Das Prinzip Jago im Schauspiel Essen

Journalismus in Zeiten der Lügenpresse

Vergessen Sie Shakespeare. Vergessen Sie auch alles, was Sie über den Regisseur Volker Lösch wissen. Wenn Sie mögen, erinnern Sie sich ab und zu mal an den Charakter des Jago in Shakespeares Othello: Ein fieser Intrigant ist der, clever, rassistisch und auf eine widerliche Weise hinten rum. Wenn Sie mögen, erinnern Sie sich ab und zu an den üblichen Spott des Rezensenten über Volker Lösch, der eigentlich bei der Zeitschrift Theater heute geklaut ist: Lösch sei „kein inszenatorischer Feinmotoriker“, hat die führende deutsche Theaterzeitschrift einmal festgestellt und den Nagel auf den Kopf getroffen. Alles andere können Sie vergessen: Shakespeare kommt in Volker Löschs Das Prinzip Jago nicht vor - mit Ausnahme von ein paar kleinen Zitaten, die circa ein Prozent des Textvolumens beanspruchen. Wer Lust hat, kann versuchen, die Othello-Figuren zu identifizieren: Othello, Jago und Desdemona finden Sie leicht, bei Cassio und Rodrigo wird das Rätsel schon schwieriger. Volker Lösch, der das Zuschauerblut stets mit stampfenden Laien-Chören und viel Agitprop in Wallung bringt, hält den Agitprop diesmal in Grenzen, und die Chöre sind da, wo der Shakespeare-Text ist: also nicht vorhanden. Lösch hat gemeinsam mit seinem Dramaturgen Ulf Schmidt und seinem Co-Autor Oliver Schmaering einen spannenden Polit- und Gesellschafts-Krimi über Rechtspopulismus und Lügenpresse entwickelt und ihn in dreieinviertel Stunden einen Tick zu lang, aber hochaktuell und spannend inszeniert. Schon die Erkennungsmelodie signalisiert, dass das Stück mehr von „House of Cards“ als von Shakespeare inspiriert ist.

Beim Essener Fernsehsender „1 West“ wird gefeiert. Gerade ist die kleine Redaktion für eine ausgewogene Reportage über minderjährige Flüchtlinge ausgezeichnet worden. Chefredakteur Ulrich Sonntag hält auch in Zeiten immer schneller werdenden Nachrichtenumschlags traditionelle Werte wie gute Recherche und Seriosität hoch. Sonntag steht vor einer schwierigen Entscheidung: Die Position des „Chefs vom Dienst“ ist neu zu besetzen. Mit Susanne Weibel und Nick Walter hat er zwei ehrgeizige, potentiell hochkarätige Pferde im Stall. Als die Entscheidung für Susanne fällt, wird Nick zum Redaktions-Jago. Er schmiedet Intrigen, streut Gerüchte, manipuliert Menschen und Nachrichten. Eine Flüchtlingsdemonstration auf dem Kennedyplatz (der ganz real rund 150 Meter vom Grillo-Theater entfernt liegt) kommt ihm wie gerufen. Er paktiert - zunächst versteckt, später immer offener - mit Petra Bolz, der Chefin der rechtspopulistischen Partei „Alternative für Essen“, und gibt ihr den Raum, seine Gegenspieler Ulrich Sonntag, Susanne Weibel und Anja Luhmann (die hübsche Geliebte des Chefredakteurs, die ebenfalls für Seriosität einsteht) vorzuführen und an die Wand zu spielen. Nick scheut auch vor kriminellen Aktionen nicht zurück - nicht vor Sexvideos, nicht vor einer Kindesentführung, die den Flüchtlingen in die Schuhe geschoben wird, und schon gar nicht vor Denunziationen aller Art. Chefredakteur Sonntag, der nichts weniger erwartet als Intrigen aus seinem eigenen, bislang so erfolgreich harmonierenden Team, verliert die Kontrolle über seine Sendung. Sonntag wird in den Selbstmord getrieben, Anja ermordet - und Nick Sonntags Nachfolger, mit der rechtsradikalen Frau Bolz im Rundfunkrat. Endlich ist es mit der Lügenpresse vorbei: „Wir sind neutral und objektiv“, verkündet Bolz, denn der Sender verbreitet nur noch ihre ganz spezielle Sicht der Dinge. „Live fast, know first“, lautet nun die Werbebotschaft des Senders – was intern übersetzt wird mit „Lieber einmal mehr Konjunktiv als zweimal zu spät.“ Fake News war gestern, und Thomas Meczele als Nachrichtenredakteur beendet seine Reportagen mit flotter Süffisanz: „Mein Name ist Ben Sützl. Bleiben Sie auf dem rechten Weg.“ Der Gag ist gut - darauf einen Mohrenkopf!

