Biedermann und die Brandstifter im Bochum, Schauspielhaus

Mitläufer setzen die Welt in Flammen

„Feuergefährlich ist viel. Aber nicht alles, was lodert, ist Schicksal, Unabwendbares.“ Es ist der Chor der Feuerwehrmänner, der uns gleich zu Beginn von Hasko Webers „Biedermann und die Brandstifter am Schauspielhaus Bochum so antikengerecht ins Gewissen redet, als wäre er von Euripides erfunden. Ein paar Sätze über die Demokratie waren zuvor schon gefallen, die nicht bei Max Frisch im Buche stehen. Und ganz hinten hinter der Drehbühne blicken wir auf die nächtliche Skyline einer offenbar US-amerikanischen Großstadt. Nur wer sehr naiv ist, kann das dramatische Lodern über den Wolkenkratzern als Sonnenuntergang deuten. Da steht schon eine Welt in Flammen.

Hasko Weber, der Generalintendant des Deutschen Nationaltheaters Weimar, ist alles andere als ein dekonstruierender Stücke-Zertrümmerer. Eher wirft man (oftmals zu Unrecht) seinen Regieansätzen eine zu große Zaghaftigkeit vor. Bei seinem Namensvetter Anselm am Schauspielhaus Bochum inszeniert er nun ein Stück, dem man (durchaus zu Recht) zwar keine Zaghaftigkeit, aber Uneindeutigkeit vorwerfen kann. Doch Weber sorgt für Klarheit. Überzeugend demonstriert er, wie man mit verhältnismäßig konventionellen Theatermitteln und ohne verfälschende Eingriffe in den Text die zeitgemäße Relevanz eines ehemaligen Bestsellers beweisen kann, über den die Zeit längst hinweggegangen schien. Er inszeniert komödiantisch, nimmt sogar Anleihen am Stil des Boulevard-Theaters, aber sein politisches Anliegen formuliert Weber mit einer Unmissverständlichkeit und Gedankenschärfe, wie es bei diesem Stück selten zu erleben ist.

Den Herren Eisenring und Schmitz gehört gleich der erste Auftritt. Jürgen Hartmann und Matthias Eberle geben sie wenig vertrauenerweckend. Wenn sie die Bühne gleich einmal mit Hilfe von ein paar Fackeln erleuchten, lassen sie keinen Zweifel daran, dass sie monströs erscheinende Absichten in die Tat umsetzen werden, sobald sie an der Macht sind. Kennen wir nicht solche Menschen aus dieser US-amerikanischen Stadt mit der gigantischen Skyline? Im Parkett ist uns ein wenig unwohl, als Schmitz und Eisenring uns um Streichhölzer bitten. Doch ein bildungsbürgerliches Publikum aus einem aufgeklärten Land ist gut erzogen, und so findet sich rasch ein sympathischer Zeitgenosse, der den Brandstiftern das Feuer reicht. Gut erzogen und sympathisch sind entgegen landläufiger Meinung auch die meisten Kapitalisten. Biedermann Martin Horn sitzt zwar mit dicker Zigarre auf dem Sofa und feuert (sic!) seinen Angestellten Knechtling (was, soweit die dürftige Faktenlage eine Beurteilung zulässt, schon 1958 arbeitsrechtlich anfechtbar gewesen wäre), aber wer wäre er denn, seine – wenn auch ungebetenen - Gäste ebenso unbarmherzig zu behandeln? Auch ihm ist unwohl, aber er gibt nach – wieder und wieder. Und er steckt den Kopf in den Sand.

