Glänzende Aussichten im Schauspielhaus Düsseldorf

Schauspieler am Karrierestart

In den Jahren 2003 und 2004 erhielt Martin Heckmanns beim Mülheimer „Stücke“-Wettbewerb jeweils den Publikumspreis für seine Stücke Schieß doch, Kaufhaus und Kränk; Kommt ein Mann zur Welt wurde in der Spielzeit 2006/07 am Düsseldorfer Schauspielhaus zu einer der hinreißendsten Aufführungen des Jahres, während Die Zuschauer am Staatsschauspiel Dresden 2015 eine der poetischsten des Jahres 2015 waren. Kaum ein Stück des gebürtigen Mönchengladbachers gleicht dem anderen: Der Dramatiker Heckmanns ist eine Wundertüte. Einem dermaßen kreativen Stück-Erfinder sollte man nicht vorwerfen, wenn eine seiner Kreationen einmal etwas weniger gelingt.

Für die Abschluss-Produktion des vierten Schauspiel-Jahrgangs des Mozarteums Salzburg, der in voller Stärke ein Jahr der praktischen Ausbildung am Düsseldorfer Schauspielhaus absolviert, hat Heckmanns ein Stück geschrieben, das jedem Absolventen die Möglichkeit zu einem großen Auftritt und zur Entfaltung seiner individuellen Qualitäten liefern soll – also in etwa das, was man auch für ein Intendanten-Vorsprechen benötigt. Für solche Zwecke sind bereits hervorragend geeignete Stücke am Markt – Episodenstücke zumeist wie Mark Ravenhills Shoot / Get Treasure / Repeat oder auch die vor wenigen Tagen an dieser Stelle in ihren Dortmunder Realisierungen besprochenen Dramen von Brecht und Kroetz Furcht und Elend des Dritten Reiches oder Furcht und Hoffnung in Deutschland. Sei’s drum: Heckmanns hat ein Stück geschrieben, das sich gleichzeitig mit der aktuellen Situation der angehenden Schauspieler (die natürlich alles andere als Glänzende Aussichten haben) als auch mit gesellschaftskritischen Themen befasst. Heckmanns Stück verhandelt diese Themen auf sehr komödiantische Weise. Die einzelnen Szenen sind häufig entzückend schrill und durchweg unterhaltsam; um allerdings einen inhaltlichen Zusammenhang herzustellen oder auch nur einen gedanklichen Überbau zu erkennen, bedarf es einigen guten Willens des Publikums. Über die Qualitäten des Stücks kann man also trefflich streiten – aber es sei nicht unterschlagen, dass sich Heckmanns jede erdenkliche Mühe gegeben hat, den zehn Schauspielern passende Texte auf den Leib zu schreiben. Er begann erst zu schreiben, nachdem er alle Akteure persönlich und professionell ausgiebig kennengelernt hatte.

Es sind Menschen am Ende ihres Schauspielstudiums, die Heckmanns zeigt: Menschen, denen zu Beginn ihrer Karriere durchaus eine Identitätskrise drohen kann: Was ist eigentlich ihr Selbstverständnis als Schauspieler? Was wollen sie den Zuschauern zumuten? „Wir wollen niemandem vorschreiben, was er zu sehen habe und wohin“, heißt es gleich zu Beginn in bewusst verunglückter Diktion. Die Grenzen des Systems lernen die angehenden Schauspieler auch gleich kennen: Überwältigungstheater mittels Abbrennens eines veritablen Feuerwerks wurde ihnen „aus technischen (und wohl vor allem feuerpolizeilichen) Gründen untersagt“. Theaterironische Texte, überwiegend chorisch gesprochen, stehen am Anfang dieser Inszenierung, die Hinterfragung der Berufswahl auch. Doch falls das Chorische das Gemeinschaftsgefühl einer Ausbildungsklasse versinnbildlichen soll, so wird bald deutlich, dass der Theaterberuf mit notorischen Eifersüchteleien und Konkurrenzkämpfen einhergeht.

Trotz aller Kritik am Stück gelingen Heckmanns und den Salzburger Absolventen vor allem im zweiten Teil der achtzigminütigen Aufführung einige packende Miniaturen. Qualitativer Höhepunkt und großartige Realsatire ist die Auseinandersetzung der Schauspieler über die Frage, ob die rein weiße Besetzung des Stückes nicht als versteckter Rassismus zu betrachten sei: Muss man nicht „Franziska“ hinzubitten? Oder ist es rassistisch, eine farbige oder migrantisch geprägte Schauspielerin mitspielen zu lassen, nur weil sie farbig und/oder Migrantin ist. Wie kann man den Unterschied in der Hautfarbe heute überhaupt benennen, ohne sich dem Vorwurf des Rassismus aussetzen zu müssen? Pointiert und mit treffendem Witz wird ausgestellt, dass wir angesichts der inzwischen fast pathologischen Forderungen nach politischer Korrektheit kaum noch unfallfrei über kulturelle Unterschiede oder gar Unterschiede in Herkunft und Hautfarbe diskutieren können. Politische Korrektheit ist heute ideologisch geprägt, und Ideologie wird schnell militant. Unsere zehn Schauspielanwärter sind da gar nicht weit entfernt von der unsäglichen Blackfacing-Debatte, die sie im Laufe ihres Berufslebens noch häufig einholen wird und die heute zu derart verkrampften Lösungsansätzen führt, dass die Schwelle zur Lächerlichkeit längst erreicht scheint.  

