Gesammelte Utopien
Drei Menschen stehen bereit und unbeweglich in einem rückwärtigen Bühnenzugang in rotem Licht neben einem nicht näher definierbaren, offensichtlich mit allerlei Gerümpel beladenen Gefährt. Martha (Bettina Muckenhaupt), eine feine alte Dame, könnte einem Märchen entsprungen sein: in weitem, bestickten Rock, blau-lila wie auch das Oberteil, dazu ein kleines Hütchen; man wird bei ihr an Alexandra Kassen, legendäre Prinzipalin des Kölner „Senftöpfchen“ erinnert. Dazu die Jugend mit der stets strahlenden Roya (Sibel Polat) und dem höchst gelenkigen Serjan (Salim Ben Mammar). Das Trio hatte in der Vergangenheit mit Ihrem Kreativ-Wohnwagen „Villa Utopia“ Kinder von Geflüchteten in Köln, aber auch von Deutschen aufgesucht und sie nach ihren Wünschen für die Zukunft und für ihr eigenes Leben befragt. Ein ähnliches Projekt gab es Ende 2014 mit Taksi to Istanbul (siehe hier), wo man in Köln lebende Jugendliche mit ausländischen Wurzeln über ihre Sorgen und Nöte, ihr Verhältnis zur Heimat und zu Deutschland befragt hat. Regisseur damals wie heute ist Manuel Moser, ein theatrales Multitalent; sein „Taksi“ war für den „Kurt-Hackberg-Preis“ für politisches Theater, er selbst 2012 für den Kölner Darstellerpreis nominiert.
Das Gefährt entpuppte sich als dreirädriges Lieferfahrrad, mit voller Beleuchtung, mit seitlichen Milchkannen als Flugzeug-Turbinen, mit einem riesigen Lautsprecher und ebenso großer hölzerner Kiste. Und mit vielen Zetteln, auf welche die Kiddies ihre Wünsche für ihre Zukunft notiert hatten; das war ebenso per SMS, gemaltem Bild oder über eine Mailbox möglich gewesen. Sogar über ein Überraschungs-Ei konnten sie eine Rohrpost in die Zukunft verschicken. Und da kam schon allerhand zusammen: keinen Krieg und keine gewalttätige Sachen, ein Pass, wo nur „Erdbewohner“ draufsteht, Popstar oder Model zu werden, mehr Zeit für Langeweile zu haben oder Steuererleichterung für Radfahrer.
Das Trio zieht mit diesem Gefährt durch die Welt, seit dem sich der Mann von Martha aus dem Staub gemacht hatte – einfach so. Nach einer wunderbaren Zeit mit ihm und rauschenden Festen im Garten hat sie sich mit ihren beiden Helfern aufgemacht, die Utopien von Menschen zu sammeln. Dazu gehören auch Dinge wie der Spaziergang auf dem Mond oder das Kabel quer über den Atlantik; über die Idee haben alle gelacht, aber es ging dann doch, weil man das Ziel konsequent verfolgt hat. Denn auch der geplante Wunschberuf ist zunächst nur Utopie; das findet auch Roya, welche „Professorin für alles“ ist und knifflige Fragen locker beantwortet.
Man muss immer erst einmal in sich hineinhören, meinen die drei unter abenteuerlichen Verrenkungen, und das Erdachte dann als „Gedankenkotze“ loswerden. Utopien sammeln ist angesagt in einer anrührenden Szene, von Theaternebel unterlegt; und wenn man diese sofort ausspricht, werden sie sofort erfüllt, ob es ein Kamel mit drei Höckern oder kostenlose Schokolade für alle ist. Die Truppe zieht unentwegt weiter, von Stadt zu Stadt, stellt Stühle auf und warten auf Leute, die sie befragen möchten – und wechseln auch schon mal die Rollen hin zum Befragten. Sie sind irgendwie eine kleine Familie, die sich gegenseitig stützt. Denn auch Serjan will auf die Suche gehen; aber was er da sucht, weiß er erst, wenn er es tatsächlich gefunden hat.
Die Stunde Theater vergeht wie im Flug nicht zuletzt durch die fantastischen Schauspieler. Bettina Muckenhaupt ist die junggebliebene ältere Dame, zart und zerbrechlich, aber unbeirrt bei ihrer Vision, den jungen Menschen bei der Planung ihrer Zukunft und der Realisation ihrer Utopien zu helfen. Salim Ben Mammar, gebürtig in Algerien, hat eine Tanz- und Schauspielausbildung und ist zertifizierter Fitnesstrainer; mit unglaublicher Beweglichkeit und manchmal auf zwei Händen spielt er seinen Part neben der reizenden Sibel Polat. Ihre große Augen, ihr wunderbares Lächeln und die Überzeugung für ihren Traum sind schon anrührend. Ebenso wie das Schlussbild von Villa Utopia mit all den vielen Wunschzetteln, am Boden ordentlich aufgereiht wie eine Choreografie, dazu viele schwach glühende Glaskugeln wie die Sterne am Firmament. Symbol für unser aller Visionen, egal ob realisierbar oder auch nicht. Aber man muss es auf jeden Fall versuchen.
Jubelnder Applaus des nicht ganz jungen Publikums belohnte die hoch engagierten Schauspieler. Das Stück ist ausgeschrieben für Jugendliche ab 10 Jahren; das dürfte allerdings etwas zu niedrig gegriffen sein.