Dass da gezündelt wird, machen Schmitz und Eisenring unmissverständlich klar. Die beste Tarnung sei die Wahrheit – denn sie glaube ja ohnehin niemand, weiß Eisenring. Und was sagt Biedermann? „Wenn wir jedermann für einen Brandstifter halten, wo sollte das denn hinführen?“, fragt er, und fordert: „Wir brauchen Vertrauen!“ Das lässt sich bei Hasko Weber als ironischer Kommentar zur politischen Lage verstehen, zu unserem Umgang mit der Terrorgefahr ebenso wie zu unserem tatenlosen Zusehen bei der Machtübernahme durch gefährliche Egomanen. Weber zeigt auch die Entwicklung auf, die zu solchem Wegsehen führt. Zunächst prallen zwei Kulturen aufeinander: Schmitz und Eisenring verstoßen unverfroren und rücksichtslos gegen alle bürgerlichen Konventionen; Haarwasser-Fabrikant Biedermann dagegen möchte die bürgerliche Fassade aufrechterhalten. Das macht ihn gegenüber den Unverschämtheiten der Eindringlinge wehrlos. Selbst als er entdeckt, dass Schmitz und Eisenring Benzinfässer auf seinem Dachboden horten, lässt Biedermann sich schnell besänftigen – Haarwasser lagere er dort, gibt er den Polizisten gegenüber an, die ihm die Nachricht von Knechtlings Tod überbringen und verwundert auf die Fässer blicken. So macht er sich nicht nur zum Mitläufer, sondern zum Komplizen – aus Angst. Der Wendehals ändert seine Meinung und sein Verhalten schneller als Thilo Reuthers Drehbühne sich dreht: Kaum hat er seinen Angestellten mitleidlos in den Selbstmord getrieben, versucht er sich als Sozialromantiker: „Arm und Reich sind alle gleich“, verkündet er wenig überzeugend, verleugnet seinen eigenen Lebensstil und bittet die Brandstifter zu Tisch, wo sie ihn und seine Gattin gnadenlos vorführen. Biedermann lässt nun alles mit sich geschehen, denn er weiß: „Ein Streichholz genügt, und alles geht in die Luft.“
Und so wird die Inszenierung zum Aufruf zum Widerstand, zur Attacke auf unseren Mangel an Zivilcourage. Sie fordert auf, Mut zu zeigen, sich den in vielen Ländern zu beobachtenden Entwicklungen zu Diktatur und Rechtspopulismus entgegenzustellen. „Wir brauchen den Staat, nicht seine Vergötzung als Obrigkeit“, hat Frisch in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1976 gesagt, und: „Demokrat ist man in der Hoffnung, dass Herrschaft in rationale Autorität übergeführt werde.“ Vierzig Jahre später sind diese Sätze aktuell wie nie, und wenn Klaus Weiß gegen Ende des ersten Teils einen Text zur „Diskontinuität der Welt in diesen neuen Tagen“ liest, trifft das in unserer heutigen politischen Situation den Nagel auf den Kopf.

Max Frisch hat seinem Text wenige Monate nach der zum Teil missinterpretierten Uraufführung im Jahre 1958 ein Nachspiel hinzugefügt, das Hasko Weber nach der Pause im Zeitraffer von fünfzehn Minuten auf die Bochumer Bühne bringt. Das Feuer lodert nun auf Flachbildschirmen – und in einer riesigen Schale. Herr und Frau Biedermann sind tot. Sie wähnen sich im Himmel, denn: „Was hat unsereiner denn schon getan?“ Doch nicht nur Täter, auch Mitläufer fahren zur Hölle. Kristina Peters, die zuvor mit einer herzerfrischenden Mischung aus Naivität, Penetranz und Mut zur Intervention das Dienstmädchen Anna gespielt hatte, hat nun jeden Boulevard-Charme abgelegt und ist zum Terroristen-Engel mutiert, mit pechschwarzen Flügeln und Maschinengewehr. Gemeinsam mit Jürgen Hartmann und Matthias Eberle, den vormaligen Brandstiftern, übergibt sie den Flammen die Schriften des Grundgesetzes.    

Wir erinnern uns: „Feuergefährlich ist viel. Aber nicht alles, was lodert, ist Schicksal, Unabwendbares“, hatte es zu Beginn des Abends geheißen. In der „Antigone“ des Euripides geht das so: „Ungeheuer ist viel. Doch nichts ist ungeheurer als der Mensch.“ Zur Zeit gibt es ein paar Menschen, die uns Ungeheuerliches zumuten, an politischen Drehbüchern nach Adolf Hitler schreiben oder zündeln an Stellen, an denen schnell eine Feuersbrunst ausbrechen könnte. Wir dagegen sind Biedermänner, die den Erdogans noch freundlich das Feuer anreichen. Bald werden wir es mit den Trumps genauso halten. Vieles von den Brandstiftungen, die die neuen Diktatoren unter dem Deckmantel demokratischer Legitimation im Sinn haben, erscheint nicht unabwendbar. Am Tag, als dieser Text geschrieben wurde, hielt Frank-Walter Steinmeier eine Rede vor der Bundesversammlung anlässlich seiner Wahl zum Bundespräsidenten: „… wenn wir anderen Mut machen wollen, dann brauchen wir selber welchen“, sagte er. „Wir brauchen den Mut, zu sagen, was ist – auch was nicht ist. Wir müssen den Anspruch, Fakt und Lüge zu unterscheiden, … an uns selbst stellen. Das Vertrauen in die eigene Urteilskraft – das ist das stolze Privileg eines jeden Bürgers, und sie ist Voraussetzung für jede Demokratie.“

 Genau das hat Hasko Weber mit seiner Inszenierung sagen wollen.