Don Quijote im Oberhausen, Theater

Wahn, Weisheit und Melancholie

Was für ein wundersames, aufregendes, vielgestaltiges, am Ende trauriges Leben: Miguel de Cervantes Saavedra, Autor des literarischen Welterfolges Don Quijote, war Kind eines Wanderchirurgen, Theologiestudent, Duellant, als Soldat Teilnehmer an der Schlacht von Lepanto, als Steuereintreiber wegen Veruntreuung im Gefängnis, letzthin ein verarmter Schriftsteller. Immerhin wurde Cervantes 70 Jahre alt, die letzten zehn galten dem Literaten: Anfang des 17. Jahrhunderts entstanden neben Don Quijote die Novelas ejemplares sowie zahlreiche Bühnenwerke.

Leben und Taten des scharfsinnigen Edlen Don Quijote de la Mancha ist der genaue Titel seines wuchtigen Romans, 126 Kapital stark, in einer neueren Taschenbuchausgabe (Übersetzung: Ludwig Tieck) mehr als 1200 Seiten lang. Einige seiner Kriegserlebnisse hat Cervantes darin verankert, doch ist dieses Buch weit mehr denn ein Episodenstück aus schlimmen Zeiten. Vielmehr lesen wir ein hochkomplexes Werk über Traum und Wirklichkeit, Wahn und Weisheit, über Idealismus und Narretei, in dessen Fokus eben jener Don Quijote, der Ritter von der traurigen Gestalt, gestellt wird. Dieser „Held“ ist eigentlich ein manischer Büchernarr, der beginnt, eine Geschichte zu leben. Er steigert sich in Fantasien, ist später gleichwohl in der Lage, sein Tun zu reflektieren. Seine Abenteuer – stets ihm zur Seite der getreue Knappe Sancho Pansa – sind Parodie auf die zu Cervantes’ Zeit beliebten Ritterromane. Doch neben aller Komik steckt das Buch voller Melancholie.

Diese Komplexität auf die Bühne zu bringen, entspricht einem, gelinde gesagt, gewagten Unterfangen. Die Gefahr ist groß, der Fantasie des Autors (und des Lesers) nicht gerecht zu werden, mit Bildern, die ins Plakative abgleiten, und einer Textauswahl, die sich an den üblichen Höhepunkten (Stichwort: Kampf gegen Windmühlen) entlang hangelt. Allerdings haben viele Häuser in den letzten Jahren immer weniger Skrupel gezeigt, Romane oder Novellen der Weltliteratur ins dramaturgisch möglichst wohlgeformte Korsett zu stecken. Dementsprechend hat sich nun das Theater Oberhausen mutig in das Abenteuer Don Quijote gestürzt. Thomas Fiedler realisiert das Stück „nach“ Cervantes als mechanisches Welttheater, verfeinert durch eine vielfältige Musik- und Geräuschkulisse. Die deutsche Fassung dieser Uraufführung stammt von Susanne Lange.

Das Werk, auf zwei (!) Stunden zusammengeschmolzen, beginnt hier als Erzähltheater auf ziemlich enger Bühne, gewinnt aber bald an Tiefe durch Elemente des Schattenspiels. Schließlich ist es Don Quijote selbst, der die hintere Wand, im Fachjargon Durchbruchsprospekt genannt, eindrückt und den Blick freigibt aufs große Abenteuerfeld. Hier kämpft der Ritter, marschieren Gespenster, bahnt sich eine lärmende Theatertruppe den Weg. Mittendrin der skurrile, trotzige, traurige Held, begleitet von Sancho Pansa, umgeben von Kreuz und verdorrtem Baum, Pferdekopf und Podest. Beständig zaubert die Drehbühne neue Perspektiven herbei, im Dienste der Illusion, während Thomas Fiedler, der zugleich Regie führt, die Ebene des Realen vorn belässt. Dort sitzen die Musiker Anton Berman (Keyboards, Flöte) und Nico Stallmann (Schlagzeug), die ebenso lustvoll-präzis aufspielen wie das gesamte Ensemble, das im übrigen die Klaviatur der Geräusche souverän beherrscht.

José Luna hat die Bühnengestaltung und die teils mittelalterlich anmutenden Kostüme erdacht, für das wirkmächtige, zauberhafte Schattenspiel zeichnet die freie Oberhausener Truppe „TheaterPuls“ verantwortlich. Hand in Hand gelingt bildlich eine schöne Aufführung, und auch das Ensemble lässt sich nicht lumpen. In der Titelrolle sorgt Anja Schweitzer mit tief grundierter Stimme für einen stolzen, robusten und nachdenklichen Tonfall. Klaus Zwick gibt den Sancho Pansa als geschwätzigen Diener, der freilich schlau genug ist, die Narreteien seines Herrn zu durchschauen. Janna Horstmann, Torsten Bauer, Thieß Brammer und Peter Waros pendeln in wechselnden Rollen geschickt zwischen realer und fantastischer Ebene des Stücks.

So dürfen wir also kurzweiliges, kompaktes Theater erleben. Aber es bleibt ein trockener Beigeschmack – der des Unvollkommenen, zu Geradlinigen. Manches Stück Weltliteratur ist vielleicht doch besser in unseren Köpfen aufgehoben.