Flaschko - der Mann in der Heizdecke im Köln, Theater im Bauturm

Flaschko - der Mann in der Heizdecke

Eigentlich ist Flaschko kein Mann, auch kein Mensch. Eher eine Art Alien, der in einem wärmenden Kokon so etwas wie eine Art Leben führt, aber offensichtlich ohne Vitalfunktionen wie Nahrungsaufnahme und Verdauung. Selbst wenn seine Mutter zwölf Tage im Krankenhaus liegt. Das einzige, was sich bei ihm tut, ist seine Reaktion auf die Pornos, welche er – als einzigen Kontakt zur Umwelt - tagaus tagein auf seinem alten Fernseher schaut, erkennbar an den vielen Papiertaschentücher auf der Erde.

Christoph Gottwald hat aus der Comic-Trilogie des Wieners Zeichners und Autors Nikolas Mahler (Flaschko: Der Mann in der Heizdecke. Dämon Damenlikör, Die Staublunge und Die Müllsekte) ein abendfüllendes Stück gezaubert, das Universum von Flaschko (perfekt passend und wunderbar reduziert: Thomas Hackenberg) und das seiner Mutter. Sein Held ist offensichtlich eine gescheiterte Existenz; der Egomane hat sich in einem kleinbürgerlichen Wohnzimmer mit Blümchentapete und Madonnenbild auf einem großen Lehnstuhl in einer riesigen Heizdecke verbarrikadiert, bewegt sich fast nicht, starrt lethargisch unentwegt auf einen kleinen Fernseher und blafft seine Mutter an, wenn diese ihm mal die Sicht versperrt oder gar das Fenster öffnet: er hasst entsetzlichen Krach und liebt abgestandene Luft.

Die Geschichte läuft wie ein Comic ab, mit vielen kleinen Einzelszenen im Zeitraffer, mit vielen Mini-Geschichten. Seine alleinstehende Mutter (Hella von Sinnen) hat sich ein kleines Universum um ihn herum gebaut: sie ist ein Putzteufel im Hauskittel, hantiert unablässig mit Staubsauger und Staubwedel und fürchtet sich vor einer Staublunge. Trotz ihrer Alkohol- und Tablettensucht (perfekt und köstlich: von Sinnen als Betrunkene) versucht sie sich im Internet mit einem eBay-Account, probiert – allerdings erfolglos – einen Krimi zu schreiben: „Mutters erster Fall, das Geheimnis der Stromrechnung“ und darin, eine Senioren-Selbsthilfegruppe zu gründen.

Die Kölnerin Hella von Sinnen erlebt man hier gänzlich anders als im TV. Ende der Achtziger hat sie nach einem Studium der Theaterwissenschaft zuletzt richtig Theater gespielt und landete über viele Kleinkunstbühnen, u.a. bei dem legendären Kölner Walter Bockmayer, dann beim Fernsehen. Im Bauturm erlebt sie also ein Comeback, auf das sie sich sehr freute. Es ist schon erstaunlich, welch schauspielerisches Talent von Sinnen tatsächlich hat, die man sonst nur von eher flachen Fernsehauftritten kennt. Nach einem Start auf Hochdeutsch driftete sie in ein „jepflegtes Kölsch“, kümmert sich rührend um Flaschko, schenkt im eine Kabeltrommel, damit er auch „mal ein wenig rumkommt“. Versucht aber auch, für sich ein kleines eigenes Stück Leben außerhalb der Heizdecke aufzubauen. Mitleid hat man mit ihr, wenn sie nicht weiß, wer tatsächlich der Vater ihres Sohnes ist. Flaschko will nämlich wissen, was er von seinem Vater geerbt hat. Sie lapidar: „Das Sitzen“. Und auf seine Frage, was die Mutter machen würde wenn er in den Krieg ziehen müsste: „die Heizdecke waschen“. Das ist schon sehr anrührend. Auch wenn sie das Passwort für ihr Geheimkonto verrät, von dem sie ihren Alkohol finanziert: „Edle Tropfen in Nuss“. Und sie bei den „anonymen Alkoholikern“ niemanden kennt.

Hat man nun Mitleid mit den beiden tragischen Figuren, die zunehmend über den Tod fabulieren? Flaschko freut sich auf die ewige Wärme, und Mutter will ihren Körper der Wissenschaft vermachen. Und wenn sie stirbt, soll er zu einer Freundin von ihr: „Die hat Strom“.

Nach gut zwei Stunden exklusive Pause, die sich auch wegen der minimalen Dramatik schon etwas ziehen (vielleicht sollte man etwas kürzen und die Pause weglassen), weil eigentlich nichts Wirkliches passiert, bleibt zumindest für den Rezensenten der tiefere Sinn des Abends unklar. Trotz der vielen feinsinnigen Gags und Bonmots war es kein wirklich lustiger Abend, und Themen wie Sucht, Einsamkeit, Lethargie und Krankheit wurden anderweitig tausendfach dargestellt. Vielleicht ist das Stück aber als Persiflage eine Hommage an die zunehmende Zurückgezogenheit und an alle, die noch immer bei Mama wohnen.