Lösch hat noch nie Wert darauf gelegt, seine Geschichten sensibel und mit feinem Gespür zu erzählen. Auch diesmal drückt er auf die Tube und polemisiert. Aber diesmal ist ihm eine erstaunlich komplexe journalistische Kriminalgeschichte gelungen – mit ein paar Redundanzen und ein paar ärgerlichen Übertreibungen nach der Pause, aber mit Schwung, Engagement und hohem Tempo. Gespielt wird im ganzen Theater – auf der Bühne, aus dem Publikum, von der Empore, aus dem Off. Vorproduzierte Bilder von den Flüchtlings-Demos auf dem Kennedyplatz bieten Spannung; O-Töne Essener Bürger aus der Fußgängerzone empören oder machen nachdenklich, „Live“-Interviews der „1 West“-Reporter gaukeln Authentizität vor. Im Theater nehmen Aless Wiesemann und Linus Twardon das Geschehen durchgängig mit der Kamera auf. Aktuelle Nachrichten werden eingespielt; in manchen Szenen wird die Aufführung analog zur aktuellen politischen Entwicklung angepasst. Ikonographische Bilder tauchen auf: der tote Flüchtlingsjunge am Strand, das Silvestergeschehen aus Köln, Bilder von Putin und Willy Brandt, Marilyn Monroe und Osama Bin Laden. „Was Bilder alles können“, sagt Stefan Diekmanns Nick Walter mephistophelisch: „Es steigt nicht der Pegel der sachlichen Information, es steigt der Pegel der Emotion.“

Genau auf dieser Klaviatur spielt Diekmanns Nick perfekt. Er ist Macho und Mephisto, Zyniker und Zauberer – und ein gerissener Manipulator, der weiß, wie aus dem Zusammenhang gerissene Aussagen ihren Sinngehalt verändern können. Haben Sie mal Nachrichten und Überschriften in Ihrer Lokalzeitung oder im Videotext daraufhin überprüft, was von ihnen im Gesamtzusammenhang eines Artikels oder im Rahmen der ungekürzten zitierten Aussage noch übrig bleibt? Dann beginnen Sie sogar an den geschätzten öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten und an vielen seriösen Tageszeitungen zu zweifeln. Neben dem großartigen Stefan Diekmann können auch andere Charaktere überzeugen: Thomas Büchel als überforderter „Othello“ ist ein eher sanfter Chefredakteur mit seltenen cholerischen Attacken, der auf Intrigen nicht vorbereitet und ihnen wehrlos ausgeliefert ist. Seine Loyalität zum Oberbürgermeister wird ihm zum Verhängnis: Jan Pröhl gibt den OB als schwafelnden Polit-Profi, der sein Fähnchen nach dem Winde richtet statt eine Allianz der Guten zu schmieden. Die junge Jaëla Carlina Probst als naiv-gute „Desdemona“ Anja Luhmann, Sonntag-Geliebte und vielversprechende, engagierte Nachwuchs-Reporterin ist vielleicht die einzige Sympathieträgerin der ganzen Personnage. Silvia Weiskopf gibt die AfE-Politikerin Petra Bolz als eine Mischung aus Frauke Petry und Beatrix von Storch, geht allerdings derart massiv zur Sache, dass die Figur zur unglaubwürdigen Karikatur verrutscht.

Alles in allem ist Das Prinzip Jago ein großartiger, unterhaltsamer Theaterabend und eine Warnung vor der möglichen Entwicklung unserer Medienlandschaft, wenn die Erdogans und Trumps, die Le Pens und die Orbans auch in unserem Land die Oberhand gewinnen. Oder ist es vielleicht schon zu spät?