Wut im Mülheim, Theater an der Ruhr

„In der Wut gibt es keinen Zweifel.“ (Jelinek)

Elfriede Jelineks Text Wut entstand als Reaktion auf die Terroranschläge vom Januar 2015 auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und auf einen jüdischen Supermarkt in Paris. Darüber hinaus bezeichnet Jelinek Wut generell als „etwas, das einen überschwemmt, und gegen das man sich nicht wehren kann“. Ihr Text ist eine über die brutalen Vorfälle in Paris hinausgehende Anspielung auf Ungeheuerlichkeiten, die geschehen sind. Sowohl im alten Mythos des Herakles, wie auch in zahlreichen Kriegsgeschehen - sei es im Hitler-Deutschland, sei es im Völkermord in Ruanda, sei es in zahlreichen terroristischen Anschlägen. Wie erst kürzlich in London.

Elfriede Jelinek hat wie immer eine Textfläche geschaffen, einen schier endlos erscheinenden Text ohne Rollen- oder Szenenzuordnungen. Auch wenn dieser Sprachteppich vor zwei Jahren entstand: angesichts der neuesten Entwicklung ist er aktueller denn je.

Nicolas Stemann, bekannt als Jelinek-Spezialist, schaffte auf dieser Textgrundlage einen zunächst fast chaotisch wirkenden Abend, der den Zuschauer aber immer mehr in seinen Bann zieht und einen magischen Sog entwickelt. Chorisches Sprechen, Leseproben, zahlreiche Textwiederholungen (typisch für Jelinek), großartige Soloauftritte einzelner Mitglieder des exzellenten Ensembles der Münchner Kammerspiele (Zeynep Bozbay, Thomas Hauser, Jelena Kuljic, Daniel Lommatzsch, Annette Paulmann, Julia Riedler, Franz Rogowski), immer wieder Videoeinspielungen und Selfie-Aufnahmen - ein Feuerwerk an nicht immer, aber oft zündenden Ideen, die Jelineks Assoziationen zu Wut - einem nicht unbedingt reflektierten, aber fast immer zerstörerischem Zustand - bebildern. Stemann selbst lässt es sich nicht nehmen mitzuspielen. Mal greift er zum Pinsel und schreibt mit roter Farbe auf eine Leinwand „Schuld“, auf eine zweite „Wir sind schuld“. Dann greift er auch mal zur Gitarre. Mit auf der Bühne sind dabei seine Musiker Thomas Kürstner und Sebastian Vogel.

Wir erleben eine hervorragende Julia Riedler, die einen köstlichen Soloauftritt hat, in dem sie eine Regisseurin, eine Schauspielerin und Elfriede Jelinek im Gespräch darstellt. Wobei Jelinek in breitem österreichischen Dialekt sagt: „Sie wollen das Innerste des Menschen von mir, aber wie soll ich das kennen?“ Clownsauftritte wechseln ab mit einer Götterparty, zu der ein charmant plaudernder Jesus eingeladen hat. Es kommen Zeus mit einem Blitz aus Pappe, ein vierarmiger Ganesha, ein äußerst dicker Buddha, der Weihnachtsmann und das „Spaghetti-Monster“. Jeder erzählt, was er gut kann, zum Beispiel zeigt Jesus seinen Trick, wie er übers Wasser geht. Eine Frau rast vor Wut, als sie vom Doppelleben ihres Mannes erfährt. Thomas Hauser verliest im Stil eines Nachrichtensprechers einen Bericht über eine friedliche Demonstration von Algeriern am 17. Oktober 1961 in Paris, die mit höchster Genehmigung von der Polizei brutal niedergeschlagen wurde. Hunderte von Menschen wurden erschlagen oder „lebend in Säcke gesteckt und in die Seine geworfen“, so Stemann. „Diese Vorfälle wurden über viele Jahrzehnte totgeschwiegen.“ Denkbar, dass es einen Zusammenhang mit der Radikalisierung junger algerischer Männer gibt. Die Attentäter auf die Charlie-Hebdo-Redaktion waren algerischstämmig.

Der Abend, den Stemann als „eine work in progress-Arbeit“ bezeichnet, dauert drei bis vier Stunden. Es gibt keine Pause, wohl aber eine Phase, wo das Licht im Zuschauerraum angeht und man sich Erfrischungen holen darf.

Der Regisseur sieht das Theater als Raum, in dem es im „Idealfall“ gelingt, „Wut und Aggressionen zu einer Kraftquelle zu machen anstatt zu einer Quelle der Zerstörung“. Am Schluss heißt es: „Herr, steh auf, dass nicht Menschen die Oberhand gewinnen. - Schon passiert.“ Und: „Wenn alles tot ist, ist alles gleich.“
Patentlösungen werden nicht geboten. Jeder weist jedem die Schuld zu. „Aber eine Portion Vernunft auf allen Ebenen wäre sicher gut“, so Stemann.