Hool im Recklinghausen Ruhrfestspiele

Die Musik spielt die Rolle des Adrenalins

Heiko, bist du noch da?“, klingt es aus den Lautsprechern. Immer wieder, in permanenter Wiederholung: „Heiko, bist du noch da?“. Das bleibt im Kopf, und das nervt. So wie es gesprochen und wiederholt wird, versteht man, dass Heiko irgendwann ausrasten muss. Es ist ein kleines, psychologisches Detail in einer überzeigenden Inszenierung, das vermutlich nur wenige Zuschauer zu diesem frühen Zeitpunkt des Abends deuten können. Vielleicht muss man dazu Philipp Winklers Roman gelesen haben.
Alle sind Heiko. Heiko ist immer der im gestreiften Kapuzenpulli, und das ist mal eine(r) der fünf Schauspieler(innen), das sind mal drei oder vier, und das sind mal alle. Heiko ist ein Hooligan – ein sogenannter „Fan“ von Hannover 96, und zwar einer von denen, die längst nicht mehr zum Fußball gehen, um ein spannendes Spiel zu sehen, sondern einer von denen, die sich schlagen wollen. Hooligans sind immer eine Gruppe. „I am legion“ sei der Leitgedanke bei der Mehrfachbesetzung der Figur des Heiko gewesen, sagt der Regisseur Lars-Ole Walburg.
„Legion heiße ich, denn wir sind unser viele“, heißt es im Markus-Evangelium. Etwas Religiöses hat die Fußball-Begeisterung ja auch, aber nicht alle religiösen Fußball-Riten haben etwas mit Hooliganismus zu tun. Hooligans finden Halt in einer Gemeinschaft, die sich durch für den Außenstehenden sinnlose brutale Schlägereien und kriminelle Aktionen Respekt zu verschaffen glaubt. Vordergründig hat das mit ihrem verqueren Verständnis von Patriotismus zu tun. Letztlich geht es aber wohl um Adrenalin-Ausstoß, um die Möglichkeit, sich selbst zu spüren und für wichtig zu halten. Es geht um Kampf – und zwar, wie wir bei Philipp Winkler schnell erkennen werden, nicht um Kampf im Sinne der Kampfbahn Rote Erde oder den Kampf bei Kampfsportarten, sondern um einen Überlebenskampf. Um einen Kampf gegen die eigenen Minderwertigkeitskomplexe oder einen Kampf gegen die vergebliche Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung. Liebe und Anerkennung wurden dem Hooligan Heiko nie zuteil. Philipp Winklers Roman erhielt im Jahre 2016 den Aspekte-Literaturpreis für das beste literarische Debüt des Jahres und schaffte es im gleichen Jahr auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Winkler hat, so sagt man, den ersten Hooligan-Roman deutscher Sprache geschrieben. Doch genau genommen geht es im Roman gar nicht um Fußball, sondern um einen Charakter aus einer zerrütteten Familie, der immer wieder Verluste und Abweisung erlebt, dessen Hoffnungen enttäuscht werden und dessen Sehnsucht nach Liebe unerfüllt bleibt. Das gesellschaftliche Phänomen ist für Winkler zweitrangig – und das fußballerische sowieso. Wenn alle Heiko sind, zeigt das auch die verschiedenen Schichten von Heikos Persönlichkeit auf. Denn der hat auch eine empfindsame Seite. Auf seine Weise verfügt er sogar über ein gutes Maß an Verantwortungsbewusstsein.
Lars-Ole Walburg hat Winklers Roman für das Schauspiel Hannover und die Ruhrfestspiele Recklinghausen überzeugend, wenn auch ein wenig zu lang auf die Bühne gebracht. Die brutalen Prügelszenen des Romans bringt der Regisseur schwungvoll, aber eher stilisiert auf die Bühne. Er lässt die Geschichte in einem Tonstudio spielen, in dem angeblich eine Dokumentation über den Hooliganismus aufgezeichnet wird. Matthias Meyer ist der Tontechniker, der Beginn und Ende der „Aufzeichnung“ ansagt und ansonsten für die wirkungsvolle Musik des Abends verantwortlich zeichnet. Chorische Szenen verleihen der Aufführung Wucht, ermöglichen aber auch Distanz: Wut und Wucht können ohne körperliche Gewalt dargestellt werden. Wie das funktioniert, lässt sich gleich in der ersten Szene beobachten: Ein explosionsartiges Geräusch ist der Auftakt für den – selbstverständlich verabredeten – Kampf der Hannoveraner Hooligan-Gruppe gegen die Kölner. Untermalt von Meyers Soundtrack, wird die Prügelei suggestiv geschildert, aber eher langsam, manchmal fast zeitlupenartig gesprochen. Das ist eindrucksvoller als wenn getobt, gebrüllt und geschrien würde – die Szene entwickelt das unheimliche Fluidum eines Horrorfilms. Solche Techniken wendet die Inszenierung wiederholt an: Auch eine Schlägerei mit Neonazis im Büro von Heikos Onkel wird mit leicht verlangsamter Bewegung und Sprache dargestellt, während die Musik bedrohlich anschwillt. Als Heiko von seinem Onkel gezwungen wird, sich bei einer Gruppe von Hooligans des Erzfeinds Eintracht Braunschweig zu entschuldigen, ist es erneut, als spiele die Musik die Rolle des Adrenalins.
