hell / ein Augenblick im Dortmund, Schauspielhaus

Licht im Raum

Endlich! Endlich ist der Dortmunder Schauspiel-Intendant mit einer seiner experimentellen Wanderungen zwischen Bühnen-Schauspiel und Filmkunst zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden. Der Meister und Margarita  hätte das schon vor fünf Jahren verdient gehabt, Das Fest  wurde als ein Favorit gehandelt, 4.48 Psychose hätte der Unterzeichner gern in Berlin gesehen, vielleicht auch Das Goldene Zeitalter, Einige Nachrichten an das All oder, mit Abstrichen, die Die Show . Voges polarisierte die Theatertreffen-Jury, und immer fanden sich genügend Stimmen, die eine Einladung seiner die Grenzen der Schauspielkunst verschiebenden Inszenierungen verhinderten. Die Borderline-Prozession , eine „Inszenierung …, die bewusstseinserweiternd ist“, wie theater:pur schrieb, hat es nun endlich geschafft und wird im Mai beim Bestentreffen des deutschsprachigen Theaters gezeigt. Wenige Tage nach dem Jury-Entscheid hatte im Megastore, der Interimsspielstätte des Dortmunder Schauspiels, die inhaltliche und ästhetische Nachfolgeproduktion der Borderline-Prozession ihre Uraufführung. Mit hell / ein Augenblick hat sich Voges endgültig aus dem Schauspiel verabschiedet und ist im Museum angekommen. Die Aufführung gehört ins MoMA. Oder doch nach Berlin (wahlweise Düsseldorf): in die Julia Stoschek Collection. Denn sie ist eine Installation. Ein Gesamtkunstwerk aus Text, Fotografie und Bildender Kunst. Allerdings: The artist is present.

Voges arbeitet sich diesmal nicht am Film ab, sondern an der Fotografie. Die Halle wird zu einer gigantischen Dunkelkammer, die von statischen tableaux vivants und - ganz hinten auf der Hinterbühne - in Zeitlupe sich bewegenden Schauspielern bespielt wird. Und von dem Fotografen Marcel Schaar, der die Fotografie als Live-Erlebnis für das Theater nutzbar macht: Blitzlichter durchzucken die Dunkelheit für die Dauer einer fünfzigstel Sekunde – Schaar fotografiert die – häufig in einem fahlen Licht schemenhaft erkennbaren, manchmal in farbiges Licht getauchten – Schauspieler. Diese Live-Fotografien erscheinen dann grobkörnig auf den zwei Leinwänden zur Linken und zur Rechten der Zuschauertribüne. Voges thematisiert die Flüchtigkeit des Moments; er fragt nach dem Verhältnis von Bild und Abbild, erforscht die Zusammenhänge von Erinnerung und Vergessen und reflektiert über die Möglichkeit, den Augenblick festzuhalten oder auch die Notwendigkeit, loslassen zu können. Und so wird aus diesem Abend auch ein kleines Monument der Vergänglichkeit, ein trauriger, melancholischer Blick auf das Leben und den Tod.

 In unangenehm grellem Flutlicht wartet man auf den Beginn der Aufführung. You want it darker. Tatsächlich setzt Leonard Cohen’s Requiem auf sein eigenes Leben ein, in dem der Sänger und Poet zurückkehrt zu seinen jüdischen Wurzeln und Zwiesprache hält mit einem zynischen Gott. Tiefschwarz ist der Raum nun. Dann zitiert Friederike Tiefenbacher aus dem „Baum des Lebens“ des Kabbalisten und Lichtmystikers Rabbi Isaak Luria: „Sodann zog sich aus dem Unendlichen Licht ein einziger Lichtstrahl, und stieg herab ins Innere jenes Raumes, und entlang dieses Raumes entstanden alle Welten, und entlang dieses Strahls entstanden alle Zeiten.“ Die Schöpfungsgeschichte von 1590 wird fortgesetzt mit Reflexionen zum Thema „Zeit“ aus Thomas Manns Zauberberg sowie aus den Bekenntnissen des Augustinus, dann zum Thema „Mensch“ mit Zitaten von Schopenhauer und aus den Psalmen. Borderline-Erfahrene ahnen spätestens jetzt, dass sich Voges erneut ein so größenwahnsinniges Projekt vorgenommen hat wie bei der Vorläufer-Produktion. Tatsächlich versucht er, die großen Themen der Menschheit zu erklären, und zwar auf der Makroebene wie auf der Mikroebene. Mit Hilfe der Philosophie, der Religion und der ikonographischen Bilder, die sich in unserem kollektiven Gedächtnis festsetzen. Unter Rückgriff auf unsere individuellen Ängste und Sehnsüchte. Und mit Hilfe von Schnappschüssen.

Mit Cohen und Rabbi Luri ist der Ton gesetzt für einen weiteren außergewöhnlichen Abend, dessen Assoziationsreichtum dem der Borderline-Prozession in nichts nachsteht. Aber kann man das überhaupt noch Assoziationen nennen, was hier an verschiedenen Literatur- und Philosophie-Zitaten gegenübergestellt wird? Zitate aus der Bibel und von Thomas Mann, von Schopenhauer und Pater Augustinus, Roland Barthes und Rainald Goetz, Bertrand Russell und Charles Bukowski, Christoph Schlingensief, Hilde Domin und anderen machen den weit überwiegenden Teil des Texts aus: Etwa dreißig verschiedene Autoren aus einer Zeitspanne von ca. 2500 Jahren werden in den kommenden knapp zwei Stunden zitiert – Rundungsfehler nicht ausgeschlossen. Hinzu kommen unzählige Musikzitate aus Klassik und Pop, von Mahler bis Placebo. Voges und seine Dramaturgen Dirk Baumann, Alexander Kerlin und Ann-Kathrin Schulz assoziieren nicht, sie arbeiten hochwissenschaftlich. Nicht von ungefähr tragen in den ersten Szenen alle Schauspieler Laborkleidung. Voges & Co. recherchieren, halten vor Beginn der Proben mit den Beteiligten Seminare ab – und haben ganz sicher keine Angst davor, ihr Publikum zu überfordern.

