Unterwerfung im Schauspielhaus Düsseldorf

„Wenn der Islam nicht politisch ist, ist er nichts.“ (Ayatollah Chomeini)

Als Houellebecqs Roman Unterwerfung am 7. Januar 2015 in Frankreich erschien, richteten zeitgleich zwei Terroristen, die sich auf die Al-Qaida beriefen, in der Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo ein Blutbad an. Kurze Zeit später folgten weitere heftige Terroranschläge.

Schon vor dem Erscheinen hatte Soumission kontroverse Debatten ausgelöst. Der Vorwurf stand im Raum, Houellebecq spiele mit den Ängsten vor Einwanderung und Islamisierung. Dabei hält der Autor in seinem Werk der französischen Politik den Spiegel vor und rechnet mit den Werten der westlichen Gesellschaft ab, die an ihrem „atheistischen Humanismus“ seiner Meinung nach zugrunde geht. Natürlich hat das von ihm entworfene Szenario angesichts der jüngsten Verbrechen des IS etwas Bedrohliches. Doch Houellebecq lässt fast nur zufällig die gemäßigte islamische Bruderschaft die Wahlen in einem Frankreich des Jahres 2022, in dem der Roman spielt, gewinnen. Sie überholen die Sozialisten und neben ihnen profiliert sich als zweitstärkste Partei der Front National. Das neue muslimische Staatsoberhaupt weiß, seine Ziele mit Hilfe von finanziellen Anreizen durchzusetzen. Frauen sollen zu Hause bleiben und werden dazu durch üppige Haushaltsgelder animiert. Die Golfstaaten finanzieren das nach muslimischen Werten ausgerichtete Bildungssystem großzügig. Die Saudis übernehmen sogar die Sorbonne. Verblüffend, dass Bruderschaft und rechte Partei beide ein Parteiprogramm haben, das die gleichen Werte in den Mittelpunkt stellt: Stopp des Identitätsverlusts, Schutz der Familie, Bewahrung der Ordnung und Intoleranz allem Fremden gegenüber.

In Düsseldorf kam jetzt Malte C. Lachmanns als Erzähltheater konzipierte Fassung des Romans zur Aufführung, die bereits im März in Dresden zu sehen war. Dem jungen Regisseur geht es nicht um einen radikalen Islam, sondern eher um eine liberale Version, die ein genussvolles Leben zulässt. In Unterwerfung heißt es Abschied zu nehmen von den Errungenschaften der französischen Revolution: liberté, égalité, fraternité. Diese Begriffe sind zu Beginn des Abends zum Teil in Leuchtschrift an den beiden Seitenwänden der minimalistischen Bühne zu sehen bzw. stehen in großen Buchstaben auf der Spielfläche. Letztere sind mit wenigen Handgriffen zu Sitzmöbeln oder Firmenlogos umzufunktionieren. Der Protagonist Francois, ein Unidozent mittleren Alters, hat immer sein Handy dabei, so dass er das angeblich aktuelle politische Geschehen jederzeit auf den Wänden per Video sehen kann. Er ist gewiss kein Mensch, den man sofort mag. Im Gegenteil. Er will keine feste Bindung eingehen und suchte daher bis zu diesem Zeitpunkt jedes Jahr aufs Neue unter den Erstsemestern eine Bettgespielin. Die dann durch einen Neuzugang ersetzt wurde. Christian Erdmann (Cordhose, Wildlederblouson, zerzauster Haarschopf) spielt diesen „Antihelden“ äußerst beeindruckend. Einen Mann, der nur egozentrisch zu sein scheint, gerne sich selbst bemitleidet und nur in der Beschäftigung mit dem Werk des Décadence-Autors Joris-Karl Huysmans wahren Genuss findet. Abgesehen von den flüchtigen sexuellen Abenteuern wird er doch immer wieder mit seiner Einsamkeit konfrontiert, mit dem fragwürdigen Vergnügen der Wahl eines Tiefkühlmenüs oder eines Fernsehsenders. Am Morgen der Wahl flüchtet Francois aus Paris. Obwohl erklärter Atheist, geht er in ein Kloster, in dem auch Huysmans verkehrte, doch lange hält er es dort nicht aus. Zurück in Paris stellt sich die Frage, wie es unter den neuen politischen Gegebenheiten weitergehen soll. Die Verdrängung von Frauen aus der Hochschule und ihre Verschleierung im öffentlichen Raum machen es ihm unmöglich, seine Sexualität wie bisher auszuleben. Dann bekommt er eine Einladung zu Rediger, dem neuen Präsidenten der Sorbonne. Ben Daniel Jöhnk spielt ihn als smarten, wort- und weltgewandten Mann. Das Bewerbungsgespräch ist faszinierend zu verfolgen. Rediger erläutert eloquent seine Vorstellungen vom Islam und bietet Francois einen Lehrstuhl mit üppigem Salär an. Natürlich unter der Bedingung, dass er zum Islam konvertiert. Fast wie eine Predigt hören sich Redigers Ausführungen an, die in dem Statement gipfeln: „Es ist die Unterwerfung. Der Gedanke, der dem Islam zugrunde liegt.“ Francois interessiert sich nur für das Kapitel Polygamie, die seiner altersbedingten abnehmenden Libido durchaus entgegen käme. Seine Unfähigkeit, echte Liebesbeziehungen einzugehen, wäre kein Problem mehr, hätte er mehrere unterwürfige Ehefrauen. So sieht er keinen Grund, nicht einzuwilligen.

Neben dem großartigen Christian Erdmann verkörpern Lorenz Nufer und Yohanna Schwertfeger mit viel Spielfreude verschiedene Rollen. Ein höchst vergnüglicher Schauspielerabend mit Tiefgang. Und mit vielen Denkanstößen.