Alle meine Söhne im Bochum, Schauspielhaus

„Nichts ist wichtiger als die Familie.“

Der damalige US-Präsident Bill Clinton formulierte 1993 in einer Rede an die Vertreter der Demokratischen Partei eine schlüssige Definition des amerikanischen Traums: „Der amerikanische Traum ist ein einfacher und doch mächtiger Traum – wenn du hart arbeitest und dich an die Regeln hältst, dann wirst du die Chance haben, es so weit zu bringen, wie es deine gottgegebenen Fähigkeiten zulassen.“ Diese Leitidee hatten Millionen von Einwanderern, die nach Amerika kamen und kommen, um sich ihren Traum zu erfüllen. Das Schlüsselwort war immer der Erfolg, meist mit wirtschaftlichem Wohlstand assoziiert. Die Sicherheit im engsten Lebenskreis, die Absicherung der eigenen Familie – dies wird zum höchsten Gut. Der Erfolg ist alles.

Anselm Weber, der scheidende Intendant des Bochumer Schauspielhauses, inszenierte Arthur Millers Alle meine Söhne (Uraufführung 1947 in New York) als äußerst packendes Kammerspiel, das diese uramerikanischen Werte und die damit unter Umständen verbundenen Konflikte spiegelt.

Joe Keller hat sich mit allen Mitteln zum erfolgreichen Fabrikbesitzer hochgearbeitet und zur Mehrung seines Vermögens schadhafte Zylinderköpfe an die Luftwaffe geliefert. Er wurde so schuldig am Tode von 21 jungen Männern. Es gelang ihm jedoch, seinen unschuldigen Geschäftspartner für sich im Gefängnis büßen zu lassen. Dies alles tat er als skrupelloser, zärtlicher Familienvater für seine beiden Söhne. Der Ältere, Larry, beging Selbstmord, als er von dem Verbrechen seines Vaters erfuhr. Chris, der nie an der Integrität Joes zweifelte, reagiert entsetzt und fassungslos, als er von dem wahren Hergang dieser Geschichte erfährt: „In was für einer Welt lebst du?“

Der Abend beginnt, indem er eine scheinbare Idylle zeigt. Die minimalistische Bühne ist in einem hellen Blauton gehalten, Holzplanken bilden den Boden. weiße Gartenstühle und ein Tisch sind das Mobiliar. Joe liest die Zeitung. Vögel zwitschern, eine Kirchenuhr schlägt, ein Hund bellt. Michael Schütz spielt den Familienpatriarchen sehr überzeugend als einen Mann, der sich keiner Schuld bewusst ist beziehungsweise sie verdrängt. Hat er doch alles für die Familie getan und ruht sich jetzt selbstzufrieden auf seinem Erfolg als Geschäftsmann aus. „Ein Vater ist ein Vater.“ Das ist sein Motto, das allein zählt. Seine Frau Kate (Katharina Linder, schauspielerisch absolut gleichwertig intensiv) lernen wir als liebende Mutter kennen, die nicht glauben will, dass Larry tot ist: „Er ist nicht tot.“ Chris wird von Nils Kreutinger gespielt. Ein sympathischer junger Mann, der seine Eltern liebt und der Ann, die Tochter des in Haft sitzenden Partners seines Vaters und die frühere Freundin Larrys, heiraten will. Erst langsam entwickelt sich die Spannung an diesem Abend, der durchaus Krimiqualitäten hat. Anns Bruder George (Torsten Flassig spielt ihn grandios mit kaum unterdrücktem Zorn) drängt auf Aufklärung dessen, was vor langer Zeit geschah. Ann (sehr engagiert: Sarah Grunert) weiß aus einem Abschiedsbrief Larrys schon lange um die Wahrheit, will jedoch – ihrer Liebe zu Chris wegen – nichts gegen Joe unternehmen.

Eine überaus packende, dichte Inszenierung, die durchaus auch heute an Aussagekraft nichts verloren hat.

Was geschieht, wenn etwas, das verdrängt und tot geschwiegen wurde, ans Tageslicht kommt? Der amerikanische Traum mit seinem Fokus auf dem Einzelnen, auf das Verfolgen des persönlichen Glücks und Erfolgs – wobei Erfolg den Menschen auch tugendhaft macht – das alles gilt nach wie vor, auch als Leitlinie in der amerikanischen Politik. Die – so auch Präsident Trump – gern übersieht, dass unter anderem Vorurteile eine Verwirklichung des amerikanischen Traums für alle schlichtweg unmöglich machen.

Ein fesselnder Abend mit einem hervorragenden Ensemble, der die Zuschauer nachdenklich zurücklässt.