Ansichten eines Clowns im Köln, Schauspiel

„Katholiken machen mich irgendwie nervös.“ Hans Schnier

Heinrich Böll wäre im Dezember dieses Jahres 100 Jahre alt geworden. Das Schauspiel Köln nahm dies zum Anlass, eine von Thomas Jonigk dramatisierte Fassung seines Romans Ansichten eines Clowns zur Uraufführung zu bringen.

Als das Werk Bölls 1963 veröffentlicht wurde, löste es einen Sturm der Entrüstung aus. Nicht primär, weil Böll die Unaufrichtigkeit einer Nachkriegsgesellschaft, die die jüngere braune Vergangenheit nur allzu schnell vergaß, kritisierte. Er nannte die sogenannte „Entnazifizierung“ eine der „folgenreichsten Heucheleien der europäischen Geschichte“. Nein, seine harsche Kritik der katholischen Kirche schockierte und noch viel mehr die durchaus positive Darstellung einer „wilden Ehe“ – lebt doch der Protagonist Hans Schnier einige Jahre mit seiner großen Liebe Marie ohne Trauschein zusammen. Das war damals ein undenkbarer Verstoß gegen die Moral dieser Zeit. Heute regt sich niemand mehr darüber auf, wenn Paare zusammenleben, ohne verheiratet zu sein.

Hans Schnier stammt aus einer großbürgerlichen Familie, die ihr Vermögen in der Braunkohlebranche gemacht hat. Finanziell ist er nie unabhängig von seinen Eltern geworden und kam so nie richtig von ihnen los. Er wählte den Beruf eines Clowns („Hey, ich bin ein Clown, ich sammele Augenblicke.“) und wird nicht Schauspieler, was sein Vater noch toleriert hätte. Reine Provokation. Und nicht nur das. Als Clown und somit als Außenseiter der Gesellschaft beobachtet er die Wohlstandsgesellschaft um sich herum äußerst kritisch. Und wird zunehmend verbitterter und ironischer.

In Jonigks Bühnenfassung lernen wir einen gealterten Schnier (er ist ca. Mitte 50) kennen. Marie hat ihn vor geraumer Zeit verlassen. Sie brauchte die Kirche und das Gebet und wollte nach Bonn gehen, um „katholische Luft zu atmen“. Bonn, das Schnier abfällig als „Stadt mit dem Rentnerklima“ bezeichnet.

Schnier sitzt zu Beginn des Abends auf einem Bett mit heute hässlich anmutender gemusterter Wäsche vor der Guckkastenbühne, dahinter das piefige Wohnzimmer seiner Eltern mit Einrichtung aus den 1950er Jahren. Er spricht oft mit dem Publikum, dem er sein unglückliches Leben erzählt. Zutiefst verletzt durch den Verlust Maries und schon seit dem Tod seiner Schwester Henriette, die von der Mutter kurz vor Kriegsende zum „freiwilligen Flakdienst“ gezwungen wurde und die an einem unbekannten Ort fiel, von der Familie entfremdet. Verbittert und selbstgerecht rechnet er mit seiner Umgebung ab. Jörg Ratjen brilliert in dieser Rolle als permanenter Kritiker der Wohlstandsgesellschaft und „der mit Verbrechern besetzten katholischen Kirche“. Die Familienmitglieder und andere Vertreter der von Schnier so angefeindeten und verachteten Gesellschaft treten in locker aneinandergereihten Episoden auf. Erinnerungen werden so vorgestellt, nicht immer in chronologisch richtiger Reihenfolge. Die Personen erscheinen wie aus dem Nichts hinter dem Sofa oder aus dem Schrank. Eine surreale Darstellung, nicht realistisch. Aber gerade dies macht die Inszenierung, bei der Jonigk auch Regie führte, spannend und hebt sie über eine bloße Darstellung einer historischen Erzählung hinaus. Stellt Fragen nach dem Sinn der Religion und nach der Rechtmäßigkeit bürgerlichen Besitzdenkens in einen neuen, einen aktuellen Kontext.

Glänzend das Ensemble, so Lou Zöllkau (Marie), Annika Schilling (Mutter) und Stefko Hanushevsky (Vater).