Die Hölle bei Dante – und im eigenen Ich
Dass das Schauspiel Wuppertal die Hölle ist, mögen wir gerne glauben. Gerade hatte der damalige Intendant Christian von Treskow das ehedem künstlerisch darbende Schauspiel mit avancierten, aber auch sperrigen Inszenierungen wieder auf die Landkarte gesetzt, verfügte die Stadt im Sommer 2013 die Schließung des angestammten Hauses. Das Geld für die fällige Sanierung wurde verweigert. Wer sein Schauspielhaus schließt und verrotten lässt, mag kein avanciertes und sperriges Theater: Die Stadtväter und -mütter, wohl unter der Knute des beratungsresistenten damaligen Oberbürgermeisters und Kultur-Dilettanten Peter Jung, jagten von Treskow vom Hof. Der Nachfolgerin Susanne Abbrederis stellte man anstelle eines Schauspielhauses eine Lagerhalle zur Verfügung und nannte sie Theater am Engelsgarten. Zur Hölle wurde der Engelsgarten nicht, denn die Spielstätte für nur 150 Zuschauer hat großen Charme. Doch Abbrederis tat sich schwer. Dann entdeckte sie neue Spielstätten: Für die Inszenierung von Else Lasker-Schülers Wupper ließ sie Schauspieler und Publikum in Bussen durch die Stadt vagabundieren. Die Buddenbrooks spielten in der Villa der Gesellschaft Concordia am Werth. Beide Inszenierungen wurden auch überregional wahrgenommen; Regie führte jeweils der renommierte Spielleiter Stephan Müller. Den biederen Geschmack der Wuppertaler Stadtväter versuchte Abbrederis durch künstlerisch verzichtbare konventionelle Inszenierungen zu bedienen. Die Stadt Wuppertal blieb hartleibig bei ihrer Entscheidung, den Etat des Schauspiels auf dem Niveau vom Beginn der Intendanz Abbrederis einzufrieren – also weder Tariferhöhungen noch sonstige Kostensteigerungen zu übernehmen. Dann zog eine externe Beratungsgesellschaft ein – immerhin eine, die auf die Bereiche Kultur, Sport und Bildung spezialisiert ist – und empfahl eine Erhöhung der Zahl an Inszenierungen sowie die häufigere Nutzung des größeren Opernhauses, um die Zuschauerzahlen zu erhöhen. Frau Abbrederis schien zwar inzwischen künstlerisch auf einem guten Weg, doch sagt man ihr nach, dass sie nicht die geschickteste kaufmännische Leiterin ist. Eine geschickte Diplomatin ist sie wohl auch nicht: Man trennt sich zum Spielzeitende im Unfrieden. Wuppertal aber wagte Ungeheuerliches und benannte mit Thomas Braus einen langjährigen Schauspieler des Hauses mit Wirkung vom Sommer 2017 zum Schauspiel-Chef.
Bei einer solchen Historie kann das Schauspiel Wuppertal nur die Hölle sein. Weiß der Teufel wie es dem imagemäßig gnadenlos heruntergewirtschafteten Haus gelungen ist, ausgerechnet den wütenden alten Mann des Choreographischen Theaters Johann Kresnik im fortgeschrittenen Alter von 77 Jahre zu überzeugen, am Wuppertaler Theater eine Schauspiel-Inszenierung zu übernehmen. Er inszenierte eine höchst eigenwillige Fassung von Dantes Inferno, dem ersten Teil von dessen Göttlicher Komödie. Er inszenierte das als Solo für einen einzigen Schauspieler, der auch für die Textfassung verantwortlich zeichnet. Sie ahnen es: Es ist ebenjener Thomas Braus, der in einem halben Jahr Chef des Hauses wird. Braus zieht mit seinem Dante pflichtgemäß ins Opernhaus - in einer Aufführung für maximal 40 Zuschauer pro Abend. Eine göttliche Komödie!
Doch komödiantisch ist der Abend nicht. So wenig wie die Hölle unten ist: Treffpunkt für die Zuschauer ist das obere Foyer, wo nach angemessener Wartezeit ein Arzt einen mit Toilettenpapier umwickelten Stuhl hineinschiebt. Aus dem Klopapier schält sich Thomas Braus alias Dante Alighieri. Ein alter Flipper-Song dudelt: „Ohne dich bin ich verloren“. Doch Braus ist nicht nach Schlagerseligkeit, sondern nach Psycho-Wahnsinn. Wuppertals edles Kronleuchter-Foyer wird zum Vorhof der Hölle, und die Hölle, das sind nicht nur die anderen, sondern die Hölle steckt auch im Protagonisten. Denn wenn Braus uns mitnimmt in die finstersten, verschlossensten Räume des Opernhauses, dann durchwandern wir nicht nur die aus der Göttlichen Komödie vertrauten neun Höllenkreise, sondern wir durchwandern die Obsessionen, Ängste und Alpträume eines Mannes.
