La Cosa im Düsseldorf, Glashalle

Oh, les beaux soirs!

20.35 Uhr. Einlass. Es riecht nicht nach Brot oder Mehl in der ehemaligen Brotfabrik, in der heute gespielt wird, nein, es riecht nach Holz! Nach frisch geschlagenem Holz.

Im Bühnenraum sind tatsächlich riesige Skulpturen aus Holzscheiten aufgebaut: ein etwa zwei Meter hoher Turm, eine grabhügelähnliche Anhäufung, ein riesiger Torbogen und ein mannshoher Holz-Iglu. Alles kunstvoll aufeinandergeschichtet und ineinander verkeilt aus vier Kubikmetern gleichlangen Holzscheiten.

Und dann, beim ruhigen Hinsehen, entdeckt man Lebendiges: aus einer Lücke im Turm schiebt sich eine Hand, dann an anderer Stelle eine zweite, ein surreales Bild, Max Ernst drängt sich auf. „Beim ersten klaren Wort“ ist der Titel des von mir assoziierten Wandbildes in der Düsseldorfer Kunstsammlung, doch zu einem „klaren Wort“ kommt es heute Abend nicht, (oder besser: erst nach der Vorstellung, davon später). Und tatsächlich bedarf diese mitreißende Performance keiner Worte, sie fasziniert und amüsiert, kolportiert und parodiert, verblüfft und erschreckt durch immer neue Bilder, Klänge, durch Spiel und Kampf, durch irre Aktionen voll fraglichem Sinn und Unsinn.

Doch nicht nur der Turm gibt Lebenszeichen, auch die anderen Skulpturen verbergen offenbar menschliche Wesen. So liegt unter dem „Grabhügel“ ein Mann, vom Hals bis zu den Zehen überwölbt von Holzscheiten; und aus dem Iglu-Haufen ragt ein Kopf heraus. Man kann es erkennen, das Beckett-Zitat, man muss es aber nicht. Auch ohne Winnie-Assoziation ist das Bild – diese hilflose Absurdität des Restmenschen in Gefangenschaft – grotesk und komisch zugleich.

Langsam beginnen sich die Figuren zu bewegen, die Gefüge beben, da rüttelt etwas, da schwankt etwas, und dann fliegen Holzscheite über die Bühne, in kurzen oder weiten Bögen, polternd und krachend. Doch das Ganze keineswegs zufällig oder gar wahllos, vielmehr finden sich die Befreiungsaktionen zu einem rhythmischen Spiel zusammen, zu einem Tanz der Klötze, vielleicht aber auch zu einem Kampf zwischen Mensch und Natur. Und inmitten der polternden Scheite bewegt sich plötzlich der „Grabhügel“ vorwärts, wird zum Riesen-Käfer, wird von den Brocken der krachend einstürzenden Großskulpturen verschüttet. Zwei Menschen haben sich befreit, große, schöne Männer, sie beginnen ein akrobatisches Treiben um den „Käfer“, springen über und auf ihn. Ist es Spiel oder Quälerei? Kunst oder Kampf? Das Publikum wechselt zwischen Erschrecken und Lachen. (Einige scheinen einen Lachsack bei sich zu tragen, so permanent amüsiert sind sie.) Irgendwann sind alle befreit: vier Männer, sportlich, kraftvoll, gutgelaunt. Sie klopfen den Holzstaub von ihren eleganten Business-Anzügen, schauen aus, als wollten sie zu ihrem Versicherungs-Job aufbrechen: jetzt sind wir bei Kafka angekommen. Die Männer mustern einander, nehmen Kontakt auf, Ruhe kehrt ein, bevor in die kafkaeske Szene ein ohrenbetäubendes Getöse einbricht: tierisches Gebrüll, Gepolter, durchtrainiertes Raufen. Dazwischen Affenimitationen, Pantomimen, waghalsige Kletter- und Balanciereinlagen. Man baut kunstvolle Türme und reißt sie genüsslich ein, genießt den Crash. Man wird verschüttet und befreit, immer wieder von vorn, immer wieder neu, bis an die Grenze der physischen Kräfte. Und das alles mit äußerster Präzision, alles akribisch durchkomponiert: die Logik des Unlogischen, die Realität des Irrealen. Fasziniert verfolgen wir die grotesken Rituale der Unsinnigkeit, die Komik der Absurdität - mit Lachen und Staunen.

Die Vier begegnen sich, umarmen sich. Dann folgt der absolute Kraftakt. Sie räumen die Vorderbühne frei, holen vier riesige Äxte und vier überkniehohe Baumstämme, alle von etwa gleichem Durchmesser. (Sie wurden von der Festivalleitung im Düsseldorfer Forst besorgt, was gar nicht so einfach war.) Ein wahnsinniger Holz-Spalter-Tanz beginnt: die riesigen Klötze werden gehackt, geschwungen, geschleift, geschlagen und am Ende tatsächlich gespalten, gevierteilt. Und als wäre das noch nicht genug, rollen die Männer zum Schluss einen mächtigen, etwa vier Meter langen Buchenstamm in die Halle und hacken mit den Äxten eine rhythmische Klangkomposition darauf, sodass die Späne fliegen – bis ins Publikum.

Das will applaudieren, will diese vier Künstler bejubeln, die alles zugleich sind: Schauspieler, Akrobaten, Tänzer, Jongleure, Pantomimen und Illusionisten. Begeistert stehen alle auf, klatschen, trampeln und rufen, doch der Maestro Claudio Stellato gebietet Ruhe. Er, der gelernte Schauspieler, Jazzmusiker und Zirkuskünstler, bittet die Zuschauer, ihre Eindrücke aufzuzeichnen. Papier und Stifte werden am Bühnenrand ausgelegt, und wer nicht zeichnen will, der soll bitteschön helfen, das Holz einzuladen: das sei ein Geschenk, den Künstlern so nahe zu sein, so teilzuhaben am Geschehen. Man geht gern ein auf seine Ironie und macht mit. Am Ende also alles ganz realistisch.

Ich packe Beckett und Kafka in ein Bild: über dem Buckel des Käfers schaut Stellatos (oder doch Winnies?) Kopf hervor. Unterdessen werden die Holzscheite auf Wagen gestapelt. Vermutlich machte Holz-Aufschichten selten solchen Spaß!

(Die Kunstperformance wurde 2016 beim „Prix de la Critique Théatre et Danse“ von belgischen Kulturjournalisten als bestes Stück in der Kategorie Cirque Nouveau ausgezeichnet.)