Aber Furcht und Elend gehört leider zu Brechts schwächeren Stücken: Während man längst weiß, wo der Hase lang läuft, bekommt man es noch einmal lang und breit erklärt. Es ist für Brecht nicht schmeichelhaft, ihn in die Nähe von Franz Xaver Kroetz zu rücken, in dessen piefigem Kleinbürger-Milieu sich die meisten Szenen des Abends abspielen. So lange Hawemann den V-Effekt vorführt, wird das heute eher unzeitgemäße Stück oftmals durch ein überzogenes, undifferenziertes Spiel diskreditiert. Da hilft auch der vom Regisseur reichlich hinzugefügte Humor nicht, denn die Darsteller verirren sich häufig in die Comedy, halten ihre schauspielerischen Fähigkeiten unter Verschluss und zeigen Stereotypen. Die Ausnahme ist Uwe Schmieder mit seinem brillant gespielten und manchmal lakonisch hellsichtigen Brecht: Als Raafat Daboul, ein syrischer Schauspieler, der vor gut einem Jahr nach Deutschland geflüchtet ist, als arabisch sprechender Soldat die jüdische Frau verfolgt, deutet Schmieder-Brecht auf ein Video mit den Ruinen von Aleppo: „Woanders geht das Leben seinen Gang!“ Das hat Biss, das ist schwärzester Humor und intelligenter Zynismus: großartig.

„Theater muss unterhalten“, sagt der Dortmunder Brecht einmal. Die stereotypen Comic-Figuren vieler Szenen unterhalten nicht, sondern sie verkleinern ein Stück, das ohnehin heute mächtig alt aussieht. Doch: „Das Theater kann auch anders“, sagt Uwe Schmieder kurze Zeit später. Es könne auch erschüttern. Und so zeigt die Aufführung in der letzten halben Stunde, was man mit Brecht machen kann, wenn man sein episches Theater moderner interpretiert: Erschütternd ist der Brief des Vaters an seinen Sohn kurz vor der Hinrichtung; Bettina Lieders fröhliche Berichte über die Verfolgung der Juden und die Beobachtung von Massenerschießungen erinnern an Jelineks „Rechnitz“-Drama; der eingefügte literarische Text über das Massaker von Babi Jar wird zu einem emotionalen Höhepunkt des Abends; Strobolight und Kriegsgeräusche brechen über die unmittelbar vor den Zuschauern aufgereihten Schauspieler herein. Plötzlich sind wir gefangen genommen von einem zeitgemäßen, relevanten Stück. Hawemann zeigt also auch, wie wichtig der Regisseur als Vermittler und „Übersetzer“ dramatischer Texte ist.

Mit Brechts wunderbarem Gedicht An die Nachgeborenen endet der Abend: „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!“ – Noch sind wir nicht so weit, wie es in den letzten Versen dieses Gedichts heißt, „daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist“. Aber angesichts der überzeugenden letzten halben Stunde gedenken wir Nachgeborenen der Aufführung mit Nachsicht. Das Theater hat sich weiterentwickelt seit den Zeiten von Bertolt B., und das ist gut so.

Kroetz wird jung und aktuell: mit Distanz, Humor und Videotechnik

Wiebke Rüters Inszenierung von Furcht und Hoffnung in Deutschland: Ich bin das Volk spielt in weiten Teilen in einer eher ärmlich ausgestatteten Küche. Aber die junge Dortmunder Regie-Assistentin, die mit diesem Stück ihre erste eigenständige Arbeit vorlegt, inszeniert keineswegs ein – wie es bei Franz Xaver Kroetz zu befürchten wäre – muffiges Wohnküchen-Drama. Auch Rüter nähert sich ihrem Textkonvolut mit viel Humor – und sie hat einen Weg gefunden, bei dem das funktioniert. Rüter hat die beiden Kroetz-Texte von 1984 und von 1995 radikal gekürzt, miteinander verflochten und auf nur drei Schauspieler verteilt. Dabei hat sie den 21 Figuren des Originaltexts sogar eine weitere hinzugefügt, die entscheidend dazu beiträgt, dass die Inszenierung gelingt: Julia Schubert spielt eine Film-Regisseurin, die einen Dokumentarfilm über Arbeitslosigkeit drehen will. Für sie montiert Rüter die Kroetz-Szenen so, dass aus dem Kaleidoskop von gesellschaftlichen Momentaufnahmen die fortlaufende Geschichte des kleinbürgerlichen Ehepaares Martha und Willi wird. Zunehmend wird die Filmregisseurin, die ebenfalls nicht frei von Furcht vor Arbeitslosigkeit ist, in die Welt von Willi und Martha hineingesogen.