Eines psychisch höchst lädierten Mannes, der Angst vor der Therapie hat, die Vergil, den er analog zu Dantes Originaltext trifft, ihm verschreibt: „Ich führe dich durch die Hölle, und wenn du die Hölle durchdurchstreifst, wirst du vielleicht erkennen, wer du bist.“ Eines Mannes, der sich verzweifelt im Diesseits festklammert: „Warum in die Hölle gehen? Ich kann hier alles nachlesen“, barmt er – und hält uns die BILD-Zeitung entgegen. Im kargen Programmzettel haben Kresnik, Braus und Susanne Abbrederis, die die Dramaturgische Beratung übernommen hat, einen Ausschnitt aus Erich Fromms Anatomie der menschlichen Destruktivität abgedruckt: Das Bewusstsein seiner kurzen Lebensspanne und der Tatsache, dass der Mensch gegen seinen Willen geboren sei und gegen seinen Willen sterben werde, das Bewusstsein seiner Einsamkeit und seiner Getrenntheit von seinen Lieben, die unabhängig von ihm leben und sterben, sowie das Bewusstsein seiner Hilflosigkeit gegenüber diesen Naturgesetzen lasse seine Existenz zu einem unerträglichen Gefängnis werden und löse Angst aus. Im Falle fortgesetzter Einsamkeit sei sogar Wahnsinn die Folge. Diese Angst, dieser Wahnsinn ist eine der beiden Determinanten, die Braus‘ Performance definiert.
Die andere ist Dantes Höllenfahrt. Ganz chronologisch analog zum Original durchwandern wir die Höllenkreise - und zwar aufwärts: Die Hölle ist oben. Wir wandern in ein kleines Verlies, zu dem normalerweise der Zutritt verboten ist und in dem jede Menge Technikleitungen offenliegen – kaum passen wir vierzig Premierenzuschauer in den engen Raum hinein. Dante macht noch einmal einen untauglichen Versuch: „Vergil, hau ab, sprich nicht mit mir!“ – Doch es ist vielleicht auch eine innere Stimme, die mit dem irre gewordenen Protagonisten spricht: Braus spielt sowohl Dante als auch seinen Höllenführer Vergil, der in vorchristlicher Zeit lebte und nach dem unerbittlichen Weltbild des Mittelalters deshalb in der Hölle schmoren musste. Dann geht es weiter, ganz oben unters Dach, wo Braus mit dem Handscheinwerfer die Höllenmaschinerie des Theaters in flackerndes, geheimnisvolles Licht taucht: „Ihr, die ihr hereinkommt, lasst alle Hoffnung fahren“, heißt es in Kurt Flaschs manchmal etwas flapsiger Übersetzung, bevor uns Charon endgültig in die Unterwelt verfrachtet. Zunächst begegnet Dante den Habgierigen, den Zornigen und den Hochmütigen – der omnipotent in alle Rollen schlüpfende Braus taucht mit dem Lorbeerkranz des Ex-Königs auf, der hier „nur Dreck“ ist, warnt vor einem Leben ohne Einsicht und vor der Überwältigung durch den Zorn; der Hochmütige trägt einen Spiegel, der sich später in einen Sargdeckel verwandeln wird. - Wir steigen weiter in die Kreise der Bosheit und der Gewalt, die unterschieden wird in die Gewalt gegen andere, gegen sich selbst und gegen Gott. Braus/Dante schildert suggestiv den „kochenden Strom aus Blut“ – und wir blicken hinab auf ein breites Flussbett aus Schnüren. Weiß der Teufel, welchen Zweck sie sonst im Theater erfüllen, aber heute Abend sehen wir, was Thomas Braus uns sehen lassen will: einen entsetzlichen Strudel, der in den Abgrund führt. Zuletzt geht es in die Kreise für die Verräter, für die Seelen, die sich der Fleischeslust und der Sodomie schuldig gemacht haben. Braus schaut als der gestürzte Luzifer aus einer Art Theaterheizungsofenhölle, die aber wohl eigentlich die Mitte des Eises ist, das die Sünder bedeckt, die Gott verraten haben. Durch diesen Vorhang, dieses Loch in einem Felsen entkommt der Dichter in Dantes Original der Hölle. In Wuppertal verkriecht sich Braus in einem Sarg. Großer Jubel der wenigen Zuschauer, als er wieder herausklettert …
Die 75 Minuten kurze Performance ist zunächst einmal ein Event: Eine atemberaubendere Opernführung durch die geheimsten Hinterzimmer der Kunst haben wir noch nicht erlebt. Atemberaubend ist aber auch die Performance des designierten Wuppertaler Schauspiel-Intendanten. Nicht nur fordert ihm sein extrem körperbetontes Spiel permanente sportliche Höchstleistungen ab, sondern auch ansonsten ist sein Auftritt furios: Braus wütet und tobt, barmt und brüllt und lehnt sich auf gegen alle Geister, die ihn bedrohen – gegen die Dante‘schen Höllenfiguren ebenso wie die gegen psychischen Dämonen, die den heutigen Menschen bedrängen mögen. Vor Pathos und verbalem Gemetzel scheut Braus nicht zurück, aber abgesehen von winzigen Momenten, in denen die aufbrausenden und exhibitionistischen Kämpfe gegen die toten Seelen die Grenze zur Peinlichkeit streifen, fesselt er sein Publikum mit kraftvollem Spiel und einer ungeheuer suggestiven, trotz der unmenschlichen körperlichen Anstrengungen präzise artikulierten Sprache. Der alptraumhafte Höllentrip ist ein Versprechen für die Reise des Wuppertaler Schauspiels in die mit der kommenden Spielzeit beginnende neue Ära.