Das folgt ihnen mit großer Faszination, wenn es auch nicht zwischen gar so vielen Emotionen hin- und hergeschüttelt wird wie bei Borderline. Das Publikum ist es, das assoziieren soll. In den von Voges und seinem Ensemble geschriebenen Eigentexten werden apokalyptische (und einige wenige glückliche) Bilder evoziert, an die wir uns alle erinnern: Mauerfall und Tschernobyl, der tote Flüchtlings-Junge am Strand und das nackte Mädchen, das vor einer Napalm-Wolke flieht, Hitler, Schleyer und Bataclan, Barschel, Obama und Martin Luther King. Fotografien sind es, Bilder, die an diesem Abend nicht gezeigt werden, die sich aber stärker in unser Hirn eingegraben haben als es die Live-Fotos von Schaar jemals tun werden. Sie bezeugen die Macht der Fotografie, die unter bestimmten Umständen tatsächlich so etwas wie Ewigkeit schaffen kann. Dem Menschen, der einen spontanen Schnappschuss betrachtet, gelingt das nicht – das eigene Bild wird angezweifelt, weil es dem Selbstbild nicht mehr entspricht. Selbst das Bild des Spiegels wird in Frage gestellt. Ein Bild kann Lust verschaffen – auch im sexuellen Sinne: „Meinen Arsch hinhalten und mein Gesicht sehen. Nur weniges kommt dieser Lust gleich.“ Friederike Tiefenbacher zitiert diese Beschreibungen sexueller Ekstasen von Catherine Millet, die auch eine morbide Kehrseite haben: „die Wangen eingefallen, der Mund weit offen wie ein Automatenfach … Es könnte das Gesicht einer Toten sein …“. Tiefenbacher spricht diesen Text im Burka; ihr folgt Marlena Keil, die über Heiratsabsichten zum Zwecke der Abtötung ihrer Liebe spricht und einem Gekreuzigten das Geschlecht leckt - in Nonnentracht. Schaar knipst – flüchtige Augenblicke, widersprüchliche Szenen, an die man sich NICHT mehr erinnern wird, wenn die Ekstase vorüber ist oder die Frustration vergessen. Die dem Zuschauer vielleicht eine Weile in Erinnerung bleiben, weil sie provozieren, weil sie eine blasphemische Komponente haben – aber sie schockieren nicht an diesem Abend, weil sie erkennbar Teil einer Untersuchung sind.        

Historische Erinnerungen werden thematisiert – private, die zum Teil ganz offensichtlich überlagert sind von Empfindungen und denen daher nicht zu trauen ist, sowie geschichtliche an den Nationalsozialismus, den die Akteure ebenfalls nicht mehr selbst erlebt haben können. Es sind Erinnerungen an das Leben – und Erinnerungen an ein Leben vor dem eigenen Leben. Die Dramaturgin Anne-Kathrin Schulz erklärt in einem kleinen Aufsatz – gleichzeitig der Aufforderung zu einem persönlichen Experiment – das physikalische und biochemische Phänomen der Nachbilder. Nachbilder in einem anderen Sinne sind es, die aus der Erinnerung an eine Zeit vor unserer Geburt resultieren. Die Schauspieler bilden sie als Körper-Skulpturen ab: Wir sehen einen klassischen Diskuswerfer, Adelige an französischen Königshöfen, einen Nazi-Offizier. Und die Comtesse Castiglione, Mätresse von Napoleon III. und – Fotomodell aus den Kinderjahren der Fotografie!

Die Aufführung ist monotoner als die Borderline Prozession, esoterischer und in manchen Momenten auch verquaster, aber kaum weniger beeindruckend. Mit Wolfgang Herrndorfs Arbeit und Struktur, mit Luis Buñuel und mit Ernst Jandl tritt mehr und mehr der Gedanke an den Tod in den Vordergrund. Björn Gabriel spricht den verzweifelten Monolog des an Lungenkrebs erkrankten Schlingensief, Bettina Lieder ist die trotzige Kranke am Tropf mit der Fluppe im Mund. hell / ein Augenblick - mehr ist es nicht, was wir erleben. Heute nicht, in dieser Aufführung nicht, und nicht in den langen Jahren unseres Verweilens auf diesem Planeten: „Wenn wir uns die Lebensdauer der Erde als ein Jahr vorstellen, also von Januar, als sie gemacht wurde, bis zum Dezember, wenn sie vergeht, dann wäre das 21. Jahrhundert eine Viertelsekunde im Juni“, wird der britische Astronom Martin Rees zitiert. Beckett hat das pessimistischer ausgedrückt: „Sie gebären rittlings über dem Grabe, der Tag erglänzt einen Augenblick, und dann von neuem die Nacht.“ Aber vielleicht halten wir es am Ende dieser Viertelsekunde im Juni ja trotz aller düsteren Wolken, die die Welt überschatten, mit Rilke: „Herr, der Sommer war sehr groß.“ Solchen künstlerischen Experimenten beiwohnen zu dürfen, erleichtert ein solches Fazit. Heaven can wait! Gib uns noch zwei südlichere Tage!