Arsen und Spitzenhäubchen im Köln, Schauspiel

Grotesk hoch drei

Joseph Kesselrings Arsen und Spitzenhäubchen, seit 1941 immer wieder genussvoll gespielt, ist eine Klamotte - daran gibt es kein Vorbei. Wenn man das Stück ansetzt, muss man es lustvoll spielen wollen. In der Kölner Inszenierung von Jan Neumann tut das vor allem der quirlige Stefko Hanushevsky, dem keine Grimasse zu banal, kein Gekreisch zu abstrus, kein Luftsprung oder akrobatische Verdrehung zu anstrengend ist. Wie er nimmermüde durch die pausenlose Zwei-Stunden-Aufführung hindurch jagt, ist eine hochvirtuose Zirkusnummer, die fasziniert und den Zuschauer zu nachgerade schamlosem Lachen zwingt.

Ursprünglich sollte Effzeh! Effzeh!, ein „Fußballoratorium“ von Rainald Grebe uraufgeführt werden, aber es gab krankheitsbedingte Ensembleausfälle. Immerhin: ein Großteil der Schauspieler blieb gesund und agiert jetzt bei Kesselring. Komödiantisch war ja wohl auch das ursprünglich vorgesehene Stück angelegt. Und einen neuen Regisseur fand man in dem Theaterallrounder Jan Neumann, Köln bereits durch Carlswerk und Abschaffung der Nacht bekannt.

Neumann haut voll auf die Pauke, lässt keinen grimassierenden Effekt oder verstolperten Purzelbaum aus. Aber es gibt immer wieder auch subtilere Regiemomente, etwa bei der Mimik von Nikolaus Benda (Abby Brewster), der auch einiges choreografisches Salto mortale in die Aufführung bringt. Beim Schlussapplaus der gesehenen zweiten Aufführung blieb er in seiner Reaktion übrigens seltsam reserviert, während seine KollegInnen unmissverständlich erkennen ließen, dass sie ihre Rollen genossen hatten, Klamauk hin, Klamauk her.

Ob das komödiantische Feuer hinter- und abgründiger hätte ausfallen können und sollen? Bei der erst vor wenigen Tagen erfolgten Stuttgarter Inszenierung von Jan Bosse wurde dies von einer großen Tageszeitung jedenfalls vermisst. Und natürlich kam auch bei der Kölner Aufführung der Gedanke auf, die Ich-Spaltung von Teddy Brewster (er fühlt sich als Theodore Roosevelt) wäre Gelegenheit gewesen, auf den derzeit amtierenden US-Präsidenten anzuspielen. Ob damit aber der Komödie wirklich ein „doppelter Boden“ einzuziehen gewesen wäre? Auch das Schlusskapitel der Werkbetrachtung im Kölner Programmheft verliert sich da im Vagen, begnügt sich mit hochfliegender Rhetorik.

Ist in der teilweise andersgeschlechtlichen Besetzung von Frauen- und Männerpartien eine ironisierende Absicht zu sehen? Wohl auch nicht. Vielmehr steht zu vermuten, dass die vorhandene „Effzeh“-Besetzung nicht einfach komplett ausgetauscht werden konnte und Regisseur Neumann sich an dieser Bedingung sogar inszenatorisch delektierte.

Bei den beiden alten, schrulligen Mörder-Schwestern Abby und Martha Brewster erlebt man durch Nikolaus Benda und Benjamin Höppner eine denkbar gegensätzliche Physiognomie im Vergleich zu Josephine Hull und Jean Adair in dem populären Frank-Capra-Film, der im Uraufführungsjahr des Originalstückes 1941 entstand, aber erst später gezeigt werden durfte, als die erfolgreiche Bühnenserie zu Ende gegangen war. Die beiden gluckenhaften Filmdarstellerinnen sind gänzlich andere Typen als Benda und Höppner, die im Übrigen nicht nur durch ihren Bart entschieden männlicher wirken. Aus diesem Travestie-Spiel rekrutiert sich bei Neumann ein vehement komödiantischer Effekt, wobei Benda mit seinem „Anderssein“ noch wirkungsvoller umgeht als sein Kollege.

Das Geschehen um die zwölf Leichen im Keller der kuriosen Brewster-Ladies dürfte alleine aus dem Film hinreichend genug bekannt sein, als dass es hier noch einmal beschrieben werden müsste. So ist auch Kenntnis über all die schrägen Charaktere vorauszusetzen. Keine erläuternde Worte also über den nach langen Jahren in sein Heimathaus zurückkehrenden Mortimer Brewster, eine Mischung aus Victor Hugos Quasimodo und dem Horrordarsteller Boris Karloff (als der er im Stück mit seinem fehlpantiertem Gesicht immer wieder angesprochen wird). Ein Schuss mehr an grotesker Dämonie hätte Mohamed Achour nicht geschadet, während die hellstimmige Annika Schilling als sein „Operateur“ Einstein herrlich abgehoben wirkt. Eine großartig verrückte Szene hat weiterhin Thomas Brandt als O’Hara, beruflich Polizist, in seinem Herzen jedoch lodernder Krimiautor. Aufgekratzt spielen auch Sophia Burtscher, Birgit Walter, Nicolas Handwerker und Nils Hohenhövel. Viel verquere Tümlichkeit bietet Dorothee Curios Bühnenbild, der Nini von Selzams Kostüme wirkungsvoll zuarbeiten.

Zum Schluss nochmals Lob für Stefko Hanushevsky. Immer herrlich, wenn er losgelassen …