Rausch im Recklinghausen Ruhrfestspiele

Hektik statt Glut

Vorsichtig ertastet der Mann am Klavier eine sanfte Melodie, ein flächiger Streicherklang schiebt sich darüber. Das alles ist nicht frei von Sentiment, soll es wohl auch nicht sein, wenngleich die Szene, die diese Musik begleitet, zunächst ziemlich düster ausschaut. Um genauer zu sein: Das Bild, das sich aus dem Dunkel schält, trägt reichlich morbide Züge. Wir gewahren Grabsteine, hinten sitzt ein Kind, mit Blumen spielend, vorn steht stumm und ergeben die Mutter. Um die Szene streicht mit langem Rock und Stock der unheimlich wirkende Pfarrer, während eine Friedhofsbesucherin unablässig vor sich hin brabbelt.
Doch dann erwacht das Geschehen gleichsam aus seiner Schwärze, wenn wir erfahren, dass die Mutter auf den Vater des Kindes, ein fünfjähriges Mädchen, wartet. In großer Liebe harrt sie geduldig aus, und schon scheint das Sentimentale gar nicht mehr so fern. Wenn dann aber dieser Maurice, dessen Schicksal hier verhandelt wird in August Strindbergs Stück Rausch, ganz diesseitig hereinplatzt in diesen innigen Moment, sich verbal und körperlich aufbläht, als hektischer „Hoppla, jetzt komm’ ich“-Aufschneider, dann bricht die ganze schöne Atmosphäre in sich zusammen. Und ab sofort regiert Überspanntheit, gespreiztes Gehabe, künstliches statt kunstvolles Reden und Dahergerede. Wohl liegt’s an der Regie, vielleicht aber auch am kaum zu fassenden Werk selbst, dass dieser Theaterabend bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen so kalt daherkommt, so wenig tiefsinnig, spannend schon gar nicht.
Dabei soll es doch ein Krimi sein, aber eben auch ein Fin-de-Siècle-Sujet, als teils philosophisch angehauchtes, dann wieder boulevardeskes Konversationsstück aufbereitet. Ja, Strindberg benutzt für den Rausch wahrhaftig den Begriff Komödie, bezogen besonders auf den Schluss. Andererseits legt der Originaltitel Brott och Brott (Verbrechen und Verbrechen) die Verbindung zu Dostojewski Schuld und Sühne nahe. Allerdings liegen zwischen der dramatischen Wucht des Russen und dem durchkalkulierten Konstrukt des Schweden Welten; zumindest schafft es Festspielchef Frank Hoffmann als Regisseur nicht, diese Distanz zu schmälern. Dazu fehlt den Akteuren auf der Bühne jede rauschhafte Glut. Sie übertünchen dies mit Hektik und einer gehörigen Portion Zynismus, bisweilen garniert mit einer „Alles egal“-Haltung.
Dieser Ansatz aber verkennt, dass Strindberg sein Stück zu allererst als bittere Abrechnung mit dem eigenen, bisherigen Lebensweg verstand. Ein Dasein, das etwa der Regisseur Max Reinhardt als „furchtbares geistiges Ringen“ einer faustischen Natur beschrieb. Strindberg, hin und her geschleudert zwischen Pietismus und Nihilismus, naturwissenschaftlicher Neugier und Okkultismus, war ein rauschhaft Suchender, zugleich litt er an seinen Irrtümern. So konnte er die Ehe verklären (drei Mal war er verheiratet), die er in der Praxis alsbald als Hölle empfand. Strindberg sei verfallen an das Weib und empfinde doch Grauen davor, diagnostizierte Thomas Mann. Und gerade dieser Befund spiegelt sich im Rausch in aller Klarheit.
Worum geht es? Maurice (Robert Stadlober), dem als Dramatiker der große Durchbruch am Theater bevorsteht, liebt Jeanne (Sinja Dieks) und beider Töchterlein Marion (Denise Sophie Scholz). Behauptet er jedenfalls. Doch die Freude über die geglückte Premiere seines neuen Stücks steigert sich in den Rausch einer Champagnerlaune, kulminierend in zügelloser Leidenschaft: Maurice erobert Henriette (Jacqueline Macaulay), die Geliebte seines besten Freundes Adolphe (Maik Solbach), will mit ihr durchbrennen. Wäre da nicht das Kind. In einer ekstatischen Aufwallung wünscht sich Maurice den Tod der kleinen Marion. Der Horror: Am nächsten Tag stirbt das Mädchen.
Schuldfragen werden gestellt und solche über das Gewissen. Der über die Bühne hetzende Pfarrer (Wolfram Koch), ein Nervenbündel, als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her, bringt Gott ins Spiel. Im Zweifel aber beruhigt ein Schnaps bei Madame Cathérine (Christiane Rausch) die Gemüter. Alles scheint sich zum großen Wahn zu steigern, doch die Regie spult eigentlich nur die große aufgesetzte Hysterie ab. Ganz selten aber gelingen intensive Momente: Wenn sich alle als angstvoll verknäulte Gruppe gegen Maurice stellen, oder wenn die wunderbare Maria Gräfe als einfache Kellnerin das große Paris erträumt, das von der Liebe singt. Letztendlich stellt sich heraus, dass das Mädchen einer Krankheit erlegen ist. Maurice ist rehabilitiert, die Gesellschaft verlegt sich großmäulig aufs Feiern. Nur Henriette, selbst eines Verbrechens schuldig, bleibt im Abseits.
Strindberg hat dem Ganzen einen irritierenden, „komödienhaften“ Schluss aufgesetzt, der in Frank Hoffmanns Deutung klingt wie die Ansage eines selbstverliebten TV-Showmasters. Maurice will erst in die Kirche und dann wieder ins Theater gehen. Zuletzt Adolphe: „Gut gelöst, Herr Maurice!“. Mag sein, dass der Autor diesem französischen Salondrama nicht allzu viel Tiefe gönnen wollte, doch so recht scheint er im Genre des Leichten nicht zu Hause. Die Regie ist es noch weit weniger. Das Publikum sitzt geduldig, der Applaus ist mehr beflissen denn begeistert.