Oleanna im Bochum Theater Rottstraße 5

Political Correctness oder ideologischer Krieg?

Anne Stein tritt ans Mikro. Jetzt, in dieser ersten Szene, wirkt sie noch wie ein kleines Mädchen. Aber die Eindringlichkeit, mit der sie ihren Prolog spricht, hat schon die Intensität und den Gruselfaktor der großen Schauspielerin, die Anne Stein, Studentin des 2. Semesters an der Folkwang-Hochschule, einmal werden will – und sie vermittelt etwas von der gefährlichen Rachegöttin, zu der die schüchterne Carol aus David Mamets im Jahre 1992 uraufgeführten Stück Oleanna sich bald entwickeln wird. Anne Stein stellt ein paar Fragen aus dem Rotkäppchen. Gespenstisch wirkt das, fast bedrohlich. Steins böser Wolf ist der Universitätsprofessor, in dessen Büro sich alle drei Akte des Stücks abspielen. Hätte John, der Professor, Steins Märchenfragen zugehört, könnte er ahnen, dass diese junge Frau ihren bösen Wolf erbarmungslos zur Strecke bringen kann.

Oleanna ist der Titel eines norwegischen Volkslieds, das den gescheiterten Versuch des Geigers und Komponisten Ole Bornemann Bull verspottet, im Rahmen der Besiedlung des amerikanischen Kontinents eine utopische Gesellschaft ins Leben zu rufen. Für David Mamet ist der Titel seines Stücks eine Metapher für die gescheiterten Utopien der amerikanischen Universitäten. Mamets Campus-Stück ist ein brillant geschriebenes well-made play, in dem nicht nur so manche Utopien zugrunde gehen, sondern in dem vor allem so manche Fragen offen bleiben. Es wird beherrscht von Uneindeutigkeiten, wobei das schüchterne junge Mädchen bald ziemlich eindeutig agiert. Erschreckend? Mutig eine gerechte Sache verfolgend? Lange vernachlässigten Ansprüchen bestimmter Bevölkerungsgruppen zu ihrem Recht verhelfend? Von der „Konfusion von Gerechtigkeit und Anspruch“ ist einmal die Rede. Diese Konfusion beschreibt Mamet perfekt, und sie erfasst auch den Zuschauer oder den Leser des Zwei-Personen-Stücks. Männer und Frauen stünden bei der Beurteilung des Verhaltens der beiden Figuren oft auf unterschiedlichen Seiten, hatte Regisseur Alexander Olbrich (auch er Student an der Folkwang-Hochschule) im Vorfeld der Inszenierung gesagt. Liebe Leserinnen, Ihr Rezensent ist ein Mann. Lesen Sie also mit geschärftem kritischem Bewusstsein. Sie aber, liebe Feministinnen und Feministen, lesen am besten gar nicht weiter.

John, in Bochum eingedeutscht zu „Jürgen Buse“, und Carol leben in verschiedenen Welten. Buse ist so, wie Wolfram Boelzle ihn spielt, ein eitler, kaum wirklich auf das Gespräch mit dem Mädchen konzentrierter, aber wohl auch innerlich verunsicherter Typ, der kurz vor einer Beförderung steht, die er für die Finanzierung eines Hauskaufs dringend benötigt. Carol hält ihn für elitär. Buse hat ein Buch geschrieben mit einem Fragezeichen im Titel: „Warum Bildung?“ heißt es. Es stellt den „Glaubenssatz“ in Frage, „dass alle Anspruch auf höhere Bildung haben“. Der Professor wirft in seinem Werk provozierende Fragen auf: Braucht man tatsächlich Bildung für alle? Sollten wirklich alle nach Abschluss der Schule studieren? – Es sind Menschen wie er, glaubt Carol, durch die Menschen wie sie am Aufstieg gehindert werden. Carol stammt aus eher bildungsfernen Schichten; sie ist eine solche Aufsteigerin. Im 1. Akt besucht sie den Professor, weil sie dessen Buch nicht versteht. Der wiederum konfrontiert sie mit einem Satz aus ihrem Paper, der so aussagelos und doof ist wie man es leider in der Tat heute bei einer großen Anzahl von Studenten lesen kann und der die Hybris eines halbwegs intelligenten Professors tatsächlich schon mal zur Entfaltung bringen kann. Doch Carol ist nicht dumm: Während Buses Kommunikation wolkig und uneindeutig ist, äußert seine Studentin ihre Anliegen und Meinungen sehr direkt. Für etwas bequeme, sich ihrer intellektuellen Überlegenheit bewusste Typen wie Buse ist sie anstrengend: Sie hakt nach, wo andere Menschen längst akzeptieren. Buse dagegen macht Hilfsangebote, die formal in Ordnung sein mögen, aber so doppeldeutig formuliert sind, dass man hinter ihnen auch unlautere Absichten vermuten könnte.

