Übrigens …

Penthesilea im Theater Duisburg

Vergeblicher Wunsch nach Mäßigung (2)

Bereits im Jahre 2013 hatte das Schauspiel Frankfurt mit einer wahren Monstretragödie des Regisseurs Michael Thalheimer beim Duisburger Theatertreffen gastiert. Die Darstellerin der Titelheldin in Thalheimers auch zum Berliner Theatertreffen eingeladener Medea  war eine der zwei oder drei besten deutschen Schauspielerinnen ihrer Generation: Constanze Becker. Jetzt gastierte das Schauspiel Frankfurt mit Michael Thalheimers nicht minder wuchtiger Inszenierung von Heinrich von Kleists Penthesilea erneut in Duisburg. Wieder spielt Constanze Becker die Titelfigur, und wieder erleben wir eine Monstretragödie, bei der einem das Blut in den Adern gefriert.

Duplizität der Ereignisse: Am Wochenende des Frankfurter Gastspiels in Duisburg hatte die Medea des Euripides am Düsseldorfer Schauspielhaus Premiere . Regisseur war Roger Vontobel; in der Rolle der Medea sahen wir die andere der zwei oder drei besten deutschen Schauspielerinnen ihrer (und Constanze Beckers) Generation: Jana Schulz. Ebendieser Roger Vontobel hatte bei den Ruhrfestspielen 2010 mit ebendieser Jana Schulz eine mitreißende Penthesile“ als Kooperationsprojekt mit dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg inszeniert, deren Nichteinladung zum Berliner Theatertreffen eine unverzeihliche Sünde des Auswahlgremiums war. Überreichlich hat Fortuna ihr Füllhorn über denjenigen ausgeschüttet, der alle vier Inszenierungen sehen konnte.

Becker und Schulz: Das sind die beiden Superstars unter den knapp vierzigjährigen deutschen Schauspielerinnen. Becker gilt als die große Tragödin, als die Ernsthafte, Strenge, Starke, Tiefschürfende - oftmals auch als die Statuarische, was ja bei griechischen Tragödien nicht gegen eine gewisse Werktreue spricht. Becker kann auch Komödie - und ist dann meist witzig, aber melancholisch grundiert. Von Komödiantentum hat man bei Jana Schulz noch nichts vernommen. Aber sie ist die Zartere von beiden, sie kann auch das Schutzlose, Anrührende wie zum Beispiel in den beiden Gerhart-Hauptmann-Stücken am Schauspielhaus Bochum (Einsame Menschen und Rose Bernd) . Becker und Schulz sind geradezu extremistische Powerfrauen; in der Eindringlichkeit und Unbedingtheit ihres Spiels stehen sie einander nicht nach, gleich ob sie extrovertiert schreien oder introvertiert leiden. Eine jede hat für ihre Karriere den Regisseur gefunden, der zu ihr passt: Die emotionalere Schulz hat Roger Vontobel erwählt, der mit Musik und Einfühlungsvermögen, aber auch einem sezierenden Blick auf die Binnenverhältnisse in den Beziehungen seiner Figuren die Gefühle seiner Zuschauer manipuliert; die rationalere Becker arbeitet mit dem coolen Stücke-Sezierer Thalheimer, der die Texte auf ihren Kern reduziert und seine Schauspieler in glatten, kalten Bühnenbildern auf exakt kalkulierten, vorgegebenen Bahnen bewegt. Welcher von beiden Darstellungsformen man den Vorzug gibt, ist Geschmackssache – brillant sind beide.

Jetzt also sehen wir beide an einem Wochenende im Rheinland. Sowohl Schulz als auch Becker sind Rasende, die ihr Leid, ihre unglückliche Liebe und – im Falle Medeas - ihren Rachedurst hinausschreien, laut und verzweifelt. Bei Jana Schulz schauen wir tief in ein zerrissenes Herz hinein, während Beckers Zerrissenheit höher sitzt, im Kopf, der das Herzweh und die eigenen Triebe nicht mehr erträgt. Maßlos in ihrer Trauer und ihrer Wut sind beide. Sowohl Thalheimers Penthesilea als auch Vontobels Medea haben einen Chor, der sie vor dieser Maßlosigkeit warnt. „Ich wünsche mir Mäßigung / schönste Gabe der Götter / So nur bleib ich verschont / von zermürbendem Zank und streitendem Zorn“, hatte der Chor in Vontobels Medea“in beschwörendem Sprechgesang gemahnt. Thalheimer hat seinen Chor erfunden: Josefin Platt spricht Texte der Amazonenfürstinnen und der Oberpriesterinnen und fungiert als eine Art Moderatorin und Kommentatorin, die auch Hintergründe erläutert. „Verflucht das Herz, das sich nicht mäßigen kann!“, lautet eine ihrer Klagen, die auch zu einem der Kernsätze von Thalheimers Inszenierung wird. Medea und Penthesilea, so unterschiedlich die beiden Frauen auch sein mögen, zerstören aufgrund ihrer Unfähigkeit zur Mäßigung und zur rationalen Betrachtung ihrer zugegebenermaßen vermaledeiten Lage eine ganze Welt – und sich selbst gleich mit.

