Finnisch im Bochum, Schauspielhaus

Über die Sehnsucht nach einer Verabredung für „knusper knusper“ und „Knick und Knack“

Martin Heckmanns 1999 in Herford uraufgeführtes Stück Finnisch kreist um einen namenlos bleibenden jungen Mann. Als er den Großvater im Altenheim besuchte, sah er dort eine bezaubernd lächelnde Postbotin, die ein Päckchen brachte. Seitdem ist er besessen von der Idee, von ihr auf diese Weise angelächelt zu werden. „Und da steht sie da / in ihrer Postbotinnenschönheit .und ich sage schön / vielleicht / dass du da bist / schön.“
Deshalb hat er sich selbst ein Paket geschickt und wartet nun ungeduldig auf das Erscheinen der Frau. Offensichtlich bereits verliebt, getrieben von Erwartungen und Hoffnungen. Bald wird sie vor seiner Tür stehen, klingeln und das Paket übergeben. Was dann? Wie macht er den besten Eindruck? Auf welche Weise beginnt man ein „spontanes Gespräch“? Mit einem „unbeschwerten Hallo“ und mit welchem Lächeln?

Heckmanns ist ein berührendes Stück über einen verzweifelt Einsamen gelungen, der versucht, die ersehnte Zweisamkeit zu erringen. Und dabei heftig und hektisch alles Mögliche überlegt, um dies zu erreichen. Anscheinend ist er ohne jegliche Erfahrung in dieser Hinsicht, empfindet er schon das „wachsende Synchrongefühl“ einer für kurze Zeit in einem U-Bahnwagen gemeinsam hin- und herschaukelnden Menschengruppe als Gemeinschaftsgefühl („eine gute Zeit miteinander haben“).

Finnisch, auch zu verstehen als das englische „finish“ oder als Synonym für das Fremde, ist sicherlich auch heute so ergreifend, weil jeder sicher so verzweifelt einsame Menschen kennt – auch im Zeitalter des „online dating“.

Maren Watermann inszenierte Finnisch im Bochumer „Theater unten“. Ein überaus passender, intimer Rahmen für dieses Kammerspiel. Rings um die Spielfläche herum sind die Wände bedeckt mit Insektenkästen, gefüllt mit genadelten Schmetterlingspräparaten. Man fühlt sich fast in das Bonner Naturkundemuseum König versetzt. Einige wenige Quadrate lassen sich als Fenster öffnen. Ein Ledersessel, eine Stehlampe, eine kleine Kommode – das sind die Requisiten. Dennis Herrmann spielt den jungen Mann auf hinreißende Weise. Man kann fast physisch seine Gefühlsturbulenzen mitverfolgen. So seine mimisch durchgespielten Versuche, eine zwanglose Kontaktaufnahme zu gestalten. Immer wieder schaut er in ein Notizbuch, um nach dem richtigen Stichwort zu suchen: „Hautkontakt“, „Name“. „Der Name ist eine Art Zusammenfassung von einem selbst, eine Art Haut“, „Probleme offen ansprechen“). Nur einmal sehen wir ihn selbstbewusst. Wenn er als Schmetterlingsexperte aufzählt, welcher Falter wann der „Schmetterling des Jahres“ war, so das Tagpfauenauge im Jahr 2009.
Ein Musikant (Volker Kamp), verborgen hinter der Wand, spielt ab und zu kurz eine Melodie. So fragt sich unser Protagonist, ob Musik helfen könne: „Das lockert die Stimmung.“ Kurzfristig erlaubt er sich, Gefühle zu zeigen, tanzt ein paar Schritte und singt: „Is this the real life or is this just fantasy?“ Kommt aber dann zu dem Fazit: „Besser redet man mit sich.“ Über die Liebe hat er viel gelesen, die praktische Erfahrung fehlt. Es bleibt offen, ob ihm der Schritt ins wirkliche Leben gelingen wird, auch wenn er zum Schluss ein paar Fenster aufstößt. Ein unbedingt sehenswerter, rührender Abend.