Der futurologische Kongress im Dortmund, Schauspielhaus

Mit Trash und Trickfilm in die Pharmakokratie

Sterne sind überall. Ijon Tichy, der Held von Stanislaw Lems bereits im Jahre 1971 in Polen erschienenem Science-Fiction-Roman, ist schließlich Raumfahrer. Das Setting könnte der Kommandostand eines Weltraumbahnhofs sein: Ein Flugzeug, ein Globus, Antennen, Satelliten, eine Abschussrampe beherrschen das Bühnenbild. Im Halbkreis angeordnete Tische sind scheinbar für die Weltraumfluglotsen bestimmt, werden aber tatsächlich von den Schauspielern für die Bedienung der umfangreichen Technik der Aufführung genutzt. Filmmusik erklingt, ein Vorspann läuft wie zu einer dramatischen, vielleicht auch kitschigen US-Fernsehserie – „starring Ijon Tichy“. Doch der wird erstmal nach Costricana strafversetzt. Im dortigen Hilton Hotel findet der futurologische Kongress statt. Unter bürgerkriegsähnlichen Umständen wird Tichy in die Zukunft gebeamt.

Lems sprachschöpferische Science-Fiction-Groteske beschreibt eine furchteinflößende Dystopie. Der 46 Jahre alte Roman hat wie so viele Werke der Science-Fiction-Literatur einerseits überraschend hellsichtige Prognosen gestellt, anderseits aber auch manche technische Entwicklungen nicht vorausgesehen. Wichtig aber erscheint die Grundierung der Dystopie in Lems Roman: Der Untergang der zivilisierten Welt, den die Big Brother-Regierung einer „Pharmakokratie“ durch massiven Einsatz von Psychopharmaka und bewusstseinsverändernden Mitteln verschleiert, ist im Wesentlichen auf das Problem der Überbevölkerung zurückzuführen. Diese führt zu einer Ernährungskrise, zu Armut und sogar zu einem massiven Rückgang von Industrialisierung und Wachstum. „Benignatoren“, pharmazeutische Erzeugnisse, die in Luft und Leitungswasser enthalten sind, verhindern, dass die Menschen wahrnehmen, in was für einer Welt sie leben und welche Lasten sie in physischer wie in psychischer Hinsicht tragen müssen. Dank dieser Benignatoren glauben die Menschen sogar, in einer ungeheuer technisierten, luxuriösen und konfliktfreien Umgebung zu leben. Die „Psivilisation“ hat vordergründig für den Weltfrieden gesorgt. Nur dank seines Freundes, des Schweizer Futurologen Professor Trottelreiner, gelingt es Tichy, hinter die Kulissen der totalitären Chemo- und Pharmakokratie zu schauen. Tatsächlich werden die Menschen manipuliert von einem totalitären Machtapparat und von völlig gleichgeschalteten, kritiklosen, intellektuell flachen Medien. Lems Roman, entstanden in den letzten Jahren der repressiven Diktatur des polnischen Regierungschefs Wladyslaw Gomulka, der kurz vor Erscheinen des Buches von seinen eigenen Parteifreunden gestürzt wurde, muss also auch gelesen werden als Schlüsselroman über die Funktionsweise totalitärer Macht- und Propagandapolitik. Dass Lem seine dystopische Politkritik in eine oftmals witzige, ironisch übertriebene Form kleidete, diente wohl der Überwindung der polnischen Zensur.