Dabei hat die junge Filmemacherin eine herzerfrischend distanzierte Einstellung zu ihrem Thema: „Arbeitslosigkeit ist doch heutzutage weder ein relevantes noch ein interessantes Thema“, sagt sie: „Ich kann doch nicht oben die Arbeitslosigkeit reinstecken, und unten kommt das Klassenkampfgedicht raus.“ Da lacht das Herz des notorischen Kroetz-Verächters: So treffend hat noch keiner die Methode des ehemaligen bayerischen DKP-Mitglieds auf den Punkt gebracht. Und doch führen nun genau dessen Szenen zu einem hochkomödiantischen, ohne Verbissenheit die populistische Verdummung und den alltäglichen Rassismus unserer heutigen Gesellschaft präzise aufspießenden Abend. Einem Abend, der mehr über das rechte Denken als über die Arbeitslosigkeit aussagt, aber der aufzeigt, dass rechtes Denken und radikale gesellschaftspolitische Einstellungen oftmals aus Abstiegsangst und aus gefühlter sozialer Ungleichheit resultieren. In der Dortmunder Inszenierung fügen sich die alten Kroetz’schen Depri-Sätze zur Comedy, ohne dass die gesellschaftskritische Absicht des Dramatikers verraten wird. 

Wie in einem Episodenfilm führt die Filmemacherin durch die verschiedenen Szenen des Arbeiterpaars Martha und Willi, die von einer Live-Kamera aus einem teilweise offenen, bisweilen vom Zuschauer einsehbaren Container auf einen Vorhang projiziert werden. Zu Beginn gelten im Container noch die alten Rollenklischees, die in den 2010er Jahren auch ohne Arbeitslosigkeit als überholt gelten dürfen: „Kikeriki, der Hahn bin i. Kochen tust du, und essen tu i“, flötet Ekkehard Freye als Willi. Bald wird er es sein, der das Gemüse schält – und, mehr und mehr an einer Psychose leidend, wird er das Suppenhuhn missbrauchen, während Martha das Geld nach Hause bringt. - Außerhalb des Containers werden die Szenen gespielt, die mit Martha und Willi allenfalls indirekt zu tun haben: Ekkehard Freye fordert als bayerischer Politiker und Pateivorsitzender die Verschärfung des Asylrechts und zelebriert ein großartiges, bissiges Polit-Kabarett. Wir hören Franz-Josef Strauß und denken an Horst Seehofer. Ein Chefredakteur kritisiert eine Journalistin, die ihm „zu sozialschwärmerisch“ berichtet: Er „will die Masse“, und die Masse interessiere sich nicht für die Probleme der Gesellschaft, sondern für ihre privatistischen Ängste. Tatsächlich nimmt Presse- und Medienkritik einen breiten Raum in der Inszenierung ein: Die „Lügenpresse“ wird einmal anders dargestellt als die Jungs und Mädels von der AfD es tun: Ausländerfeindlichkeit solle totgeschwiegen werden, Nachrichten könne man auch einmal weglassen, und manche Brandstiftung sei nicht als „radikale Aktion“ zu betrachten, sondern es könne sich auch um „normalen Hass“ handeln. (Hier irrt die Inszenierung: Man kann der deutschen Presse wohl kaum den Vorwurf der Vernachlässigung von Ausländerhass machen.)

Das Ganze vollzieht sich mit großem Tempo und Aberwitz. Atemberaubende Vergleiche, bitterböse und rasiermesserscharfe Sprachspiele halten die Spannung hoch. Ist das noch Kabarett, ist es Groteske - oder ist nicht mancher dieser Sprüche dem AfD-Volk vom Maul abgeschaut? Es ist, wie die Regisseurin sagt, auch die Sprache der heutigen sozialen Netzwerke. Tote oder verbrannte Asylbewerber: „Wenn es nach mir ging, gäbe es die gar nicht, weil sie noch friedlich in ihren Heimatländern lebten“, sagt der Politiker – und wir denken an das friedliche Aleppo, in dem so mancher Asylbewerber sich viel bequemer Sonne und Bomben auf den Pelz brennen lassen könnte als im kalten mecklenburgischen Winter. Als Asylantenheime brennen, heißt es einmal: „Verbrennen ist eine alte Tradition in Deutschland; wer hierher will, muss sich damit auseinandersetzen.“

Grandios wechseln die drei überzeugenden Schauspieler zwischen den Rollen. Julia Schubert, Ekkehard Freye und Marlena Keil stellen wieder einmal die Wandlungsfähigkeit und Brillanz des Dortmunder Ensembles unter Beweis. Marlen Keil hat es dabei am schwersten, gibt sie doch lange Zeit nur die duldsame, kaum aus der Ruhe zu bringende Gattin des sich durch seine Arbeitslosigkeit stetig verändernden Willi. Doch dann darf sie als Chefin einer Fernseh-Redaktion auf unangenehme Weise Kante zeigen. „Natürlich ist das platt“, sagt sie in einem Kritikgespräch. „Manchmal muss man einfach den Holzhammer rausholen.“ – Genau das kann man den frühen Stücken von Franz Xaver Kroetz häufig vorwerfen. Die Inszenierung von Wiebke Rüter nimmt solcher Kritik den Wind aus den Segeln. Hut ab vor einem solchen Debut.