Das Gespräch eskaliert, weil er sie mit seinen eitel vorgetragenen, widersprüchlichen Argumenten zur Weißglut treibt. Und so kann Anne Stein auch dem 2. Akt einen intensiv gesprochenen Prolog voranstellen über eine Zeit, „als wir noch Träume hatten in einer Welt, die von weißen alten Männern beherrscht wurde.“ In diesem 2. Akt – und mehr noch im 3., dem ein von Anne Stein wunderbar gesungenes Lied von Yoko Ono vorangestellt wird – eskaliert die Situation zunehmend. Carol hat bei der Berufungskommission Protest eingelegt gegen die Beförderung des Professors und seine Übernahme in ein unbefristetes Angestelltenverhältnis. Zunächst wirft sie ihm elitäres Verhalten, mangelnde Fokussierung auf seine Arbeit und sexistische Einstellungen vor, später sogar eine Vergewaltigung: Buse hatte sie in einer emotionalen Situation physisch am Verlassen seines Büros zu hindern versucht, was die Studentin zum sexuellen Missbrauch umdeutet. Wolfram Boelzle und Anne Stein machen aus Mamets großartig geschriebenem Drama nun ein höchst intensives, spannendes Psychoduell. Alles, was zuvor nicht eindeutig war, wird gegen den Professor gekehrt. Angry young woman kämpft gegen den Vertreter der weißen heterosexuellen Mehrheit; schon Marginalien werden als sexistisches Verhalten gedeutet. Carol wird zur gnadenlosen Gesinnungs-Terroristin, die des Professors verzweifelten Versuch, sich mit dem Glauben an Gedankenfreiheit zu verteidigen, nicht ansatzweise akzeptiert. Stein spielt sowohl das anfängliche Aufsteigermädchen als auch die spätere ideologische Furie so herausragend, dass man ihr die letzten Jahre Schauspielschule am liebsten erlassen möchte. Boelzle dagegen, der Profi, hält seine Figur brillant in der Schwebe, um in entscheidenden Gesprächssituationen immer mal wieder blitzschnell zuzuschlagen. Sein Professor bleibt ein schmieriger, uneindeutiger Typ, eher manipulativ als übergriffig. Bis dass er die Beherrschung verliert - und damit endgültig das perfide Machtspiel, das sich zwischen den beiden Protagonisten entwickelt hat.

Tatsächlich kehren sich die Machtverhältnisse zwischen Professor und Studentin in Verlauf des Stücks komplett um: Die Macht, die zuvor bei dem Vertreter einer konservativen Elite gelegen hatte, ist am Ende bei der hitzigen, erbarmungslosen Ideologin. Diese argumentiert mit einer political correctness, die die Grenzen des moralisch akzeptablen Verhaltens überschreitet und nur noch Kriegsopfer produziert. Auch Carol agiert bei ihrem kaum annehmbaren Vorschlag zur Beilegung des Konflikts manipulativ und erpresserisch. Gedankenfreiheit zu geben, liegt ihr fern: Sie will die Bücher, die im Stile der weißen heterosexuellen alten Männer geschrieben wurden, aus dem Kanon der Universität entfernen lassen. „Achtung“ und „Respekt“, die sowohl die Studentin als auch die Universität einfordern, sind in einem gnadenlosen Kampf den Bach heruntergegangen. Sowohl Achtung und Respekt zwischen den beiden, ihre wohl verstandenen Interessen vertretenden Personen als auch Achtung und Respekt gegenüber abweichenden Meinungen – und gegenüber der Geschichte. Vielleicht können wir noch etwas anderes aus diesem Stück lernen: Veränderungen muss man Zeit geben – und sie allmählich herbeiführen. Wenn man das Ruder zu ungestüm herumreißt, kentert das Schiff.