Ellbogen im Schauspielhaus Düsseldorf

Wenn Flucht in einem Lächeln endet

Was ist echt? Was Traum, was Wunschdenken? Fatma Aydemir, gerade einmal 31, in Karlsruhe geborene türkischstämmige Journalistin, hat mit ihrem unlängst erschienenen Roman-Erstling Ellbogen auch mit solchen Fragen auf sich aufmerksam gemacht. So wirkungsvoll, dass das Theater danach griff - und Düsseldorfs Schauspiel seine Türen für eine Bühnenfassung weit öffnete, erarbeitet von Robert Koall. Wohl nicht ganz unüberlegt: Nach Aischylos‘ Orestie, die am Tag zuvor den Auftakt zur neuen Spielzeit bot und ebenso wie Aydemirs Stück-Text von Fremdsein durchwirkt ist, geht es zwar nicht nach Troia. Aber Istanbul, Sehnsuchts- und Katastrophenort zugleich für die „Heldin“ des Romans und des Stücks, ist so weit ja nicht entfernt, wenngleich fast 2500 Jahre dazwischen liegen.

Im „Central“ schickt Jan Gehlers Inszenierung der Uraufführung die knapp 18-jährige Deutschtürkin Hazal (Cennet Rüya Voß) durch alle möglichen Alltags-Welten. Daheim, in Berlin, gibt’s Zoff mit der Familie, die nie so recht in Deutschland Fuß gefasst hat. Kein Wunder, dass Hazal woanders nach Verständnis und Liebe sucht. Mit einem katastrophalen ersten Ergebnis: Sie muss, nach einem tödlich endenden Abend mit ihren Freundinnen, aus Berlin fliehen.

Ausgelassen sollte es zugehen an ihrem 18. Geburtstag, der heiß ersehnte Tag ihrer Volljährigkeit wild gefeiert, die erhoffte große Freiheit begrüßt werden. Mit ihren Freundinnen Elma (Lou Strenger), Gül (Florenze Schüssler) und Ebru (Tabea Bettin) wird eine Diskothek angesteuert. Doch sie werden abgewimmelt. Eine Mischung aus Frust und Wut, Alkohol und Hilflosigkeit lässt das Quartett auf einer S-Bahn-Station ausrasten. Von einem besoffenen Studenten angemacht, kommt es zum Streit. Der steigert sich zu unkontrollierter, hemmungsloser Wut, und der Übeltäter landet im Gleisbett der Bahn. Geschlagen und getreten von Hazal und ihren Freundinnen, stirbt er. Seitdem ist die Polizei hinter Hazal her.

Sie flieht nach Istanbul, in die Stadt ihrer naiv-jugendlichen Träume. Doch die wird zum Albtraum. Dank Mehmet, zu dem sie sich hingezogen fühlt und bei dem sie wohnt. Auch er war ein Stück jugendlicher Hoffnung, ihr Schwarm dank Facebook-Beziehung. Doch der Angehimmelte entpuppt sich als brutal und Drogen-Junkie. So wird ihr Fluchtort zur zweiten Fremde. Verzweifelt rennt sie buchstäblich gegen die Wand. „Ich will keine Reue zeigen“, schreit sie ihrer Tante entgegen, die sie nach Berlin zurückholen will. Gleichwohl ist sie eine Zerrissene, mögen ihre letzten Worte auch optimistisch sein: „Ich öffne die Augen, sehe ein Stück Nacht und lächle mir selbst zu“.

Doch ehe es zu diesem Lächeln kommt, hat das Publikum eine lange Durststrecke zu überstehen. Den Text des Romans in Szene zu setzen, Bilder zu entwickeln, die mehr sagen als bloße Worte, vermisst man zu sehr. Auch wenn die vier Grazien, aus nicht ganz verständlichen Gründen, eine gefühlte Ewigkeit auf einer hochgetürmten Wand aus 14 Lautsprecher-Boxen ihre Spielchen treiben. Das ist manchmal putzig anzusehen, dabei oft nur schwer zu verstehen und auf Dauer in der Gefahr, vor lauter Wiederholungen in Langeweile zu enden.

Doch kaum ist Hazal allein in Istanbul, auf einer nackten, nur durch einen Lichtervorhang belebten Bühne, gewinnt der Abend - an Leben, Emotionen und Kraft. Das recht Unverbindliche der ersten Stunde ist wie weggewischt. Bis zum bittersüßen Ende, wenn die Verzweiflung im Lächeln endet. Dann lächelt nicht nur Hazal. Auch das Publikum ist fast aus dem Häuschen.