Peer Gynt im Mülheim, Theater an der Ruhr

Reduziertes Theater in großer Intensität

Einmal mehr erlebten Theaterfans am Theater an der Ruhr in Mülheim einen grandiosen Premierenabend in der Regie von Altmeister Roberto Ciulli (82), der gemeinsam mit Maria Neumann das Ibsen-Drama Peer Gynt auch personifizierte. Großartige und verzaubernde 95 Minuten gabs im Theater im Raffelbergpark zu erleben. Dabei kam die Inszenierung ohne viel Bühnenbild und Requisite und ganz ohne Kostüm-Wandlung der beiden Mimen aus.

Ibsens-Dramengedicht, dass an großen Häusern mitunter im Bühnenbild unterzugehen scheint und manchmal 20 und mehr Personen auf die Bühne bringt, wird hier in einer faszinierenden Unaufgeregtheit von nur zwei Darstellern auf das Wesentliche zusammengeführt. Zu Beginn sitzen sich Neumann und Ciulli im schwarzen Anzug und weißem Hemd an einem kleinen Tisch gegenüber. Sie scheinen eingeschlafen zu sein und man erlebt ihr Wachwerden als Start in einen Mutter-Sohn-Tag, der es sofort in sich hat.

Ibsen erzählt die Geschichte des Lügners und Außenseiters, Querdenkers und Draufgängeers, aber auch absoluten Egoisten und Versagers Peer Gynt als Odyssee des modernen Menschen. „Du lügst. Du bist ein Großmaul und bringst mich noch ins Grab", wirft Ciulli als Mutter Aase ihrem Peer vor. Worauf der der Mutter vorhält, sie sei die „Tochter eines Bekloppten" gewesen. Unmittelbar darauf erzählt sie ihm von der Hochzeit auf einem reichen Nachbarshof. Und wieder ein Rollentauch. Jetzt ist Ciulli Peer und Neumann die Braut, die er am Hochzeitstag noch entführt und schändet.

Bei seiner Flucht in die Berge heiratet Peer in einer Mischung aus Wahn, Ekel, Begierde, Langeweile und Gleichgültigkeit die Trolltochter. Um gleich nach der Geburt eines Balgs weiter zu fliehen. Diesmal nach Amerika, um dort viel Geld mit Sklavenhandel zu verdienen. All das wird quasi aus der Erinnerung zwischen einem kleinen Tisch, einem Schrank und einem Bett erzählt und gespielt. Grauslich-schön, wie Neumann als Trolltochter in Gestalt einer Striptease-Tänzerin und zu Leonard Cohens Song "Dance me to the end of love" ihn vergeblich zu halten versucht.

Auch die Amerika-Reise bringt Peer nicht zu sich selbst. Man bestiehlt ihn und er denkt über sein verwerfliches Handeln mit den Worten aus dem Matthäus-Evangelium nach "Was hülfe es, wenn man die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?" Die Reise zurück tritt er auf dem Tisch-Schiff an.

Der Sturm zerfetzt das von Neumann als Segel gehaltene Betttuch, das Boot schlägt leck und geht als von Neumann gefaltetes Papier-Schiffchen in Flammen auf. Nun ist das Bett das Rettungsboot, auf das sich Ciulli als Peer retten kann. Grandios der Zweikampf mit Neumann als weiterem Passagier, der sich aufs Bötchen retten will und doch aus Todesangst von Ciulli unter Wasser gedrückt und getötet wird.

Es folgt die Szene mit dem Tod, die Häutung der Zwiebel, der Tod der Mutter, die er noch einmal auf eine erfundene Reise auf ein erdachtes Schloss mitnimmt und die er dann sterbend auf den Tisch bettet. Es bleibt als Erkenntnis: „Verstehen kann man das Leben nur Rückwärts. Leben muss man es vorwärts". (Soeren Kierkegaard). Am Ende gab es verdienten, lauten und begeisterten Applaus im vollbesetzten Theatersaal für rund 95 pausenlose, beeindruckende Schauspielkunst und Spielfreude eines traumhaften Duos.