Babylon Im- und Export im Asphalt Festival Düsseldorf

In Justinas Rasta-Salon

Erzählt man einem kulturell interessierten Düsseldorfer, man gehe zum asphalt-Festival, erfolgt nahezu reflexhaft die Rückfrage: „Gibt es dieses Jahr wieder so etwas wie die Büdchen-Tour?“ Die theatralen Bustouren und Fußmärsche des Theaterkollektivs per.Vers sind die Verkaufsschlager bei dem erst im Jahre 2012 gegründeten Sommer-Festival. Mit der legendären „Büdchen-Tour“ erkundete man im Jahre 2014 die Funktion des Kiosks als Kommunikationszentrum und interkulturelle Begegnungsstätte. Im vergangenen Jahr ging es unter Tage: In Düsseldorf Sous-Terrain  marschierte man durch Brachen und Niemandsländer und stieg auf stillgelegten Gleisen in Eisenbahn-Tunnel hinab, um – selbstverständlich nicht ohne Ironie - die Utopie einer Stadt zu entwerfen, in der sich Wohnen, Arbeiten und die persönliche Entfaltung der Bewohner harmonisch vereinen. Die Expeditionen des per.Vers-Kollektivs führen an Orte, die dem gängigen Klischee von der noblen, chic herausgeputzten Schickimicki-Metropole diametral widersprechen. Dennoch wurde sowohl im vergangenen als auch in diesem Jahr mächtig mit den Klischees gespielt.

Babylon Im- und Export knüpft thematisch an die Reise des vergangenen Jahres an. Erneut geht es um die „Stadt der Zukunft“ – und erneut geht es in Regionen, die nicht zu den Feinsten der Stadt gehören. Wir werden Geschäftsleute aus der Bahnhofsgegend besuchen, die in einem Milieu leben, arbeiten und wirtschaften, in dem sich auf engstem Raum Menschen aus mehr als einhundert Nationen zusammengefunden haben. Die Muttersprachen dieser Menschen sorgen dort für eine wahrhaft babylonische Sprachverwirrung. Die Geschäftsleute haben sich um einen Platz in dem neuen multikulturellen „Babelton“ beworben – eben jener „City of Tomorrow“, die die vier etwas esoterisch angehauchten und ziemlich durchgeknallten Stadtplaner, die an diesem Abend unsere Reisebegleiter sein werden, entwerfen wollen. Babelton werde „der Nabel der Welt“, schwärmen sie, und uns schwant schon, dass wir die „längste Theke der Welt“, die heute den volkstümlichen Teil der City ausmacht, bevorzugen werden. In einer Art Casting sollen wir die Händler auswählen, die in der Stadt der Zukunft noch eine Existenzberechtigung haben – und dabei gehe es, wie uns im stickigen Obergeschoss des Festivalzentrums in der Alten Feuerwache bei der Auftaktkonferenz zu unserer Expedition nahegelegt wird, nicht um die Bewahrung der Asche, sondern um das Weitertragen des Feuers.    

Der schöne Satz, der wahlweise auf Thomas Morus, Gustav Mahler, Jean Jaurès oder andere Denkerfürsten zurückgeführt wird und im Theater vor allem als gelungene Zauberformel gegen verkrustete Verteidiger sogenannter Werktreue dient, erweist sich schon als der wertvollste Beitrag der vier Schauspieler an diesem halbwegs unterhaltsamen Abend. Die zerquatschen nämlich jede sich gerade entwickelnde Atmosphäre mit ihrem überdrehten Getue. Vor allem aber unterbrechen sie ständig die oft hochinteressanten, manchmal auch sehr humorvollen Darstellungen der eigentlichen Akteure dieser Reise: der von uns besuchten Geschäftsleute und Ladeninhaber. Die sind nämlich real, und oft ist es überraschend, welche Qualität und welche Originalität im schlecht beleumundeten Düsseldorfer Bahnhofsviertel zu finden ist. Willi Müller residiert in einer der hässlichsten Straßen der Stadt unweit eines sozialen Brennpunkts in einem von der Straße kaum einsehbaren gammeligen Hinterhof. Dort führt er eines der mutmaßlich besten Fahrradgeschäfte Düsseldorfs. Billigangebote suchen Sie dort vergeblich; dafür erhält die Busgemeinschaft eine hochwertige Erläuterung dessen, was bei einem Fahrradkauf zu beachten ist. Stolz nimmt einer unserer Mitreisenden anschließend eine Folie mit den Messergebnissen für die erforderliche „Sitzhöckerbreite“ mit nach Hause – Sattel ist nicht gleich Sattel, liebe Leserinnen und Leser, und Arsch ist nicht gleich Arsch: Der beste Sattel taugt nichts, wenn Sie Ihren Allerwertesten nicht haben messen lassen.

