Keep the wolf from the door im Düsseldorf, Forum Freies Theater

Das schrecklich schöne Gehirn

Mitten im Saal stehen große Tische zu einer Tafel zusammengeschoben, die später sowohl als Tisch als auch als Spielfläche genutzt werden kann. Die Zuschauer sitzen U-förmig darum herum und sind so nahe am Geschehen. Ein Mann mit Laptop setzt sich an ein Ende des Tisches und beginnt zu schreiben und dabei halblaut vor sich hin zu sprechen. Wir erfahren, worum es gehen wird: Der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgard (Martin Kloepfer) bittet in seiner Mail den berühmten englischen Hirnchirurgen Henry Marsh (Kornelius Heidebrecht), eine Gehirnoperation beobachten zu dürfen, bei der der Patient bei vollem Bewusstsein bleibt. Die Zusage erfolgt postwendend. Man wird sich in Albanien treffen, wo der Neurochirurg zwei Eingriffe plant.

Während der Schriftsteller verschwindet, klingt Klaviermusik durch die geöffnete Flügeltür aus dem Nachbarraum. Dann sind wir in Tirana, die Tische werden zur Bühne, auf dem Plateau trifft Knausgard seinen Übersetzer (Oleg Zhukov), der uns durch das Stück begleiten wird und eine Art Erzählerpart übernimmt, indem er Gespräche, die oft nur musikalisch geführt werden, versprachlicht.

Schon bald kommt Dr. Marsh dazu, ein kleiner, leicht gebeugter Mann in den Sechzigern, leise und bescheiden berichtet er von seiner Arbeit, erklärt, warum es so wichtig sei, dass der Patient bei Bewusstsein bleibt. Der Schriftsteller will wissen, ob es stimmt, dass der Arzt nach der lebensrettenden Gehirnoperation seines Sohnes zum Neurochirurgen wurde, doch die Antwort ist unbestimmt: „Vielleicht, vielleicht nicht. Man weiß es nicht.“ Und: “What I do keeps the wolf from the door.” Seine Arbeit gibt dem Leben seinen Sinn, hält Hoffnungslosigkeit und Trostlosigkeit, Groll und Sinnlosigkeit außen vor. “The wolf is the truth.” Doch die Wahrheit ist es, was er sucht.

Die Tische werden verschoben, auf einem steht jetzt ein Cembalo. Während von draußen wieder laute Klaviermusik ertönt, setzt sich der erste Patient ans Cembalo und beantwortet die Fragen des Arztes mit Tönen des Instrumentes. Der Übersetzer vermittelt: er ist Maurer, dreißig Jahre alt und brach bei der Arbeit am Bau zusammen. Auf der Bühne werden weiße Gaze-Vorhänge zu einer Kammer um die Personengruppe herum gezogen, so dass wir nur noch Schemen erkennen. Der Schriftsteller berichtet, was in der Kammer geschieht. Es wird gesägt, geschnitten, dann liegt das Gehirn frei: eine Landschaft tut sich vor ihm auf, er fühlt sich ans andere Ende des Universums versetzt, er sieht einen weiß-gleißenden Gletscher von roten Wellen überflutet. Dazu sphärische Musik, ein Wimmern und Singen, Surren, Scharren und Dröhnen, und monotone elektronische Klänge aus einem Theremin.

Dann abrupt: Pause. Der Professor braucht eine Unterbrechung. „Ein Tisch ist bestellt“, ruft der Übersetzter und lädt uns alle in den Nachbarraum ein, zu Wein und Wasser, Brot und Käse. Eine tolle Überraschung: Spiel und Realität werden eins.

Dann geht es weiter, die Gaze-Vorhänge bilden kreuzförmige Gänge; zu lautem Geheul und Donnerschlägen erscheinen ein Clown und ein Jongleur, ein Tanzbär in Menschengröße umrundet die Spielfläche, dazu grelles farbiges Licht. Das Ganze nur eine kurze Zirkusszene.

Darauf folgt eine Alltagsszene im Haus des Schriftstellers, ein kurzer Ehekrach, Kindergeschrei.

Szenenwechsel: Die zweite Operation. Genoveva (Amanda Matikainen), eine schöne, blonde junge Frau ist dran. Mit metallisch klarer Stimme beginnt sie zu singen, berichtet von ihrem Leiden, dazwischen ertönen Posaunenstöße aus dem Nachbarraum und immer wieder die elektrischen Theremin-Klänge. Diesmal dürfen wir zusehen, wie der Kopf bandagiert wird und wie sie mit den unsinnigen Worten des Schriftstellers „You were very brave“, entlassen wird.

Ein letzter Gesang. Ein Knall. Ende.

Das junge Publikum applaudiert kräftig.

Die Theaterperformance aus Vokal- und Instrumentalkompositionen, aus Bericht und Dialog, wurde inspiriert durch den Essay „The terrible Beauty of Brain-Surgery“ des norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgard in der New York Times vom 3. Januar 2016. Der wiederum beruhte auf der Lektüre der Autobiographie des Neurochirurgen Henry Marsh (geb. 1950) „Do no Harm“, die er 2014 veröffentlichte, ein Jahr bevor er in den Ruhestand trat.

Es gelingt dem deutsch-russisch-ukrainischem Theaterkollektiv subbotnik, im Verweben der unterschiedlichen Ausdrucksformen einen Blick auf einen außerordentlichen Menschen zu werfen und das Geheimnis des menschlichen Hirns für einen Moment aufleuchten zu lassen.

Ein bisschen weniger Aktivität in der Bühnenherrichtung hätte dem Thema dabei gut getan. Völlig unverständlich bleibt der Einschub der Zirkusszenen, die thematisch und dramaturgisch keinerlei Bezug zum Ganzen und auch in der dilettantischen Ausführung keinen Eigenwert hat.