Die akustische Gestaltung der Inszenierung ist eine Wucht. Schließt man die Augen, geht einem der Schrecken des Gehörten massiv unter die Haut. Öffnet man die Augen, erlebt man manchmal die Schwäche der Inszenierung: Die Jungs und Mädels auf der Bühne sind einen Tick zu nett, um den teilweise brutal harten, intensiven Schilderungen des Romans jederzeit Paroli bieten zu können. Aber schließlich kommen in Winklers Roman wie im richtigen Leben die Hooligans nicht nur aus dem Prekariat: In Heikos Gruppe befinden sich Studenten und vielversprechende Jugend-Trainer. So ist es nur konsequent, dass einer nach dem anderen aus der Szene aussteigt – wegen des Jobs, wegen der Familie, wegen einer beim besoffenen Stadionkampf erlittenen lebensgefährlichen Verletzung. Nur Heiko verzweifelt an den abtrünnigen Kumpels und hält an der Hooligan-Szene fest: stur, starrsinnig, mit falsch verstandenem Stolz. Weil er sich als Loser fühlt. Weil er sich aus der zerrütteten Familie, zu der immer noch Reste einer verschütteten Zuneigung zu erkennen sind, verabschiedet hat. Weil er über keinerlei Ideen und Initiativen zur Gestaltung seiner Zukunft und folglich auch über ein angeknackstes Selbstbewusstsein verfügt. Wird der keineswegs unintelligente, keineswegs verantwortungslose Heiko ein Loser bleiben? Roman und Inszenierung lassen es offen.
Auch wenn die Jungs und Mädels manchmal etwas zu „nett“ wirken, erleben wir eine überzeugende Ensemble-Leistung. Permanent müssen die fünf Schauspieler die Rollen wechseln. Daniel Nerlich gibt Heikos Onkel Axel überzeugend als das fiese, prollig-arrogante Arschloch, das den Jungen zunächst auf die schiefe Bahn gebracht hat, dessen Vorbildfunktion für Heiko aber kaum merklich zu bröckeln beginnt. Carolin Haupt verkörpert oft Heikos weiche Seiten, sorgt als Joel in ihrer Freude über den Trainer-Job bei der H96-Jugend für einen der Lichtblicke in der düsteren Combo und ist eine bisweilen durchaus anrührende Manuela. Die Schwester Heikos kämpft – wiewohl manchmal mit falschen Mitteln – vergeblich um den Erhalt eines letzten Rests an Familienleben. Exzellent gelingt die Darstellung von Heikos nach beruflichen und privaten Misserfolgen in den Suff abgedrifteten Vaters. Und großes Kino ist Robert Schweers multifunktionales Bühnenbild, das durch einfache Drehung mal zum Tonstudio, mal zur Wohnung oder Terrasse, mal zum „Büro“ oder Partyraum mutiert und sich teilweise nur durch Anhängen eines Möbelstücks an das Gestänge der Konstruktion verwandelt. Zuvörderst ist diese Konstruktion aber das Stadion: die Rückseite des Hannoveraner Fan-Blocks H 31. Die Rückseite des Blocks, in dem auch die dunklen Seiten der fröhlichen Fankultur blühen.
Mit zwei höchst suggestiven Szenen scheint die Aufführung nach gut zwei Stunden zu Ende zu gehen. Chorisch wird die apokalyptische Szene im Haus von Heikos Vermieter Armin geschildert, einem Veranstalter verbotener Tierkämpfe, der sich zuletzt sogar einen Tiger zugelegt hat. Und furchtbar ist der Showdown mit der Hooligan-Gruppe aus Braunschweig. Man wünscht sich, hier wäre die Aufführung zu Ende gewesen. Doch wie im Roman wird noch die Geschichte von Heikos Initiation als Hannover-Fan angefügt. Es ist sein erster Stadionbesuch mit Onkel Axel. Heiko ist noch ein Kind, und er erlebt seinen Onkel ganz anders als er ihn von zu Hause kennt. Die Szene wirkt wie ein überflüssiger Appendix. Vor allem hat sie die falsche Atmosphäre. Sie hat den Geschmack von Freiheit und Abenteuer. Dabei hat Onkel Axel in diesem Moment die Grundlagen gelegt für eine Hooligan-Karriere, in der sich Heiko mehr und mehr verrennt.