Dämonen im Schauspiel Essen

„Dämonen“ – Dostojewskijs Vision einer totalitären Gesellschaft

Hermann Schmidt-Rahmer schuf eine Bühnenfassung des 1000 Seiten umfassenden Romans von Fjodor Dostojewskij. Wobei er sich in der dreistündigen Inszenierung auf die politische Fragestellung konzentriert und manchen Handlungsstrang des Originals außer Acht gelassen hat. Dostojewskij beschreibt in seinem 1873 veröffentlichten Werk den erbitterten Kampf der Generationen und analysiert prophetisch die Mechanismen von Faschismus, Stalinismus und Terrorismus.

Wie im Roman, so müssen auch heute die Eltern einer bürgerlichen, an westlichen Werten orientierten , liberalen Oberschicht feststellen, dass ihre Kinder nicht mehr an Aufklärung, Toleranz und Globalisierung glauben, sondern Nationalismus, Autokratie und Mythos zu ihren Idealen wählen. Glaube bedeutet für sie den Glauben an ihr eigenes Volk, an einen Führer oder an den Mythos der eigenen Geschichte. Der Abend auf der Bühne beginnt daher passend mit dem Monolog Schatows (Sven Seeburg), einem der Revolutionäre: „Wenn ein großes Volk nicht mehr glaubt, dass es allein berufen und fähig ist, alle anderen Völker zu erwecken und erlösen, dann verwandelt es sich augenblicklich in ethnographisches Material.“ Ein Satz, der allzu gut in das Denken von Trump, Pegida und ähnlich engstirnig ausgerichteten Politikern von heute passt. Auch die von Pjotr Werchowenskij (Stefan Diekmann spielt diesen Volksverführer grandios teuflisch-klug) in die Welt gesetzten Verschwörungstheorien und perfiden Aktionen, um den absoluten Gehorsam der „Unsrigen“, einem Trüppchen von Anhängern, zu erreichen, lassen Parallelen in unserer Zeit erkennen.
Der Regisseur spricht – bezogen auf die gegenwärtige Situation, aber auch auf die von Dostojewskij skizzierte politische Lage – von einer „Strategie der absoluten Willkür“, die einer Tyrannei zur Macht verhelfen soll, wobei die auf Dialog und Kompromissen beruhende Demokratie auf der Strecke bleibt. „Die Vernunft ist zurzeit eindeutig in der Defensive, Amerika hat einen Dämon auf den Thron gesetzt, der keinerlei Gesetze der Moral oder auch nur des Anstandes noch anerkennt.“, so Schmidt-Rahmer.

Die schlichte, mit hellem Holz vertäfelte Bühne weist nur wenige Requisiten wie einige Stühle auf. Dominierend sind zwei große Kronleuchter, die den Glanz der gut situierten Bürgerschicht in dem kleinen russischen Provinzstädtchen widerspiegeln. Die Revolutionäre (Axel Holst, Rezo Tschikwischwilli, Stephanie Schönfeld – sie erinnert vom Aussehen her an Frau Timoschenko -, Stefan Migge, Philipp Noack) tragen schwarz und sehen mit ihren langen Bärten wie das Klischeebild islamischer IS-Kämpfer aus. Auf eingespielten Videos äußern sie Sätze wie „Wir zerstören euren Konsens.“ Und „Unsere Bewegung soll wahrgenommen werden.“. Auch dies kommt dem Zuschauer seltsam bekannt vor. Warwara Petrowna Stawrogina (Ines Krug spielt sie betont kommunikationsfreudig und doch von ihrem eigenen Einfluss überzeugt) ist eine Dame der etablierten Gesellschaft, die meint, mit einer Literaturmatinee und einem anschließenden Gabelfrühstück die rebellische Jugend im Griff zu haben und sie so vor dem Abgrund zu retten. Thomas Büchel gibt den Schöngeist Stepan Werchowenskij (in weißem Anzug mit elegantem Schal), Pjotrs Vater, der die liberalen westlichen Werte preist und sich gern mit französischen Formulierungen als Anwalt der Schönheit von Raphael und Shakespeare produziert. Erschütternd das Bild gegen Ende des Abends, als er nach dem großen Feuer, das die Stadt verwüstet hat, über die leere Bühne irrt: „Niemals wurde die Dummheit so feierlich gekrönt.“ Im Hintergrund hört man Gewehrsalven, der junge Nikolaj Stawrogin (Alexey Ekimov), Warwaras Sohn, den Pjotr vergeblich zur Heilsfigur der Revolution aufbauen wollte, hängt an einem Galgen.

Ein zunehmend beklemmend wirkender Abend, der dank des hervorragenden Ensembles (zu nennen wären noch Ingrid Domann und Cynthia Cosima Erhardt) trotz der enormen Textfülle ergriff und nachdenklich stimmte.