Istanbul im Köln, Schauspiel

„Das Land bewegt sich auf eine Eiszeit zu.“

Seit fast fünf Jahren beschäftigt sich der Autor und Regisseur Nuran David Calis intensiv mit der Kölner Keupstraße und erzählt auf der Bühne mit Anwohnern und Geschäftsleuten Geschichten und vom Leben dieser besonderen, türkisch geprägten Straße, ganz in der Nähe der Spielstätte des Schauspiels Köln.

Istanbul ist der letzte Teil einer Trilogie, die mit Der Lücke begann. Der Abend befasste sich mit den Folgen des Nagelbombenattentats durch die NSU 2004. Dann folgte Glaubenskämpfer zum Thema religiöse Vielfalt. Auch an diesem dritten Abend nun basiert der auf der Bühne gesprochene Text auf Diskussionen und langen Gesprächen während der Proben.

Eigentlich sollte Istanbul eine Produktion über diese Stadt am Bosporus sein, wo ein freies und kosmopolitisches Leben möglich ist. Auch ein Ort der Identifikation für die in zweiter und dritter Generation in Deutschland lebenden Menschen mit türkischen Wurzeln. Der misslungene Putschversuch vom 15. Juli 2016 und die harsche Reaktion der Erdogan-Regierung mit Verhängung des Ausnahmezustandes, zahlreichen Verfolgungen und Verhaftungen von politischen Aktivisten und Vertretern der Justiz und der Intelligenzia haben alles geändert. Welche Auswirkungen hat all dies auf die türkischstämmigen Mitbürger hier in Deutschland und auf ihr Verhältnis zu ihrer Umgebung?

Neben den drei Akteuren aus der Keupstraße, die man schon von den ersten zwei Produktionen kennt, steht der heute in Köln lebende Schriftsteller Dogan Akhanli auf der Bühne. Er war Kommunist und wurde 1980 nach dem Putsch inhaftiert und gefoltert. 1991 floh er nach Deutschland. Als er 2010 seinen Vater in der Türkei besuchen wollte, wurde er verhaftet und saß mehrere Monate in Untersuchungshaft. Erschütternd sein Bericht, bei dem er – vergrößert – über eine Projektionskamera ins Publikum schaut und scheinbar nüchtern jedes grausame Detail der Folter auflistet. Zuvor hatte die Schauspielerin Ines Marie Westernströer einen Brief von Asli Erdogan, einer Journalistin, die wegen angeblicher terroristischer Aktivitäten im Gefängnis saß, verlesen. An einem Tisch mit Teegläsern sitzen die drei Bewohner der Keupstraße. Ayfer Sentürk Demir will trotz dieser Fakten nicht an Folter in der Türkei glauben. Sie bewundert Erdogan und hat bei dem Referendum für die neue Verfassung mit Ja gestimmt: „Ich glaube nicht, dass in der Türkei gefoltert wird. Vielleicht bin ich naiv, aber ich glaube es nicht.“ Habe doch Erdogans Politik ihr geholfen, wieder selbstbewusst ein Kopftuch zu tragen. Das Publikum tuschelt zum Teil empört. Auch das Bekenntnis von Ismet Büyük zu seiner Heimat („Dieses Land ist meine Seele.“), die er zu jeder Zeit mit der Waffe verteidigen würde, ruft Widerspruch hervor. Kutlu Yurtseven, ein weiterer Nachbar aus der Keupstraße, vertritt eine moderate Haltung und plädiert für den Dialog, auch wenn man verschiedener Meinung ist. Oder gerade deshalb. Auch er empfindet türkisch-national. Spätestens seitdem seine siebenjährige Tochter, in Deutschland geboren, ihm berichtete, sie sei als Türkin eingestuft worden, als sie für einen neuen türkischen Mitschüler übersetzte.

Der Abend basiert auf Gesprächen. Das Bühnenbild bleibt sekundär. Die angedeutete Baustelle mag für die Brücke nach Europa stehen, die gerade blockiert ist. Auch zahlreiche eingestreute Informationen über die türkische Geschichte, zu denen historische Fotos gezeigt werden, treten in den Hintergrund. Vieles erfährt man neu und versteht vielleicht besser, wie es der türkischen Community in Deutschland geht. Oder überhaupt Menschen, die ein Elternteil haben, das nicht deutsch ist. So der Schauspieler Sean McDonagh, dessen Mutter Irin ist. Auch er erinnert sich daran, wie es ist, als Ausländer nicht auffallen zu wollen.

Nuran David Calis gelingt es, die Konfliktlinien aufzuzeigen, die durch die Gemeinschaft der hier lebenden türkischen Mitbürger laufen. Dieser Riss wird auch auf der Bühne sichtbar. Dennoch kann man ihm nur zustimmen, dass „wir, als Zivilgesellschaft, Brücken nicht abbauen dürfen“ und dass es der einzig gangbare Weg ist, „dass man sich offen die Meinung sagt und Konflikte miteinander austrägt“.

Großes Lob für alle Mitwirkenden, denn es erfordert Mut, seine Meinung öffentlich kundzutun.