Jenseits von Eden im Neuss, Rheinisches Landestheater

Kain und Abel im Western-Look

Ein Hauch von Bonanza liegt über dieser Aufführung. Die leidlich erfolgreiche deutsche Dramatikerin Ulrike Syha, deren „Privatleben“ wir beim Mülheimer „Stücke“-Festival im Jahre 2009 gern verfolgten, hat sich über das bekannteste Werk des US-amerikanischen Literatur-Nobelpreisträgers John Steinbeck hergemacht. In gut 160 Minuten erzählt sie uns eine Geschichte, die voller biblischer Anklänge ist und eigentlich von Beginn an jenseits von Eden spielt. Regisseur Michael Lippold verpasst ihr ein Western-Setting, und der Musiker Ingmar Kurenbach hat wunderbare Country Songs dazu zusammengetragen.

Gleich zu Beginn singt das Ensemble Marilyn Monroes River Of No Return. Für denjenigen, der erst einmal jenseits von Eden angelangt ist, führt kein Weg zurück ins Paradies. „Jenseits von Eden“ – gemäß dem 1. Buch Mose ist das das Land Nod, in dem der von Gott wegen des Brudermords an Adam aus seiner Nähe vertriebene Kain den Neuanfang versucht. Das Paradies auf Erden empfinden auch Charles und Adam aus John Steinbecks barock ausuferndem Roman nicht, denn Vater Cyrus verteilt seine Liebe höchst ungleich. Er liebt Adam, den Erstgeborenen, Sensibleren – der diese Liebe, wie sich herausstellen wird, in keiner Weise erwidert. Charles, der Jüngere, ist der Stärkere, der den Älteren beschützt, aber die Zurücksetzung durch den Vater nicht nachvollziehen kann. Es kommt zu einer ersten Eskalation, bei der der Brudermord nur um ein Haar vermieden wird.

Durch Adams auch aufgrund seiner Distanz zum Vaterhaus freiwillig verlängerte Militärzeit beruhigt sich die Situation. Sie scheint nach Adams Rückkehr vollständig deeskaliert zu sein, bis dass Cathy auftaucht – mysteriös und wenig vertrauenerweckend. Sie heiratet Adam und schläft mit Charles – so was ist nicht immer eine gute Strategie zur Sicherung des Familienfriedens. Adam zieht mit Cathy ins kalifornische Salinas-Tal, wo sie ihm Zwillinge schenkt. Sie schenkt sie ihm im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie selbst lehnt die Kinder ab und verlässt unter Absingen schmutziger Lieder respektive Abfeuern einer Pistole das Haus. Es ist Lee, der chinesische Diener von Adam, der die Kinder aufzieht, während Cathy schnelles Geld im Bordell verdient. Kaum hat die Puffmutter die erfolgreiche Prostituierte zur Alleinerbin bestimmt, entdeckt diese ihr Talent als Giftmischerin. Caleb und Aron, Adams Zwillinge, sind inzwischen die neuen Kain und Abel. Sie wachsen in gleicher Bruderliebe und Konkurrenz bei gleichem Eskalationspotential auf wie einst ihr Vater und dessen Bruder Charles: Erneut verteilt der Vater seine Liebe einseitig zugunsten von Aron. Hass und Eifersucht lassen Cal eine folgenschwere Entscheidung treffen, die die Geschichte in einer Katastrophe enden lässt.

Einschließlich der hier nicht nacherzählten unzähligen Wendungen und der Parallelgeschichte der Familie Hamilton verdichten Ulrike Syha und Regisseur Michael Lippold die komplexe Geschichte auf - zieht man die Pause ab - gut zweieinviertel Stunden. Syha ist dabei nicht ungeschickt vorgegangen. Die Aufführung mäandert zwischen Spielszenen und erzählerischen Passagen, wobei Letztere häufig und mit dem größten Charisma von dem Doyen des Rheinischen Landestheaters Joachim Berger übernommen werden. Trotz Doppelbesetzungen bleibt der umfangreiche Plot auch für denjenigen Zuschauer nachvollziehbar, der die weit über den bekannten Film von Elia Kazan aus dem Jahre 1955 hinausgehende Romanfassung nicht kennt. Dass eine solche Kürzung nicht ohne Verluste abgehen kann, versteht sich von selbst. Bedauerlich ist aber, dass auch die vielschichtige tragische, oft sehr berührende Atmosphäre des Romans sich nicht einstellt.

