Othello im Globe Theatre Neuss

Zynismus und Bosheit zerfressen die absolute Liebe

Ein hünenhafter Schwarzer, brennend vor Liebe, Hass und schließlich Verzweiflung, prägt den Abend. Neben ihm seine geradezu schmächtig wirkende, zwei Kopf kleinere Gattin und schließlich aus Verzweiflung getötete Geliebte. Zwischen, neben und über ihnen ihr Fleisch gewordenes Verhängnis, ein Brunnen- und Seelen-Vergifter übelster Sorte, strotzend vor zerstörerischer Selbstsicherheit. Es ist ein Trio aus dem Bilderbuch emotional mitreißenden Theaters. Othello (Abraham Popoola), Desdemona (Norah Lopez Holden) und Jago (Mark Lockyer) sind die drei, die alle Facetten menschlicher Gefühle auf eine karge, von allem Unnützen befreite Bühne bringen, von der keiner der 500 Zuschauer auf drei Rängen mehr als 15 Meter entfernt ist. So nahe, dass die Gefühlswelten der Akteure geradezu greifbar scheinen.

Vier Wochen lang: 14 Ensembles aus sechs Ländern

Mit einem theatralischen Knaller, frei von allen inszenatorischen Kinkerlitzchen, zweifelhaften Einfällen und politischer Korrektheit, startete in Neuss am Rhein das 27. und immer noch einzige ernst zu nehmende „Shakespeare-Festival“ Deutschlands. Vier Wochen lang geben hier, auf der kleinen Bühne des „Globe“-Theaters auf der Galopprennbahn der alten Römerstadt am Rhein, 14 Ensembles aus sechs Ländern ihre theatralische Visitenkarte ab. Aus Hongkong wird die exotischste Truppe, das „Tang Shu-Wing“-Theater erwartet – mit einem „Macbeth“.

Richard Twymans packende Regie

Die ganz auf die Sprache und Emotionen, Intrigen und Lügengespinste aufgebaute Othello-Inszenierung des „Tobacco Factory Theatre“ aus Bristol, von Richard Twyman auf die Bühne des 12-eckigen Nachbaus des Shakespeare’schen Londoner „Globe“ gebracht, steht in bester englischer Theatertradition: Zurück zu den Wurzeln, zum Shakespeare seiner Zeit – direkt, zupackend, realistisch, ohne dabei psychologische Feinheiten aus dem Blickfeld zu verlieren oder einzudampfen.

Christin liebt Muslim – Muslim liebt Christin

Nun gut, ein bisschen Neuzeit und ein Aktualisierungshauch müssen wohl sein. So ist der tiefschwarze Held ein Muslim, der einer christlichen Kolonialmacht namens Venedig zum Erfolg verhilft: Die Türken werden unter seiner Heeres-Führung vernichtend geschlagen. Ein Muslim ist der große Held – wenn auch mit einem übergroßen silbernen Kreuz auf der nackten Brust. Zudem ist der „Fremde“ auch noch der von einer Christin, der Venezianerin Desdemona verehrte Geliebte. Die zierliche Frau auf die kraftvollen Arme zu nehmen und, wie zu vermuten ist, zum Bett der Liebe zu tragen, schürt Eifersucht und Neid noch zusätzlich.

Reine und unschuldige Liebe

Es beginnt wie eine Gerichtsverhandlung. Männer in Schwarz, der Alltagskleidung gesichtsloser Macher, sitzen auf Stühlen im Halbkreis. Ein erstes Bild, das, im doppelten Sinne, nach einem Urteil geradezu schreit. Eingebettet in diesen bedrohlich indifferenten Kreis hat Twymans Regie die intime Eheschließung eingefügt, bei der sich Othello und Desdemona, beide jubelnd vor Glück, Liebe und Treue schwören. Es ist die reine, eine ganz und gar unschuldige Liebe. Auf Arabisch gerät Desdemona in Verzückung, er antwortet in derselben Zunge. Dann nimmt er sie auf die Arme und entschwindet mit ihr ins Land des vermeintlichen Glücks. Damit beginnt aber auch der Weg ins Verderben und schließlich der in den Tod.

Glänzend ekelhafter Jago

Wie Mark Lockyers Jago Othellos Eifersucht schürt, ihn immer weiter ins Netz des Misstrauens lockt, bis der ihm naiv vertrauende und arglose Held immer weiter ins Verderben driftet und am Ende, völlig verwirrt, die Geliebte unter Tränen und Liebesschwüren tötet: Diese ebenso rasant direkte wie sensibel-zärtliche Inszenierung ist aller Ehren wert. Eine geradezu ideale Balance von Regie und mitreißend agierenden Schauspielern kann nur begeistern.

Vom Parkett bis in den Globe-Olymp: Begeisterung

Nach gut drei Stunden Spannung und Emotion, die sich offenbar auf die 500 Zuschauer direkt übertrugen, gab es Jubel und verdienten Beifall vom Parkett bis hinauf in die steilen Ränge des Neusser Theater-Olymps, dem „Globe“ am Rhein.