Penthesilea, wir erinnern uns, ist diese Amazonenkönigin, die einem kriegerischen Volk vorsteht, das keine Männer unter sich duldet. Da zur Sicherung des Fortbestands eines Volkes unglücklicherweise Menschen beiderlei Geschlechts benötigt werden, bestimmt der Kriegsgott Mars den jeweiligen Sexualpartner der Damen, den diese allerdings zunächst im Kampf besiegen müssen. Kaum haben die Männer das Notwendige für die Fortpflanzung der Amazonen getan, werden sie wieder vom Hof gejagt. Eventueller männlicher Nachwuchs wird getötet, die Mädchen werden zu Kriegerinnen erzogen. Eine individuelle Partnerwahl ist verboten – Mars sagt an, wer mit wem in die Kiste springt. Es ist nun ausgerechnet die Königin, die statt der Lanze des Mars der Pfeil des Amor trifft: Penthesilea verliebt sich in Achill. Nach einigen Verwicklungen lässt der sich freiwillig besiegen, denn zur Vereinigung darf es nur kommen, wenn die Amazone ihren Kerl nicht mit den Waffen einer Frau, sondern mit denen eines Mannes bezwungen hat. Das gelingt allerdings ein bisschen ZU gut – Achill wird tödlich verwundet. Und Penthe dreht durch: Sie hetzt ihre Doggen los und zerreißt den Geliebten. Wieder zu Verstand gekommen, sagt sie sich vom Gesetz der Amazonen los und stirbt. Bei Kleist treffen die Unbedingtheit kriegerischer Gesetze und Moralvorstellungen auf eine ebenso unbedingte Vorstellung von Liebe. Mäßigung statt Ekstase hätte viel Unglück verhindert … 

Thalheimers Frankfurter Penthesilea wirkt wie eine Wiedergängerin seiner Medea von vor vier Jahren. Wieder spielt sich das Ganze auf einem dieser hochmodernen Raumkunstwerke des Bühnenbildners Olaf Altmann ab, der eine riesige, sich nach oben verjüngende Schräge gebaut hat. Ganz oben sitzt – wie schon auf der aus riesigen Quadern bestehenden Medea-Bühne – Constanze Becker, den blutbeschmierten nackten Achilles im Arm. Nach dem Prolog wird das dramatische Geschehen in einer langen Rückblende erzählt. Becker kommt im Verlauf des Abends ganz langsam näher, barmt, brüllt, schleudert ihre Wut und ihre Verzweiflung, aber auch ihren Amazonen-Stolz heraus. Wunderbar gelingt es ihr, die verschiedenartigsten Untertöne in das Pathos ihrer Deklamation zu mischen: Hochmut und Ironie, Stolz und Wut, Hass und Zorn – und ganz gelegentlich sogar so etwas wie Angst. Anders als bei ihrer Medea hat sie in Felix Rech einen Partner, der ihr auf Augenhöhe begegnen will und sie zu Beginn sogar im Kampf besiegt. Spannend schildern Becker und Rech im Wechsel die blutige Auseinandersetzung, voller Faszination für den Kampf, aber auch für einander: Die amour fou, die sich zwischen Achilleus und Penthesilea entspinnt, bringen beide überzeugend über die Rampe.

Erneut hat Thalheimer das Personal seines Stücks extrem zusammengestrichen. Es treten auf: die beiden sich lieben lernenden Antagonisten und die bereits erwähnte Josefin Platt als Multifunktionsdarstellerin. Platt wächst in ihrer Funktion als Symbiose aller Nebendarstellerinnen eine herausragende Rolle zu: Als einzige spricht sie den schwierigen Kleist’schen Text ohne größere emotionale Aufwallungen mit dem Ziel, inmitten des ekstatischen kriegerischen Spiels der Vernunft eine Stimme zu geben. Thalheimer konzentriert sich vollständig auf die Kleist’sche Sprache – und die hat zwar Melodie, aber sie ist gerade in diesem lange als unspielbar geltenden Stück auch ungeheuer anspruchsvoll. Unendlich lange Monologe mit hochkomplexen grammatikalischen Strukturen sowie Sätze, in denen kaum ein Wort dort steht, wo es hingehört, wenn man redet, wie einem der Schnabel gewachsen ist, machen es selbst dem erfahrenen Theaterzuschauer nicht einfach zu folgen. Das ist brillantes Bildungsbürgertheater, aber es wirkt – wie auch die vielfach statuarischen Bilder und die stilisierten Bewegungen - hermetisch. Umso beeindruckender ist die Leistung der drei Schauspieler.

Wie schon bei Medea arbeitet Thalheimer wie ein Bildhauer. Er meißelt einen Trumm von einem Stück aus dem Stein, schwer und streng, pathetisch, voller archaischer Wucht. Der Perfektionsgrad dieser Inszenierung ist unübertrefflich - nichts wird dem Zufall oder der Improvisation überlassen. Manchmal denkt man, dass die Aufführung trotz der massiven Textkürzungen, trotz des Verzichts auf Odysseus, Prothoe und sämtliche Nebenfiguren auch vor 2400 Jahren im nagelneuen Amphitheater von Epidaurus bejubelt worden wäre. Aber es gibt eine weitere Parallele zu Thalheimers vier Jahre alter Medea-Inszenierung: Zum großen Showdown gegen Ende setzt erst- und einmalig die mitreißende Musik von Bert Wrede ein. Und sie bringt an diesem Abend, der so großartiges Text- und Schauspielertheater bietet, dessen Plot uns aber fern bleibt, endlich auch das Blut des Zuschauers zum Kochen.

Diesen Showdown kommentiert die leichenblass geschminkte Josefin Platt mit blutrot angemalten Lippen. Constanze Becker leert eine Flasche mit Theaterblut über den nackten Achilles. Aus den Boxen schallt ein lautes, schmerzhaftes, rasselndes Geräusch. „Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust“, und in die andere beißen die Doggen. Im Sterben noch kommt es zum symbolischen Liebesakt. Penthesilea beschmiert ihren nackten Oberkörper mit dem Blut des Achilles. Sie begreift: „Ich zerriss ihn – oder war es anders? Küsst‘ ich ihn tot?