Oder sich nicht einstellen soll? Die Inszenierung setzt über weite Strecken auf gute Unterhaltung. Syha hat den „Salinas-Chor“ erfunden, und Michael Lippold lässt diesen auf Amelie Hensels großartiger Wildwestfilm-Bühne wie eine Vaudeville-Theatertruppe durch die Geschichte eilen – mit witzigen Western-Parodien und viel Dolly Parton Flair. Ob das Steinbecks Original noch gerecht wird oder nicht, ist ziemlich gleichgültig, wenn gutes Theater dabei entsteht. Doch das Problem ist, dass das gute Theater lediglich dann entsteht, wenn die Aufführung auf Western macht. Wenn Steinbeck halbwegs original zu seinem Recht kommt, wird es dagegen oft uninspiriert – dann fehlen Tempowechsel, atmosphärische Brüche und, sagen wir es ehrlich, auch die richtigen Schauspieler, obwohl diese uns immer wieder hübsche, überzeugende kleine Miniaturen liefern. Großartig ist vor allem Rainer Scharenberg in der Nebenrolle des Chinesen Lee. Mit subtiler Ironie oder verschmitzter Lakonie gibt er den toleranten Diener, der souverän über die Schwächen der herrschenden Klasse hinwegsieht. Joachim Berger hat als Horace und Erzähler etwas von der Würde und Umsicht von Ben Cartwright; seine Parodie der Puffmutter Faye dagegen ist ein wunderschönes humoristisches Kabinettstückchen in einer Aufführung, die ohnehin von viel freundlichem Humor geprägt ist. Stefan Schleue hat in der großen Rolle des Adam immer wieder die Gelegenheit, sich unaufdringlich in den Vordergrund zu spielen, und Juliane Pempelfort überzeugt vor allem als alte, verrückt gewordene Cate, während ihr die Boshaftigkeit und Verschlagenheit der jungen Frau ein wenig zu brav gerät. Zum großen Bedauern des Rezensenten hat Herr Steinbeck die Rolle der Abra Bacon, dem positiven weiblichen Gegenbild zu Cathy, nur eine kleine Nebenrolle verschafft. Von der munteren Anna-Lisa Grebe hätte er gern noch viele weitere Country Songs gehört.

So weit, so unterhaltsam – und so bieder zwischendurch. Die sozialkritische Komponente möchte die Inszenierung erkennbar gern ansprechen. Manche Sätze rütteln kurz auf und animieren zum Nachdenken – Sätze wie dieser: „Die Kinder und das Freudenhaus erreichten den Westen exakt zur gleichen Zeit. Und manche wäre entsetzt gewesen, wenn sie wüssten, dass es sich bei diesen um zwei Seiten derselben Medaille handelt.“ Am Anfang gibt es einmal diese Szene, in der Vater Cyrus den Söhnen vom tollen Leben beim Militär und im Krieg berichtet. In der Waffengeilheit des Vaters liegt etwas von US-amerikanischer Apokalypse. Wir vermuten, es gab noch viel mehr solcher Andeutungen, doch sie gingen unter an diesem etwas oberflächlich daherkommenden Abend.

Aber diese erste Aufführung nach der Premiere fand an dem Abend statt, an dem Donald Trump als 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt wurde. Steinbecks Familiensaga endet kurz nach dem 1. Weltkrieg, Lippolds Inszenierung nicht. Alle Schauspieler kommen mit Schildern auf die Bühne: „1. Weltkrieg“ steht darauf, und: „2. Weltkrieg“, „Vietnam“, „Irak“, „Afghanistan“, „Syrien“ – und: „To be continued“. „This is not America“, singt Ingmar Kurenbach. Ganz überraschend schlägt die bislang so harmlose Aufführung einen Bogen von den Anfängen Amerikas, von der Eroberung des Wilden Westens bis zur Krönung von Donald Trump. Vom unreflektierten Gemetzel an den Indianern zum unmoralischen Kampf von George W. Bush gegen das Böse. Und jetzt kommt Donald! Vorhang auf für seine Horrorschau!