Faust (to go) im Schauspielhaus Düsseldorf

Der Thespiskarren rollt weiter

Ein Jahrtausende altes Modell: das Theater kommt zu den Menschen. Diesmal nach Düsseldorf-Oberbilk, einer Gemeinde, die „heterogener strukturiert ist als anderswo“, so der Pfarrer der Christuskirche, einer schmucklosen protestantischen Hallenkirche mit Galerieumgang und in die Jahre gekommenem weißlichen Putz, dem Premierenspielort von Faust (to go). Neben dem Eingang eine kleine Bar und leicht verschlissene Clubgarnituren. Vorne über dem Altar ein mächtiges Holzkreuz mit Korpus, davor auf den Altarstufen eine riesige Videowand, die im Mittelteil aufgeklappt, den Blick auf das Kreuz lenkt. Eine frappierende Kulisse für die zu erwartende berühmte Gretchenfrage an den verführten Zweifler Faust: „Nun sag, wie hast du‘s mit der Religion?“. Die Dom-Szene mit dem Hilfeflehen: „Frau Nachbarin! Euer Fläschchen!-“ vor Gretchens Ohnmacht, die hier eine fast realistische Kulisse fände, wurde allerdings ganz gestrichen. Streichungen gibt’s reichlich, doch das, was wir dann in den zwei Stunden wunderbaren Schauspiels hören, ist Goethes Originaltext, ganz ohne Modernismen oder Aktualisierungen, (wenn man von Kleinigkeiten absieht, dass etwa aus Marthes Garten ein Parken wird). Nur Eingangs- und Schlusssatz werden dem Text sinngebend hinzugefügt.

Gut hundert Besucher haben Platz genommen auf den hölzernen Kirchenbänken und Sesselchen, als eine greise Gestalt unter eine weiße Plane auf einem der zwei Seziertische vor der Videowand huscht. Das Licht erlischt. Auf der Projektionswand lodern Flammen auf, Unfall, Katastrophenbilder in rasendem Wechsel, dazu musikuntermalt eine Stimme aus dem Lautsprecher: Fortschritt und Katastrophe – unbewohnbarer Augenblick – Katastrophe und Unfall – Texte des Schnelldenkers und Katastrophen-Sammlers Paul Virilio.

Als es hell wird, liegt auf dem zweiten Seziertisch ganz real ein Haufen angebrannte Blätter. Vier Pathologen in Schutzanzügen stehen an der „Leiche“. Noch vor der „Auferstehung“ Fausts hören wir seinen Text: „Ich bin nur durch die Welt gerannt. Ein jed‘ Gelüst ergriff ich bei den Haaren… unbefriedigt jeden Augenblick“. (Ein Text aus Faust II, 5.Akt, im Gespräch mit der Sorge.) Dann befreien ihn die Beobachter von der Folie, betrachten den greisen Faust und sprechen dabei Sätze aus Mephistos „Prolog im Himmel“, die sich wie ein echtes Gespräch aneinanderfügen. Schon in diesen ersten Szenen zeigen sich Charme und Faszination dieser Inszenierung: aktuelles Bühnenspiel, vorgefertigte Videos und live-eingespielte Videoszenen verbinden sich aufs kunstvollste und schaffen fantastische Illusionen, durchbrechen Zeit und Raum, mischen Realität und Fiktion, verdeutlichen die unterschiedlichen Handlungsebenen. Schon bald zeigt sich, dass die Videowand nur Teil einer Theater-Zauberkiste mit eigener Beleuchtung ist, in der gespielt werden kann (Bühnenbild Irina Schicketanz). Originell, wenn daraus durch die Projektion ein Wohnwagen wird, der durch Düsseldorf fährt und Straßen, Menschen, vertraute Geschäftsfassaden oder die Rheinwiesen zu Teilen der Szenerie werden lässt. Dann hält er an und „echte“ Schüler erscheinen, reden mit Faust und Mephisto, erbitten Autogramme und nehmen Teil an der „Studienberatung“ durch Mephisto, der allerdings den Goethetext um das Fach Kommunikationswissenschaft ergänzt.

Längst streifte Faust die Greisenmaske ab, verjüngt erlebt er Ostern. Und als im Text vom Ostergeläut die Rede ist, ertönen über uns ganz real die Glocken der Christuskirche und später werden Fausts Schwüre von gewaltigen Orgelakkorden von der Empore herab bedrohlich verstärkt.

Als auf der Wand ein „lebendiger“ Pudel erscheint, wird aus dem Video-Pudel im Handumdrehen der Mephisto in Menschengestalt auf der Bühne. Stefan Gorsky gibt keinen teuflisch-unheimlichen Verführer und auch keinen Gründgens-Mephisto: jugendlich, geschmeidig, manches Mal nachdenklicher als der entgrenzte Faust, wirbelt er durchs Geschehen - bald vor, bald hinter der Projektionswand, bald unter den Zuschauern oder auf der Galerie. Stets aufmerksam, listig und unnachgiebig auf sein Ziel bedacht.

Auch der Faust des Torben Kessler ist ein ganz angenehmer Zeitgenosse, ein moderner Aussteiger. Ein Intellektueller, dessen Sehnsucht nach Weltaneignung durchaus aktuell erscheint, während seine Exzesse, seine zur Raserei beschleunigte Glücksuche (Lehniger), seine rücksichtslose Gier sich hinter der Kulisse abspielen. Hexenküche und Walpurgisnacht flackern in bunten, expressiven Videos über die Wand, da darf sogar die virtuelle Helena auftauchen: „Ich fühle mich so fern und doch so nah“, nimmt sie ihren Text aus Faust II vorweg. Inmitten dieses höchst unterhaltsamen und immer wieder überraschenden Medienmixes ist das Gretchen der Cennet Rüya Voss von strahlender Präsens. Sie ist ein schönes, kräftiges junges Mädchen mit wachen, dunklen Augen, sinnlich und sexy – so gar kein Opfertyp. Mal trägt sie das Haar brav geflochten, mal versteckt sie es unter einer lila Perücke. Sie scheint sich ihrer Gefühle voll bewusst, und stürzt dennoch in den Abgrund. Die Kerkerszene spielt sich vorwiegend per Video unappetitlich an einer Autobahnraststätte ab. Wie im gesamten Text die Engelchöre und Gottesbezüge gestrichen sind, so auch hier das tröstliche Gebet mit der „Stimme von oben. Ist gerettet!“ Der Goethe-Text endet mit der „Stimme von innen, verhallend: Heinrich! Heinrich!“

Bei Faust (to go“ wird Gretchen über die Erde geschleift und kriecht entsetzt und kraftlos mit den Worten: “Heinrich! Mir graut’s vor dir.“, zurück, während die Männer in den Wagen steigen und losfahren. „Wohin geht es nun?“ fragt Faust. Da fehlt alle Sentimentalität. Das ist harte Realität.

Die Aufführung wird im Laufe der Spielzeit an vielen Orten der Stadt und einiger Nachbarstädte zu sehen sein. Der Thespiskarren rollt.