Gift. Eine Ehegeschichte im Theater Duisburg

Ein Requiem - nicht nur für ein verlorenes Kind

Lot Vekemans lässt ihr Stück über Verlust, Trauer und Trennung, über Hoffnungslosigkeit und Selbstverlust, über nicht gelebtes Leben aber auch über die Suche nach Bewältigungsstrategien und möglichen Neuanfang in der leeren Halle eines Friedhofs spielen. Die Berliner Inszenierung setzt einen überhohen Kasten aus quadratischen Metallplatten auf die Bühne. Davor sieben spirrige weiße Plastikstühle, ein Kaffeeautomat und ein Wasserspender (Anne Ehrlich). Darüber schmerzend-grelles Licht. Trostlosigkeit und Leere. Ein schlanker Mann mittleren Alters tritt auf. Unruhiges Warten. Dann kommt die Frau in Trauerkleidung: schwarzes Kleid, schwarze Strümpfe und Schuhe, darüber eine petrolfarbene Strickjacke, die im Laufe des Stückes eher Requisit in ihren nervösen Händen als Kleidungsstück sein wird. Hier treffen sie sich wieder nach neun Jahren der Trennung, des absoluten Schweigens: ER und SIE (Ulrich Matthes und Dagmar Manzel). Auf diesem Friedhof liegt ihr vor zehn Jahren verunglückter Sohn begraben. Er hat einen Namen: Jakob. Wer hat sie herbestellt? Wozu?

Verlegen, distanziert, höflich beginnt das Gespräch über Banales, über das Wetter, über ausdrückliche Plattitüden, so die Autorin. Tastend nähern sie sich an. Stellen Fragen nach dem Warum. Erinnerungen, Rechtfertigungen, Schuldzuweisungen, der Wunsch nach Verstehen des anderen und der eigenen Trauer schaffen mal Verständnis, beinahe Mitfühlen, mal Ferne und Härte. ER aufmerksam, offen, einsichtig. SIE aber umlauert IHN, verdächtigt und beschuldigt IHN; will eher Abrechnung als Annäherung. Und dennoch sind beide gefangen in ihrer gemeinsamen Geschichte, „die nie mehr verschwinden wird, was wir auch versuchen“: eine „gescheiterte Geschichte. Eine gescheiterte Vergangenheit.“

ER fasst es zusammen: Wir sind - Ein Mann und eine Frau - Die erst ein Kind verloren haben, dann sich selbst und dann einander. ER wagte den Neuanfang zum neuen Millennium: lebt in einem neuen Land mit einer neuen Frau und erwartet ein neues Kind. Dabei lässt er die Erinnerung zu, akzeptiert sie, verarbeitet seine Trauer in einem Buch, das er gerade schreibt. Er lebt. Er hat seine Bewältigungsstrategie gefunden. Aber SIE?

SIE ist stecken geblieben in den Verwüstungen ihres Schmerzes, badet in ihrer Trauer. Sie funktioniert zwar in ihrem Alltag, doch glaubt sie nicht, dass sie „noch WIRKLICH etwas sein kann“. Sie hat „überhaupt kein Vertrauen mehr, dass es jemals wieder gut wird, dass (sie) jemals wieder glücklich sein“ wird. „Wie früher“. Aber will sie das überhaupt? Sie klammert sich an Erinnerungen, „die (sie) nicht vergessen darf“. Sucht sie wirklich nach einem Lebens- Sinn, nach einer Verarbeitungsstrategie? Sie war vergeblich bei „Psychologen, Orthopädagogen, Psychotherapeuten“, wurde süchtig nach Schokolade, nach Schlaftabletten und Verlustschmerz. Doch was sucht sie wirklich?

Mitreißend, existentiell, real-psychologisch diese Dialoge, diese Ursachen-Forschung. Faszinierend, ergreifend, überzeugend jede Geste der beiden grandiosen Darsteller. Bewegt, betroffen, atemlos das Publikum. Und dann auf dem Tiefpunkt der Entfremdung, des Missverstehens geht ER. SIE legt sich auf die harten Stühle zum Schlaf. Licht aus, Dunkelheit. Warum dieser Break? Warum ein Szenenwechsel? Da folge ich dem Regisseur (Christian Schwochow) nicht, bleibe im Dunklen bei IHR. Wir warten gespannt was kommt, was kommen kann. Das Publikum wartet mit IHR.

Angeblich warten die Eltern, ER und SIE, auf den Friedhofswärter. Angeblich soll Jakob umgebettet werden. Angeblich ist die Erde voll Gift. Doch Zweifel schleichen sich ein, dass das so stimmt. Den Brief erhielt ER von IHR, nicht von der Verwaltung. Niemand sonst ist da. Am Telefon meldet sich keiner in der Verwaltung. Und warum hat SIE Tulpenzwiebel, die sie gleich pflanzen will, in der Tasche? Pflanzen in ein vergiftetes Grab?

ER kommt zurück mit Wein und Käse. SIE wacht auf aus ihrem kurzen (Heil)-Schlaf – von dem wir unsinnig ausgeschlossen waren. ER überbringt Grüße vom Friedhofswärter, den ER draußen traf. Das ändert alles: ER weiß jetzt, dass SIE IHN herlockte, dass der Brief fingiert ist. Und SIE weiß, dass ER es weiß. Und der Zuschauer, der es erahnte, weiß es jetzt auch. Wunderbar erspielen die beiden die Entspannung, die befreiende Öffnung, die Beinahe-Zärtlichkeit des gemeinsamen Erinnerns, des Einander-Nachspürens und Verstehens. Behutsam werden Sentimentalitäten umschifft, Pathos abgefangen. Man versteht einander. Man isst und trinkt gemeinsam.

Am Ende darf ER SIE umarmen und das Lied von Leonard Bernstein, das IHN einst befreite, ganz leise an IHRE Schulter singen: „It must be so“. SIE geht. So wie Dagmar Manzel geht, könnte es ein Neuanfang sein: „Mehr können wir nicht draus machen“.

Ein bravouröser, klassischer Schauspieler-Abend mit überzeugender Figurencharakteristik, für den sich ein begeistertes Publikum mit Bravo-Rufen und Standing –Ovations bedankte. Nicht zuletzt, weil wohl jeder sich selbst oder einen ihm Vertrauten wiedererkannte in dem intensiven, psychologisch genauen und emotional stimmigen Text und Spiel - so nahe am gelebten Leben.

Dagmar Manzel wurde 2014 für ihre Rolle als SIE mit dem Deutschen Theaterpreis Der Faust ausgezeichnet.

Kurz und bündig

Ein ergreifendes Stück um Verlust und Weiterleben in klassischen Dialogen meisterlich dargeboten.