Gleich gegenüber kehrt gute Laune ein: Dort führt Justina ihren „Home of Hair Beauty Salon Rasta“, einen afrikanischen Friseursalon, der auf Rasta-Frisuren, vor allem auf Dreadlocks spezialisiert ist. Justina hat ihre halbe Familie engagiert – Mutter ist eine angebliche Ashanti-Prinzessin aus Ghana, Sohn wird als Haarmodell vorgeführt, und manchmal wird getanzt: „Grooven Sie mit“, lädt Justina ein und schaltet die Musik lauter. Schade, dass der alte Herr, der diese Zeilen schreibt, aus den spärlichen weißen Haaren, die seinen Hubschrauberlandeplatz umranken, keine Rasta-Frisur mehr machen kann: Justina wäre die Friseuse seines Vertrauens. – Die andere Hälfte unserer Fahrgemeinschaft hat zwischenzeitlich die persische Patisserie Radin besucht und schon mal was Schmackhaftes zwischen die Zähne bekommen. Als wir uns im Bus wiedertreffen, herrscht eine völlig andere Atmosphäre als wenige Minuten zuvor: Jeder hat etwas zu erzählen und knüpft Kontakte mit seinem Nachbarn. So darf die Stadt der Zukunft gerne aussehen.

In der Immermannstraße besichtigen wir einen koreanischen Supermarkt, was angesichts von 50 Personen, die sich durch den Laden schieben, von eingeschränktem Vergnügungs- und Informationswert ist; eine ausgefallene Damenmode-Designerin präsentiert uns mit Hilfe eines queeren Models ihre Arbeit; das Ordnungsamt erzählt uns über Kopfhörer, was wir schon immer über die Straßen- und Häuser-Prostitution und ihre Kontrolle wissen wollten, aber nie zu fragen wagten. Nicht alle Besuche sind gleichermaßen gelungen, aber die Besichtigung von Handel und Im- und Export im Düsseldorfer Babylon macht Spaß und ist informativ. Auf der Oststraße treffen wir alte Bekannte und neue Performer wieder: Sie tanzen neben dem Bus her und verblüffen die ahnungslosen Fußgänger, von denen der eine oder andere sogar ein paar Schritte mittanzt. Das ist eine amüsante, sympathische Showeinlage. Überzeugend ist zum Schluss der Besuch in dem alteingesessenen, ehrwürdigen Tabakwaren- und Whisky-Geschäft Linzbach, in dem es erkennbar Spitzenqualität und Spitzen-Beratung in unmittelbarer Nähe des berüchtigten Maghreb-Viertels gibt.

Natürlich begreifen wir, worauf das uns begleitende Schauspieler-Team mit seinen aufgedrehten Zwischenkommentaren auf den im Bus zurückgelegten Strecken hinauswill: In der City of Tomorrow, in die die hoffentlich sehr solventen Reisenden investieren sollen, werden diese Biotope hochwertiger Familienunternehmen nicht mehr überleben. Es geht in der Stadtplanung der Zukunft – insbesondere in reichen Städten wie Düsseldorf – um eine andere Art von Wohlfühlgesellschaft: Nicht von ungefähr weist das Team der Performer darauf hin, dass man durchaus umstrittene hochwertige Bauprojekte wie das in unmittelbarer Umgebung des Hauptbahnhofs geplante neue multifunktionale Stadtquartier „Grand Central“ bei der Entstehung von Babelton einbeziehen möchte. Dann wird es schwierig für Justina, und Willi Müller wird aus seiner Hinterhof-Idylle wohl einen blinkenden modernen Showroom machen müssen. Falls dann irgendjemand noch Cohibas raucht, ist die Firma Linzbach vermutlich durchaus richtig positioniert, aber wahrscheinlich wird die aufkommende Gesundheitsdiktatur ja in Kürze den Genuss von Tabakwaren und Whisky mit Haftstrafen nicht unter fünf Jahren bewehren. Wir verstehen das alles: die Warnung vor der Verdrängung geschäftlicher Biotope, vor der Verdrängung ganzer Bevölkerungsschichten aus der Stadt. Aber zuhören mögen wir den Schauspieler(innen) aus Babelton nicht. Sie nerven mit ihrem unnatürlichen, undifferenzierten, entindividualisierten sprachlichen Singsang, der nicht einmal den RTL-Sprech richtig parodiert, geschweige denn den Ton der Werbung trifft, und sie spielen weder Argumente noch ihre – in anderen Produktionen schon oft akklamierten – schauspielerischen Fähigkeiten aus. Zu entscheiden haben wir am Ende übrigens auch nichts: Die Schauspieler verkünden ein Ergebnis, das in keiner Weise begründet wird. Sie wollen es aufgrund der Messungen unserer Körperströme, zu denen sie uns nach jedem Stopp mit einem metallenen Gerät berührt haben, gefunden haben. Natürlich ist das Ergebnis unbefriedigend – ebenso wie die künstlerische Qualität der Tour. Babylon Im- und Export bleibt eine kreative Stadtbesichtigung, bei der die Kunst nur stört.        

 

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