Am Schauspiel Dortmund hat nun das aus den Medienkünstlern und Designern Malte Jehmlich, Nicolai Skopalik und Nils Voges bestehende Künstlerkollektiv sputnik die Romanhandlung in eine hybride Form aus Live-Animationsfilm und Schauspiel gegossen. Das ist technisch hochanspruchsvoll und verlangt den Schauspielern und dem Live-Musiker T. D. Finck von Finckenstein höchste Konzentration ab. Was allerdings von Stanislaw Lems Roman übrig bleibt, sind vorwiegend die Komik und die Phantasie bei der Umsetzung des Stoffes. Vom Überbevölkerungsproblem als Auslöser allen Übels erfahren wir nichts; die schauerlichen Entdeckungen der tatsächlichen Lebens- und Umweltbedingungen, die Tichy im Zukunftsstaat macht, gehen häufig im Klamauk unter. Nur der von Uwe Schmieder gespielte Symington, Tichys früherer Vorgesetzter, der im Zukunftsstaat zum Weltpräsidenten befördert wurde, verkörpert auf eine trashige Art noch die Bedrohung durch den totalitären Herrscher. Stattdessen konzentriert sich die Dortmunder Aufführung auf das Verschwimmen von Raum und Zeit, von Fälschung und Wahrheit, von Identität und Persönlichkeit. Schon der Kongress, den Tichy in Costricana besucht, findet vollständig im virtuellen Raum statt; spätestens nach dem Aufwachen aus dem jahrhundertelangen Kälteschlaf, in den der Forscher nach einem tödlichen Bombenanschlag versetzt wird, werden Raum und Zeit, Identität und Wahrheit vage und diffus. Tichy – eigentlich dargestellt durch Frank Genser - erwacht (wie im Roman) zunächst im Körper einer Frau (Marlena Keil); irgendwann nimmt Professor Trottelreiner (ebenfalls Uwe Schmieder) den Körper von Ijon Tichy an, und wenn der Computer spinnt, kann der Forscher auch einmal zur süßen gelben Ratte mutieren.  

Die Inszenierung folgt in weiten Teilen dem Roman von Stanislaw Lem und fügt behutsame Aktualisierungen ein. Tichy dockt zu Beginn an der Internationalen Raumstation ISS an; der Kongress in Costricana ist der G20-Gipfel, der durch bürgerkriegsähnliche Terrorangriffe bedroht wird (wie hellsichtig schaut auch die Dortmunder Inszenierung in die nahe Zukunft!); die Erläuterung der Pharmakokratie mit ihrem Einsatz von halluzinatorischen oder bewusstseinsverändernden Drogen wie Erotosol und Furiasol, Schmusium und Aggressium nimmt explizit Bezug auf im Vietnam- und im Irak-Krieg von den Amerikanern eingesetzte Amphetamine, die als „Go-Pillen“ bezeichnet wurden. Insofern lässt sich dem Schauspiel Dortmund nicht vorwerfen, dass es keine relevanten politischen Aussagen zu treffen versucht. Doch setzen sich diese Motive in dem Tohuwabohu, das die Inszenierung entfacht, nicht durch. Nils Voges und sein sputnic-Team lassen mit Hilfe von circa 120 von den Illustratorinnen Julia Zeijn, Elena Minaeva und Carolyn Perez Hemphill phantasievoll gestalteten Animationsplatten einen Animationsfilm drehen, der von den Schauspielern live auf der Bühne animiert, geschnitten, gesprochen und vertont wird. Trickfilm, Schauspiel und Figurentheater arbeiten Hand in Hand, und es ist eine Weile interessant, den scheinbaren Widerspruch zwischen der hochtechnisierten Anmutung von Bühnenbild und Forscherlabor sowie andererseits der vermeintlich einfachen, gebastelten Comic-Ästhetik zu beobachten. Doch eben diese trashige Comic-Ästhetik, die durch das überzogene Spiel der Schauspieler und das Sounddesign verstärkt wird, nimmt der politischen Aussage jeden Biss und schadet der Verständlichkeit des Plots. Inszenatorische Feinmotorik bleibt – wohl bewusst – auf der Strecke. Selbst wenn im Zukunftsstaat, also nach dem Aufwachen Tichys aus dem Kälteschlaf, der Schwerpunkt der Inszenierung wieder auf das klassische Schauspiel anstelle des Animationsfilms gelegt wird und zumindest Frank Genser und Friederike Tiefenbacher etwas differenzierter agieren, ändert sich diese Diagnose nicht. „Eine der ästhetischsten Formen eurer Sprache ist das Schweigen. Es gibt der Welt die Poesie zurück“, sagt „Automati“, eine der kleinen Helferlein im Zukunftsstaat. Recht hat sie: Mehr Schweigen hätte der Inszenierung gutgetan.

Wenn am Ende der Weltpräsident ins All entschwebt und Tichy zurückkehrt in die Gegenwart, wenn sich die ganze Pharmakokratie und Psivilisation als Halluzination entpuppt, sagt Frank Genser: „Everything is ok. I’m coming home.“ – Nun ja, not really.