Die ausgiebige persönliche Zuwendung, die der Autor den Schauspielern hat zukommen lassen, nutzen die Akteure in unterschiedlichem Ausmaß. Auch der durchweg energetische Ansatz von Stück und Regie kommt den Schauspielern offenbar in unterschiedlichem Maße zugute. Wolf Danny Homann hat einen verblüffenden, manchen Zuschauer vorübergehend irritierenden Auftritt als Alter Ego des Autors, der durch seine doppelte Selbstironie gewinnt: Heckmanns karikiert die Eitelkeit des Dramatikers, und Homann macht die Szene zu einer hochnotkomischen Karikatur der Eitelkeit des Schauspielers. Die muntere, von der Kostümbildnerin Anna Zadra in Boxer-Klamotten gesteckte Rebecca Seidel zieht es vor, sich einem millionenschweren erfolgreichen vierundachtzigjährigen Dichter hinzugeben und auf dessen baldigen Tod zu hoffen anstatt sich dem finanziell prekären Leben einer Schauspielerin zu widmen: Voller Witz ist die Szene, in der sie den Melonenkopf des angeblichen alten Mannes anknabbert und mit zunehmender Entschlusskraft vertilgt, während der altmodisch ausstaffierte junge Caner Sunar in angemessener Entfernung von einer Kollegin arretiert wird. Dominik Puhl überzeugt mit stoischer Ruhe und einer ironischen Distanz zum eigenen Text, Martin Esser mit kraftvollem Auftritt und einer gewissen Originalität.

Einige der Akteure haben wir in den letzten Monaten bereits in kleinen und großen Rollen in Repertoire-Stücken in NRW beobachten können. Sofia Burtscher erkennen wir sofort wieder: Sie zeigt eine ebenso hohe Präsenz wie als Anna Petrowna in Robert Borgmanns Iwanow am Schauspiel Köln. Glänzend verkörpert sie selbstbewusste, arrogante oder aggressive Typen; die leiseren Töne liegen ihr derzeit noch weniger. Keine Frage: Die Dame verfügt über reichlich Potential - leider darf sie bei Heckmanns nicht singen, denn aus Köln wissen wir, dass sie mit ihrer brillanten Stimme jeden Zuschauer in den Bann ziehen kann. - Szenenapplaus aber erntet an diesem Abend nur eine: Nina Steils in ihrem „albernen Brokkoli-Kleid“ zeigt nicht nur Ausstrahlung und Präsenz, sondern sie hat auch die weitaus ausdrucksstärkste Mimik in diesem Ensemble. Der als Beobachter in zahlreichen Assessment Centern gestählte Rezensent will gerade als Defizit ein etwas zu dünnes Stimmchen notieren, da hebt diese zierliche kleine junge Frau zu einem gewaltigen Gezeter an, zu einer kolossalen Wutrede und einer Schimpfkanonade von monumentaler Kraft - hinreißend.   

Ja, Abschlussklassen-Inszenierungen sind wie Assessment Center, aber im Hinblick auf die Beurteilung der Akteure bergen sie auch die gleichen Risiken: Wir sehen nur eine maximal zweistündige Momentaufnahme. Endgültige Aussagekraft hat erst eine Beobachtung über viele unterschiedliche Rollen und Inszenierungen. Nina Steils überzeugte bereits in verschiedenen kleineren Rollen in Alexander Eisenachs von der Kritik weithin unterschätzter Inszenierung von Leif Randts Science Fiction Satire Planet Magnon. Übertroffen wurde sie dort aber von ihrem Studien-Kollegen Niklas Maienschein, der sich in der Rolle des Planet-Hoppers Marten Eliot, einem der Guten, aber auch der Elitären in Leif Randts Sternen-Drama, mit hübsch ironischem Spiel in den Vordergrund zu spielen wusste. Beim Heckmanns-Abend bleibt Maienschein dagegen merkwürdig blass. Auch Glück gehört dazu, wenn man „glänzende Aussichten“ haben will: das Glück des Schauspielers, im richtigen Stück die richtige Rolle zu ergattern und am richtigen Abend in Topform zu sein.